Mörder von 81 Frauen: Der russische Serienkiller Mikhail Popkov. Foto: Screenshot Twitter/twitter.com/siberian_times?lang=de

Der russische Ex-Polizist Mikhail Popkov aus dem sibirischen Argansk wurde 2015 wegen der Morde an 22 Frauen verurteilt. Nun hat der 52-jährige Serienkiller weitere 59 Morde gestanden.

Stuttgart/Nowosibirsk - In Russland ist es das Gesprächsthema Nummer Eins: das Geständnis von Mikhail Popkov. Der 52-Jährige aus dem südsibirischen Argansk hatte 2015 den Mord an 22 Frauen gestanden. Jetzt hat er weitere 59 Morde zugegeben. Damit hat Popkov nach eigenen Aussagen in seiner 20-jährigen Karriere als Serienmörder insgesamt 81 Frauen auf bestialische Weise umgebracht. An so viele könne er sich erinnern, sagte er in den Verhören mit der Polizei. Vielleicht sind Popkov sogar noch mehr Menschen zum Opfer gefallen.

Der russische „Maniac“

Die russische Zeitung „The Sibirian Times“ dokumentiert die Untaten des „Maniac“ (auf deutsch: Wahnsinniger, Irrer) in einem ausführlichen Artikel, in dem auch Fotos von Opfern gezeigt werden.

Mikhail Popkov gilt als der schlimmste Serienkiller in der russischen Geschichte. Bisher führte Andrei Chikatilo die Rangliste mit 53 Morden an. Demnächst steht Popkov wieder vor Gericht, um sich für seine jetzt bekannt gewordenen Verbrechen zu verantworten.

Der auch als „Werwolf“ in die russische Kriminalgeschichte eingegangene Popkov begann seine Mordserie, die er eine „legitime Säuberungsaktion der Straßen von Prostituierten“ nannte, 1992. Erst 2010 konnte er nach jahrelanger polizeilicher Detektivarbeit gefasst werden.

Die Frauen mussten nach Aussage der russischen Ermittler unsägliches Leid ertragen. Popkov hielt nach jungen Frauen Ausschau, die aus Diskotheken und Bars kamen und bot ihnen an, sie heimzufahren. Doch stattdessen brachte er sie an geheime Orte, vergewaltigte sie und metzelte sie brutal nieder.

Einigen seiner Opfer riss er das Herz heraus, andere köpfte er. Als Mordwerkzeuge verwendete er Äxte, Schraubenzieher und Messer. Anfangs tötete er nur in seiner Heimatstadt Argansk, später in der gesamten Region von Irkutsk in Zentralsibirien.

„Es sind insgesamt 81 Morde“

Die „Siberian Times“ zitiert eine russische Kriminalermittlerin, der er die weiteren Morde gestanden hat. Er übernehme die volle Schuld und sei von seiner Überzeugung dazu geleitet worden, denn er wollte die Straßen von Prostituierten befreien, so zitiert die Polizei den Mörder. Die meisten seiner Opfer waren Frauen im Alter von 17 bis 38 Jahren.

Eine Sprecherin der Irkutsker Polizei erklärte, Popkov sei für die 22 bisher bekannten Morde verurteilt worden. „Diese Fälle sind bereits geschlossen. Es gibt also 59 neue Morde. Das heißt, wenn wir sie zu den früheren 22 hinzufügen, sind es insgesamt 81 Morde.“

Mikhail Popkov reiht sich ein in die Annalen sowjetischer Serienmörder wie Andrei Chikatilo – dem „Metzger von Rostov“ –, der wegen 53 Morden verurteilt wurde, den Moskauer Killer Alexander Pichuschkin – bekannt als der „Schachbrett-Mörder“ mit 49 Opfern – und den Ukrainer Anatoly Onoprienko, der wegen 52 Morden verurteilt wurde.

Popkows Frau Elena (51) und seine Tochter Ekaterina (29) weigerten sich lange zu glauben, dass der Ehemann und Vater ein Massenmörder sein könne. Seit dem Gerichtsprozess 2015 seien sie in eine andere Stadt gezogen, um dort ein neues Leben zu beginnen, schreibt „The Sibirian Times“.

Als Mörder geboren?

Einblicke in die Seelen von Serienmördern

Adrian Raine, Professor für Kriminologie, Psychiatrie und Psychologie an der US-Universität von Pennsylvania, erforscht seit mehr als 30 Jahren die Grundlagen des Verbrechens. Raine arbeitete jahrelang als Gefängnispsychologe. In seinem Buch „Als Mörder geboren. Die biologischen Wurzeln von Gewalt und Verbrechen. („The Anatomy of Violence“, Klett-Cotta Verlag 2015, 517 Seiten, 28,95 Euro) gibt er tiefe und zugleich entsetzliche Einblicke in die Seelen von Serienmördern.

