Veronika Leckzut und Jens-Uwe Rösch leben in der Chiron-Siedlung, sie seit fünf Jahren, er mehr als doppelt so lang. Foto: Judith A. Sägesser

Was in einer Siedlung in Tuttlingen im vergangenen Jahr passiert ist, erweist sich trotz etwas höherer Mieten für die Bewohner als Geschenk: Sie leben in Häusern, die mit vorgefertigten Teilen modernisiert wurden.

Hätte man Veronika Leckzut und Jens-Uwe Rösch vor einem Jahr vor ihren Häusern besucht, es wäre ein komplett anderes Bild gewesen. Die beiden wohnen in der Chiron-Siedlung in Tuttlingen, einst das Zuhause für Arbeiter des gleichnamigen Werkzeugmaschinenbauers, der unweit angesiedelt ist. Leckzut lebt seit fünf Jahren an der Olgastraße, Rösch seit zwölfeinhalb Jahren an der Kreuzstraße. Die zehn Mehrfamilienhäuser, die keine alltägliche Verwandlung hinter sich haben, schlängeln sich in Z-Form durch ein ruhiges Wohngebiet.

 

„Jetzt sind sie natürlich schicker“, sagt Veronika Leckzut über die Gebäude, die vor einem Jahr noch in fahlem Gelb dastanden; sie sind Baujahr 1945, wenn auch zwischendurch mal renoviert. Das alles war einmal. Bis die Sanierung kam: Innerhalb recht kurzer Zeit sind die Fassaden der zehn baugleichen Häuser gedämmt worden, die Dächer sind nun mit Solaranlagen bestückt, in den Gärten stehen neue Wärmepumpen. Lediglich der Blick in die Treppenhäuser verrät, dass es sich nicht um Neubauten handelt. Die Türschwellen sind gleichzeitig Übergänge zwischen zwei Bauzeiten.

Vorzeige-Siedlung mit Energiesprong-Prinzip

Was die Stadtbau Tuttlingen in ihren zehn Mietshäusern mit 55 Wohnungen ausprobiert hat, ist in Deutschland noch recht neu, in den Niederlanden hingegen seit zehn Jahren Praxis: der Energiesprong.

Fassaden-, Dach- und Haustechnikmodule werden digital erfasst, in der Fabrik vorgefertigt und schließlich vor Ort lediglich montiert.

Die Chiron-Siedlung in Tuttlingen ist eines von zwei Projekten in Baden-Württemberg, das bisher nach dem Energiesprong-Prinzip saniert worden ist; das andere ist in Tübingen. Werden bei herkömmlichen Sanierungen etwa 95 Prozent auf der Baustelle selbst gefertigt, verlagere der serielle Ansatz rund 80 Prozent in die Fabrik, heißt es in einem Imagefilm des unabhängigen Marktentwicklungsteams der Dena, das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz den Energiesprong in Deutschland etablieren soll.

Bundesweit sind laut Dena 58 serielle Projekte fertiggestellt, 26 befinden sich im Bau, weitere 175 im Status der Vorbereitung oder Planung. Ein Versprechen: Gebäude, die den Energiesprong gemacht haben, benötigen 80 bis 90 Prozent weniger Energie. Diese produzieren sie weitgehend selbst.

Ob das auch in Tuttlingen so ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Das Projekt wurde gerade erst fertig, in den Gärten sind noch die Spuren der Bauarbeiten zu sehen.

Veronika Leckzuts Haus war schon im Herbst 2023 an der Reihe. „Im Schlafzimmer und im Kinderzimmer habe ich diesen Winter gar nicht mehr geheizt“, sagt sie. Der Unterschied, seit die Gebäudehülle 36 Zentimeter dicker ist, sei groß. „Die Luft ist angenehmer, und man schläft auch viel besser.“

Pro Haus hat die Montage der Fertigteile eine Woche gedauert, sagt Michael Heim, der leitende Architekt der Stadtbau Tuttlingen. Verglichen mit einer normalen Sanierung sei es in der Chiron-Siedlung spürbar schneller gegangen. Und Geschwindigkeit gilt als wichtiger Faktor. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die Sanierungsrate in Deutschland bei zwei Prozent liegen, das wäre mindestens eine Verdopplung zum Status quo. Serielles Sanieren gilt als eine Möglichkeit, Fahrt zu gewinnen.

Ein anderes Versprechen des Energiesprong-Prinzips würde die Geschäftsführung Stadtbau Tuttlingen derweil nicht kommentarlos unterschreiben. Die Kosten für das Leuchtturm-Projekt lagen bei sechs Millionen Euro, sagt die Geschäftsführerin Rita Hilzinger. 2,4 Millionen Euro davon gab es als KfW-Zuschuss. Für die Stadtbau sei die Chiron-Siedlung trotzdem ein kostspieliges Unterfangen. Mit der Miete hätten sie bei den bestehenden Bewohnern nach dem Umbau um 5,63 Euro pro Quadratmeter nach oben können, sagt Hilzinger. Um maximal 1,50 Euro hätten sie erhöht. „Den Rest tragen wir.“

Schnell, teuer aber langfristig energiesparend

Für künftige Projekte müsse man sich daher überlegen, wie man beispielsweise zusätzlich bestehenden Wohnraum erweitert. In der wegweisenden Siedlung kommt immerhin ein Gebäude dazu und Dachwohnungen werden ausgebaut. „Wir brauchen Refinanzierungsmöglichkeiten“, erklärt der Geschäftsführer Horst Riess. Er denkt, dass es ohne entsprechende Förderungen nicht gehen wird.

Alles in allem ist das, was die Stadtbau hier als Pionier umgesetzt hat, für die Bewohner ein Geschenk. Die Mieterhöhung sei „vertretbar“, sagt Veronika Leckzut.

Demnächst wird die Stadtbau den Bewohnern erklären, wie sie den Solarstrom vom Dach bestmöglich nutzen und wie sie effizient heizen. Noch haben sie keine Energie-Abrechnung, aber es ist damit zu rechnen, dass sie diesmal um einiges niedriger ausfällt.

Hoher Sanierungsbedarf, niedrige Sanierungsquote

Leitfaden
Was ist bei der Haussanierung zu beachten? Schritt für Schritt beantwortet ein Leitfaden von Zukunft Altbau diese Frage. Bei Zukunft Altbau handelt sich um ein vom Umweltministerium Baden-Württemberg gefördertes Programm, um die Sanierungsrate zu erhöhen. Der Leitfaden umfasst 56 Seiten und ist kostenlos zu bekommen unter www.zukunftaltbau.de/material.

EU-Regeln
Im Frühjahr 2024 hat die EU eine Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden verabschiedet. 35 Prozent der Gebäude in der EU sind älter als 50 Jahre, 75 Prozent sind nicht energieeffizient, die Sanierungsrate liegt bei einem Prozent. Mit der Richtlinie soll der durchschnittliche Primärenergieverbrauch von Wohngebäuden bis 2030 um 16 Prozent und bis 2035 um 20 bis 22 Prozent gesenkt werden. (ana)