Shivan Khorto arbeitet an einer Schule in Degerloch, zieht drei Kinder groß, engagiert sich – doch mitbestimmen darf er nicht. Was macht das mit jemandem, der 2015 herkam?
So manche deutsche Korrektheit hat Shivan Khorto längst übernommen. Während eines Spaziergangs durch Degerloch zeigt er auf die parkenden Autos am Straßenrand: „Hier darf man wohl umsonst parken, die haben alle keinen Parkschein.“ Und obwohl weit und breit kein Auto fährt, bleibt Shivan Khorto so lange an der Fußgängerampel stehen, bis diese – nach einer gefühlten Ewigkeit – grün wird.
Der 43-Jährige lebt inzwischen seit zehn Jahren in Stuttgart. Er war Lehrer im Irak, nun arbeitet er als Erzieher im Schülerhaus der Albschule, betreut Grundschüler bei ihren Hausaufgaben, begleitet sie bei Freispielen und in Ferienangeboten. Parallel macht er eine Qualifizierungsfortbildung zum Fachwirt für Organisation und Führung.
Seine Frau ist angehende medizinische Fachkraft. Die Kinder gehen in die erste, dritte und sechste Klasse der deutsch-französischen Grundschule in Sillenbuch sowie der Fritz-Leonhardt-Realschule in Degerloch. Nach Schulschluss gehen sie zum Fußball und Klavier. Das klingt alles wie das Leben einer typisch deutschen Familie. Doch eine Sache ist anders: Die Stimme der Khortos zählt nicht. Sie dürfen nicht wählen bei der Landtagswahl am 8. März. Und sie durften es auch nicht bei der Kommunalwahl in Stuttgart 2024.
Sieben Jahre in Flüchtlingsunterkunft gelebt
Shivan Khorto ist im August 2015 mit seiner Frau und der damals zweijährigen Tochter aus dem Nordirak über die Türkei nach Deutschland geflüchtet. Zu Fuß und mit dem Auto schmuggelten Schleuser sie durch Bulgarien und Österreich, bis sie in Passau ankamen und von der Polizei in die Flüchtlingsunterkunft Meßstetten auf der Alb gebracht wurden. Dann landeten sie in Stuttgart: zunächst für ein Jahr in einer Unterkunft in Bad Cannstatt, danach für sechs Jahre in einer Unterkunft in Heumaden.
Einbürgerung vermutlich erst nach 13 Jahren in Deutschland
Als Jeside wurde Shivan Khorto in seiner alten Heimat diskriminiert, auch schon bevor der Islamische Staat (IS) sein Leben bedrohte. Sein Vater wurde im Irak getötet. Die Mutter und Geschwister leben inzwischen alle in Deutschland. Und abgesehen von der Mutter, die im Ruhestand ist, seien alle berufstätig und zahlten Steuern, sagt Shivan Khorto. Das ist ihm wichtig: dass sie keine finanzielle Unterstützung mehr vom Staat bekommen, sondern auf eigenen Beinen stehen.
Erst im April 2023 hat Shivan Khorto eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Er geht davon aus, dass er frühestens 2028 eingebürgert wird. Denn das dreijährige „Expresseinbürgerungsverfahren“ wurde eingestellt. Das würde bedeuten, Shivan Khorto hätte dann fast 13 Jahre in Deutschland ohne Wahlrecht gelebt. Denn um bei der Landtagswahl abstimmen zu dürfen, muss man deutscher Staatsbürger sein.
„Ich habe viel Zeit investiert für meine Integration hier“, sagt Khorto. „Wir haben uns hier ein Leben aufgebaut, haben in Irak alles verloren und verlassen.“ So hat er die deutsche Sprache gelernt, neben seiner Ausbildung einen Nebenjob gemacht und lange ehrenamtlich an der Grundschule Riedenberg gearbeitet. Doch zum Aufbau einer Zukunft in Deutschland gehöre es auch, ein Mitbestimmungsrecht zu haben, findet er. „Ich vermittle Kindern, wie wichtig Teilhabe ist, aber darf selbst nicht richtig teilhaben.“
Shivan Khorto betont, dass es ihm nicht um eine bestimmte Partei gehe oder gegen eine bestimmte Partei, sondern um das Wahlrecht generell. Was er aber sagt: Ihm macht die Stimmung und die Rhetorik einiger Politiker hier manchmal Angst. „Ich bin überzeugt, dass es andere Wahlergebnisse gäbe, wenn Menschen wie ich bei dieser Landtagswahl mitentscheiden dürften.“
Genozid an Jesidinnen und Jesiden
Situation
Die Gemeinschaft der Jesiden ist eine ethno-religiöse Gruppierung. Ihre Geschichte ist „geprägt von Ausgrenzung und Gewalt“, heißt es in einem Dokument des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Allein im August 2014 habe der sogenannte Islamische Staat (IS) in Nordirak zwischen 5000 und 10.000 Jesidinnen und Jesiden getötet, mehr als 6000 verschleppt und rund 400.000 vertrieben. Von weiten Teilen der irakischen Gesellschaft werden Jesidinnen und Jesiden als „Teufelsanbeter“ bezeichnet und erleben Diskriminierung. 2023 erkannte der Bundestag die Verbrechen des IS an den Jesidinnen und Jesiden als Völkermord an.