Wie die von Jeffrey Landrigan: Er wurde als Baby in eine amerikanische Bilderbuchfamilie adoptiert und landete nach mehreren Morden schließlich im Gefängnis. Dort lernte Landrigan seinen biologischen Vater kennen, einen zweifachen Mörder und Schwerkriminellen.

Oder Richard Speck: Er überfiel 1966 ein Schwesternwohnheim in Chicago und metzelte acht Frauen mit einem Messer nieder. Speck war der Erste, bei dem Mediziner einen Gen-Defekt fanden. Dieser Fall löste in den USA überhaupt erst die Debatte über die mögliche Existenz eines „Killer-Gens“ aus.

„Natural born killers“

Raine glaubt allerdings nicht an den „Natural born killer“ – den als Verbrecher geborenen Menschen. Doch für den US-Wissenschaftler wie für andere Kriminologen und Hirnforscher steht fest: Es gibt eine „starke genetische Disposition für Kriminalität“.

Ausschlaggebend hierfür ist ein spezielles Gen, das sogenannte Monoaminoxiadse-A, auch MAOA-Gen genannt. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Produktion von Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin, das wie eine Art Stimmungsstabilisator wirkt. Forscher haben nachgewiesen, dass bestimmte angeborene Veränderungen dieses Gens (sogenannte Mutationen) die Neigungen zu Gewalt und aggressivem Verhalten erhöhen können. Auch veränderte Hirnfunktionen, welche die Impulskontrolle und die Stimmungsschwankungen steuern, sind als eine mögliche Ursache für kriminelles Verhalten ausgemacht worden.

„Im Extremfall als Mörder geboren“

„In ‚gewisser Weise‘ werden wir asozial, unfähig zum friedlichen Zusammenleben und im Extremfall als Mörder geboren“, sagt Adolf Gallwitz, ein renommierter Polizei-Psychologe, Psychotherapeut und Profiler an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen. „Ob wir jedoch zu Mördern werden, hängt von vielen Faktoren ab.“

Wie sich soziale und genetische Faktoren gegenseitig bedingen, illustriert der Kriminologe an folgendem Beispiel: Ein Mensch hat eine Disposition für schwere Straftaten im Bereich Körperverletzungsdelikte. Ein Teil dieser „Disposition“ sei eine angeborene Art und Weise, Umwelt, Gewalt, Bedrohungen oder Kränkungen wahrzunehmen. Wobei Wahrnehmung nie passiv sei. Gallwitz spricht hier von sogenannten Wahrnehmungsschemata: „Wir sehen zum Teil das, was wir sehen wollen schon auf der Ebene der Verarbeitung der Reize.“ Ein Teil davon sei die Reaktionsempfindlichkeit auf Kränkungen.

Für beide Faktoren hätten die von Raine erwähnten Gehirnregionen eine große Bedeutung, erklärt Gallwitz. „Überlagernd sind jedoch eigene Traumatisierungen. Hirnphysiologisch verändern Traumata die Art der Informationsverarbeitung und letztlich morphologisch auch das Gehirn. Das heißt, wir können mit bildgebenden Verfahren auch nachweisen, dass jemand viel neurotoxischen Stress erlebt hat.“ In ähnlicher Weise überlagernd wirke auch unsere gesamte Sozialisierung, welche die „Bahnungen der Nervenaktivität“ beeinflusse.

Als Mörder geboren- nur ein Horrorszenario?

„Den Mörder gibt es nicht“, unterstreicht auch Britta Bannenberg, die als Professorin Kriminologie an der Universität Gießen lehrt, im Interview mit dieser Online-Zeitung. „Motive sind sehr unterschiedlich, Persönlichkeiten auch.“ Auch die Umwelt hinterlasse ihre Spuren, betont die Strafrechtlerin. Ob jemand in extrem gewalttätiger Form agiere, habe auch damit zu tun, in welchem Umfeld er aufwächst. Erwachsene seien lange Jahre prägend für die frühen Erfahrungen.

„Wird von Erziehungspersonen Gewalt ausgeübt und befürwortet, fehlt es an warmherzigen Beziehungen und an Verhaltenskontrolle, sind das gewalt- und kriminalitätsfördernde Voraussetzungen“, sagt Britta Bannenberg. „Merkt ein Kind, dass es sich mit Rücksichtslosigkeit und Gewalt erfolgreich durchsetzen kann, lernt es, Gewalt positiv zu bewerten. Deshalb würde ich Horrorszenarien wie ‚Als Mörder geboren‘ auch nicht an die Wand malen.“

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