Kickers-Präsident Rainer Lorz bekam trotz schwieriger sportlicher und finanzieller Lage viel Applaus von den Mitgliedern. Foto: Baumann

Bei der Mitgliederversammlung verkünden die Stuttgarter Kickers ein Jahresdefizit von 471 000 Euro. Präsident Rainer Lorz bleibt im Amt, der Verein will aus Fehlern lernen.

Erstmals seit vielen Jahren ging die Mitgliederversammlung der Stuttgarter Kickers nicht an einem Montag, sondern donnerstags über die Bühne. Was sich im Gegensatz zum Wochentag nicht änderte, ist die weiterhin sehr herausfordernde Lage der Blauen. Nicht nur was das Sportliche, mit Regionalliga-Platz zwölf vor dem Spiel am Sonntag beim SV Sandhausen betrifft, sondern vor allem mit Blick auf die Finanzen.

 

Präsident Rainer Lorz musste im SSB-Veranstaltungszentrum Waldaupark für das abgelaufene Geschäftsjahr vom 1. Juli 2024 bis zum 30. Juni 2025 ein Defizit von 471 000 Euro verkünden. Davon gehen laut Kickers-Chef rund 233 000 Euro vertragsgemäß zu Lasten des Genussrechtskapitals, das sich entsprechend reduziert. Als Bilanzverlust werden somit letztlich 239 000 Euro ausgewiesen. Das negative Eigenkapital erhöht sich auf rund 2,4 Millionen Euro.

Aufgrund der positiven Fortschreibungsprognose und der gewährleisteten Zahlungsfähigkeit des Clubs hat dies keine direkten Auswirkungen auf das operative Geschäft. In der dritten Liga jedoch könnte aufgrund anderer Lizenzierungsbedingungen eine Nichtreduzierung des negativen Eigenkapitals (bilanzielle Überschuldung) bestraft werden.

Die Bilanz der Kickers für das Geschäftsjahr vom 1. Juli 2024 bis zum 30. Juni 2025. Foto: Stuttgarter Kickers/Yann Lange

Was nichts daran ändert, dass der Sprung nach oben das mittelfristige Ziel der Kickers bleibt. „Die Regionalliga bleibt ein Kraftakt, in dieser Spielklasse musst du fast schon mit einem strukturellen Defizit leben, wenn du etwas Vernünftiges auf die Beine stellen willst“, sagte Lorz. Es sei denn durch außerordentliche Zuwendungen von Freunden, Gönnern und Unterstützern oder aus anderen Quellen sprudelt das Geld.

Werbeerträge wachsen

Die Kickers können sich über Spenden – zum allergrößten Teil von Gremiumsmitgliedern – nicht beschweren. Auch die Werbeerträge wuchsen von 2,75 auf 3,13 Millionen Euro. Dass dennoch ein Defizit ausgewiesen werden musste, lag neben den höheren Aufwendungen fürs Nachwuchsleistungszentrum (das NLZ stieg in die Kategorie 2 auf) vor allem an den gestiegenen Personalkosten für die erste Mannschaft.

Diese erhöhten sich von 2,62 auf 3,15 Millionen Euro. „Wir wollten nach dem verpassten Aufstieg unter Mustafa Ünal Qualität in die Mannschaft bringen, sind dabei über das Ziel hinausgeschossen, hatten einen zu großen Kader und wollten einfach zu schnell zu viel“, räumte Lorz offen ein. Aus solchen Fehlern müsse man lernen. So habe auch der neue Sportgeschäftsführer Lutz Siebrecht (seit Januar 2025 im Amt) klare Vorgaben bekommen, Korrekturen vorzunehmen und diese auch umgesetzt. Verträge mit älteren Spielern wie Brian Behrendt oder Vico Meien wurden aufgelöst, viele junge Spieler in den Kader eingebaut.

Nach dem jüngsten 0:1 gegen Fulda war auch bei Oskar Hencke der Frust groß. Foto: Pressefoto Baumann

Klar ist für Lorz: Die Blauen wollen die Einnahmen und Ausgaben in ein Verhältnis bekommen, damit künftig keine roten Zahlen mehr geschrieben werden. „Wir haben für die nächsten drei Jahre eine Planung aufgemacht, in der wir auf solider Basis einen vernünftigen Etat aufstellen. Nichts Weltbewegendes, aber mit dem man eine sportliche Ambition unterlegen kann.“ Er selbst sowie vor allem auch die Aufsichtsratsmitglieder Günter Daiss und Ralf Hofmann spielen für die finanzielle Ausstattung dieses Weges eine ganz wesentliche Rolle. Ein Weg, der mit der Rückkehr in die dritte Liga enden soll.

Kickers-Mannschaft samt Trainerteam auf der Bühne bei der Mitgliederversammlung. Foto: jüf

Das wäre auch für Rainer Lorz persönlich das große Ziel. Zunächst aber macht er erstmals – entgegen seiner Ankündigung vor einem Jahr – seine Amtsperiode bis 2027 zu Ende. Auf Bitten des Aufsichtsrats. Das Kontrollgremium legt in Anbetracht der anstehenden Aufgaben großen Wert auf die Erfahrung und das Netzwerk des Kickers-Chefs. „Ich muss aufpassen, dass ich keine lange Nase wie Pinocchio bekomme und sie mich nicht vom Hof jagen“, sagte Lorz an die Adresse der 237 anwesenden Mitglieder.

Das Gegenteil war der Fall. Minutenlanger Applaus prasselte dem 62-Jährigen entgegen, der sich später für die Entlastung von Präsidium und Aufsichtsrat bedankte: „Schließlich konnten wir nicht nur positive Dinge vermelden.“

Kickers-Gremien

Präsidium
Präsident Rainer Lorz (62, Rechtsanwalt), Schatzmeisterin Elke Kaiser (58, Steuer- und Wirtschaftsfachangestellte), Ingo Kochsmeier (56, Geschäftsführer Das Wohnhaus gGmbH), Holger Schäfer (68, Geschäftsführer CCP Condor Computer GmbH), Jürgen Kindler (53, Geschäftsführer Kratzer & Rieber GmbH), Steffen Müller (48, Projektleiter Einkauf Mercedes-Benz AG).

Aufsichtsrat
Vorsitzender Christian Steinle (54, Rechtsanwalt), Alexander Lehmann (56, Geschäftsführer Minol Messtechnik GmbH), Ralf Hofmann (62, Strategiebeirat der MHP Management- und IT-Beratung GmbH), Günter Daiss (86, Unternehmer), Federico Magno (52, Group CEO der MHP- Management- und IT-Beratung GmbH), Rüdiger Maier (59, Vorstandsvorsitzender bei der Neuen – Die Baugenossenschaft AG), Björn Scheib (52, Leiter Investor Relations bei der Porsche AG), Daniel Häußermann (51, Sprecher der Geschäftsführung HWP Handwerkspartner GmbH), Benedikt Mast (35, Betriebsplaner bei regionalem Busunternehmen), kooptiertes Mitglied: Maximilian Hofmann (31, Unternehmesberater). (jüf)