Stuttgart verliert einen Zeitzeugen: Andreas Markovic war dabei, als 2001 der erste Christopher Street Day stieg. Noch viel früher engagierte er sich bei der Aids-Hilfe.
In ihrer Geschäftsstelle hat die Stuttgarter Aids-Hilfe eine Gedenkwand. Hier erinnern Holztäfelchen mit Namen an die Menschen, die HIV-positiv oder an Aids erkrankt gestorben sind. Und an die verstorbenen Freundinnen und Freunde, die sich - teils jahrzehntelang - für die Aids-Hilfe engagiert haben. Andreas Markovic war so einer. Jemand, der sich stets eingesetzt hat, den man immer um Hilfe bitten konnte, ein Wegbereiter der queeren Community in der Landeshauptstadt, der vielen den Weg gewiesen hat.
Für ihn hat Bernd Skobowsky nun ein Täfelchen an dieser Gedenkwand angebracht. Denn Andreas Markovic ist am 30. April gestorben. Im November war er 60 Jahre alt geworden. „Wir sind sehr betrübt“, sagt Skobowsky, einer der Geschäftsführer der Aids-Hilfe. „Andreas ist schon Ende der 80er Jahre in unseren Verein eingetreten. Er war eines der Gründungsmitglieder, saß auch mit im Vorstand, machte Öffentlichkeitsarbeit.“
Er organisierte den ersten Christopher Street Day mit
Er war dabei, als im Jahr 2001 der erste Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart organisiert wurde. „Andreas gehörte von Anfang an zu den prägenden Persönlichkeiten. Er hat im Jahr 2001 gemeinsam mit anderen Gründungsmitgliedern den Grundstein dafür gelegt, dass sich die Pride-Bewegung in Stuttgart so erfolgreich entwickeln konnte“, schreibt das Vorstandsteam IG CSD Stuttgart auf der Homepage von Stuttgart Pride.
„In den letzten Jahren ist es ruhiger um Andreas geworden“, sagt Bernd Skobowsky. „Aber wir waren weiterhin in Kontakt.“ Andreas Markovic engagierte sich für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Menschen - in einer Zeit, in der es noch große Widerstände und Vorurteile zu überwinden galt. „Die Leute dieser Generation erzählen uns, dass sie auf der Königstraße noch angespuckt wurden, wenn sie ihren Infostand aufgebaut haben.“ Markovic, geboren 1965 in Neuenbürg an der Enz, war dabei, als 1992 die erste Hocketse der Aids-Hilfe stieg, er überzeugte Künstlerinnen und Künstler ohne Gage dort aufzutreten.
Partys der „Kleinen Bienenkönigin“ waren Safe Spaces
Mit den Partys der „Kleinen Bienenkönigin“ habe Andreas Markovic in den 1990er und 2000er Jahren „Feierräume für queere Menschen“ geschaffen, sagt Skobowsky. „Er organisierte Partys im Café Nil und Neckarschifffahrten. Als schwuler Mann schmiss er sogar die ersten Feten für lesbische Frauen.“ Heute gebe es überall queere Partys, praktisch jedes Festzelt auf dem Wasen habe inzwischen eine. „Aber damals waren das echte Safe Spaces.“
Seine Idee war auch die „Gastroaktion“ zum Welt-Aids-Tag: Zusammen mit dem Stadtmagazin Prinz boten Stuttgarter Restaurants spezielle Gerichte an - die Hälfte des Umsatzes ging dann an Projekte der Aids-Hilfe.
„Da gehen auch Zeitzeugen“
Es sei traurig, dass nun immer mehr Menschen sterben, die die queere Community in Stuttgart geprägt haben. „Wir haben schon Joachim Stein viel zu früh verloren. Da gehen auch Zeitzeugen, die uns noch so viel zu sagen hätten“, findet der Geschäftsführer der Aids-Hilfe. „Menschen wie Andreas haben die Weichen gestellt“, sagt Skobowsky. „Sie haben unseren größten Respekt verdient.“
„Sein Tod kam zu früh, damit hat keiner gerechnet“, sagt Bernd Skobowsky. Andreas Markovic' Angehörige haben das Leitungsteam der Aids-Hilfe gebeten, bei der Beerdigung ein paar Worte zu sagen. „Das tun wir natürlich sehr gerne.“ Auch im Rahmen des 25. CSD im Sommer wolle man an ihn erinnern.
Bernd Skobowsky hat auf die Holzscheibe für Andreas Markovic eine kleine Biene gemalt. Als Erinnerung an den Schaffer, der für die queere Community so viel getan hat.