Die weiteren Untersuchungen bestätigen, dass sich der Nationalspieler schwerer am Sprunggelenk verletzt hat. Vorerst fällt er aus – doch wenn der Heilungsprozess gut verläuft, könnte er im Pokalfinale am Ball sein. Wir liefern die Hintergründe.
Die Szene schockt noch immer. Wie Angelo Stiller von hinten in die rechte Wade getreten wird. Wie er dadurch mit dem Sprunggelenk extrem umknickt. Wie der Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen liegen bleibt. Stillers Tränen beim Humpeln in die Kabine steigerten die Dramatik. Der Nationalspieler sah in diesem Schreckensmoment bereits das anstehende Pokalfinale ohne sich über die Bühne gehen.
Doch es bleiben knapp zwei Wochen, um den Fuß hinzubekommen. Behandlungs- und Genesungszeit, die es braucht. Für diese Chance wird in der medizinischen Abteilung des VfB alles getan. Dennoch legt sich die Empörung über das üble Foul von Samuel Essende auch am Tag nach dem 4:0-Sieg des Fußball-Bundesligisten gegen den FC Augsburg nicht. Stiller sei zusammengetreten worden, heißt es verkürzt in Fankreisen.
Opfer des schönen Stuttgarter Spiels
Nicht zum ersten Mal in der laufenden Saison. Der 24-Jährige hat ständig unter rüden Attacken des Gegners zu leiden. Diesmal gab es für die Regelwidrigkeit jedoch nicht die Gelbe, sondern mit Verzögerung nach Intervention des Video-Assistenten die Rote Karte durch Schiedsrichter Timo Gerach. Trotzdem ist beim weiß-roten Anhang teilweise von Vorsätzlichkeit die Rede. Man sieht Stiller als Opfer des schönen Stuttgarter Spiels – weil er den Takt vorgibt und den Rhythmus bestimmt.
So weit geht beim VfB jedoch niemand. Atakan Karazor, der nah bei Stiller positioniert war, und die angebliche Jagdszene auf den Mitspieler mitbekam, erkannte keine böse Absicht bei Essende. „Das war sicher eine unglückliche, aber auch unnötige Situation“, sagt der VfB-Kapitän, „ich glaube, Samuel Essende hat selbst gleich gemerkt, dass er da über die Grenze gegangen ist.“
Wo diese liegt, ist beim Fußball ja immer so eine Sache. Härte gehört dazu – und der FCA gilt nicht als feine Mannschaft. Er tritt körperbetont auf. Aggressivität ist ohnehin ein Mittel, das häufig gegen Techniker angewandt wird. Stiller hat das auch schon in anderen Begegnungen zu spüren bekommen. Wie im vergangenen Januar, als er auffällig oft angegangen wurde. Schon da warnte der Trainer Sebastian Hoeneß ohne eine Diskussion anzetteln zu wollen: „Wir müssen aufpassen, das kann auch anders ausgehen.“
Diesmal ging es für Stiller auf dem Feld tatsächlich nicht mehr weiter. Die ersten Untersuchungen am Sonntagabend ergaben eine schwerere Verletzung des Bandapparats, die weiteren Bilder bestätigten dies am Montag. Die Diagnose ist somit klar, eine eindeutige Prognose, was die Ausfallzeit anbelangt, lässt sich daraus nicht ableiten. Am Samstag (15.30 Uhr) beim letzten Liga-Auftritt der Saison in Leipzig wird Stiller fehlen. Die Woche darauf im Endspiel des DFB-Pokals soll der Mann mit der Rückennummer sechs im Berliner Olympiastadion gegen Arminia Bielefeld möglichst wieder auflaufen.
Das sagt die Foul-Statistik
„Wir haben die Hoffnung, dass Angelo im Finale zum Einsatz kommen kann. Wir müssen aber den Heilungsverlauf abwarten“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, der sich wie Hoeneß auf keine weiteren Spekulationen über die Ausfalldauer einlassen will. Und an der sportlichen Bedeutung des Schlüsselspielers führt ohnehin kein Weg vorbei. Nahezu alle Angriffe laufen über ihn. Stiller verkörpert eine Art Mensch gewordenes Metronom. Kurze und lange Pässe – er mischt und verteilt sie. Zudem ist der Linksfuß mit acht Vorlagen der beste Stuttgarter Torvorbereiter in der Bundesliga.
Das ist auch den Gegner nicht verborgen geblieben. Karazor und Stiller, die viel beachtete Doppelsechs, sind die am häufigsten gefoulten Spieler beim VfB. Karazor liegt in dieser Statistik ligaweit auf Platz vier (59). Nur Lois Openda (RB Leipzig/77), Frank Onyeka (FC Augsburg/74) und Michael Olise (FC Bayern/63) rangieren vor ihm. Stiller (47) wird auf Rang 16 geführt. Ungewöhnlich ist das mit Blick auf die Stuttgarter, da in der Regel Offensivakteure und Dribbelkünstler meist unfair gestoppt werden.
Eine Ursache für die Abweichung beim VfB liegt sicher in der Spielweise. Das defensive Mittelfeld dient als Schaltzentrale, Stiller und Karazor haben viele Ballaktionen – und diese wollen die gegnerischen Trainer natürlich unterbinden lassen. Dem FCA-Coach Jess Thorup gelang das nur zeitweise nach dem frühen Rückstand durch Karazor (8.) und der raschen Unterzahl nach Essendes Platzverweis (12.). Selbst der schnelle Ausfall des Stiller-Ersatzes Yannik Keitel nach einer Prellung (33.) ließ den schwäbischen Motor nur vorübergehend stottern.
Nick Woltemade (51.), Enzo Millot (80.) und Ermedin Demirovic (87.) legten nach. Dabei überzeugte auch der zuvor verletzte Millot als Ersatz vom Ersatz im defensiven Mittelfeld. „Er hat nach seiner Einwechslung gleich ein Zeichen gesetzt und sich eine Gelbe Karte abgeholt“, sagt Wohlgemuth, „danach hat er mit Ballbesitz, schlauen Ideen und dem Tor gezeigt, warum er wichtig ist.“ Als Alternative zum verletzten Regisseur stünde der Franzose also bereit. Lieber wäre dem VfB aber, dass Stillers Lächeln zurückkehrt und er in Berlin spielen kann.