Philipp Kübler musste vor vier Jahren die Schließung des Traditionsgeschäfts an der Rotebühlstraße in Stuttgart bekannt geben. Foto: Marta Popowska

135 Jahre Handwerk, fünf Generationen. Was 1890 in Stuttgart begann, endet jetzt in der Insolvenz. Die Geschichte des schwäbischen Traditionsbetriebs Kübler – vom Aufstieg zur Großmetzgerei bis zum Aus in Waiblingen.

Seit Montag ist es offiziell: Die Metzgerei Kübler GmbH & Co. KG ist zahlungsunfähig. Das Amtsgericht Stuttgart hat das Insolvenzverfahren eröffnet, die Produktion ruht. „Der Geschäftsbetrieb kann nicht mehr hochgefahren werden“, erklärt der Insolvenzverwalter Tibor Daniel Braun auf Nachfrage unserer Zeitung. Damit endet die Geschichte eines Unternehmens, das einst als Symbol schwäbischer Metzgerkunst galt.

 

Die Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1890. Damals gründete Johann Burger in der Rotebühlstraße in Stuttgart eine Ochsenmetzgerei. Aus einem Laden wurde im Laufe der Jahre ein Familienbetrieb, der Generationen überdauerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Gebäude zerstört wurden, führte Paul Sommer – Schwiegersohn des Gründers – den Wiederaufbau. 1955 heiratete seine Tochter Traude Sommer den Metzgermeister Richard Kübler. 1966 wurde die Metzgerei in „Kübler“ umbenannt – der Name, der nun wohl verschwindet.

Aufbruch und Wachstum: Küblers Erfolgsgeschichte nach dem Krieg

Die Nachkriegszeit war von Aufbruch geprägt. Die Metzgerei florierte, 1970 entstand in Stuttgart ein „Großhandel für Jedermann“, 1992 folgte die erste Produktionsverlagerung nach Waiblingen. Unter Jochen Kübler wuchs der Betrieb weiter. Neue Filialen, Gastronomiekonzepte, modernisierte Produktion – Kübler war innovativ und traditionsbewusst zugleich.

Die Produktion im Waiblinger Ameisenbühl ist stillgelegt. Foto: Gottfried Stoppel

2007 wurde der Stammsitz am Feuersee neu gebaut: ein sechsstöckiger Komplex mit Metzgerei, Bistro, Restaurant und Biergarten – ein Prestigeprojekt. Noch 2016 investierte das Unternehmen fünf Millionen Euro in den Produktionsstandort Waiblingen, zehn neue Arbeitsplätze entstanden.

Traditionsmetzgereien im Rückgang

Doch bereits ab den 2010er Jahren zeigte sich, dass Tradition allein nicht genügt. Die Zahl der klassischen Metzgereien sank drastisch. Der Fleischkonsum in urbanen Räumen ging zurück, gleichzeitig wuchs die Konkurrenz durch Discounter und vegane Alternativen.

2021 kam das Signal zur Umkehr: Die Filiale in Stuttgart-West – das Herz des Betriebs – wurde geschlossen. Philipp Kübler, Geschäftsführer in fünfter Generation, sprach von einer „veränderten Nachfrage nach Fleisch“ und kündigte an, den Fokus auf Großhandel zu legen. Ein strategischer Schwenk, der sich als riskant erweisen sollte.

Neuausrichtung mit Fallstricken

Die Hoffnung lag zuletzt auf einem wachsenden Halal-Markt. Geplant war eine europaweite Belieferung – insbesondere türkischer Supermärkte. Doch eine angestrebte Partnerschaft mit dem Lebensmittelriesen Suntat zerschlug sich. Statt neuer Absatzmärkte folgte ein Rückzug: Der Direktverkauf im Waiblinger Ameisenbühl wurde geschlossen, Mitarbeitende wurden umverteilt.

Gleichzeitig traten Qualitätsprobleme zutage. Im Herbst 2024 etwa sorgten Rückrufaktionen für einen massiven Imageschaden: Jagdwurst, Schinkenwurst, Bauernpresssack in Dosen – nicht ausreichend gegart, potenziell verdorben. Ein Albtraum in einer Branche, die auf Vertrauen baut.

Noch ein Rettungsversuch: Der Wurst Discounter

Eine innovative Idee ließ zwischenzeitlich Hoffnung aufkeimen: Gemeinsam mit den Brüdern Altin und Milot Zogaj rief Philipp Kübler 2022 den „Wurst Discounter“ ins Leben. Ein Laden, der überschüssige, aber einwandfreie Ware zu günstigen Preisen anbot – „Sparen mit Sinn“. Vor allem Rentner schätzten das Angebot. Die Idee gegen Food Waste wurde gefeiert – wirtschaftlich jedoch reichte sie nicht zur Sanierung.

Der Absturz: Löhne bleiben aus, Kunden bleiben fern

Seit Anfang dieses Jahres wurde es still um Kübler. Der Imbiss war geschlossen, Telefone nicht mehr erreichbar, offene Fragen blieben unbeantwortet. Ein Großteil der 106 Mitarbeitenden erhielt offenbar seit Monaten keinen Lohn mehr. Am 28. April folgte die Eröffnung des Insolvenzverfahrens – der letzte Vorhang.

„Die Produktion existiert nicht mehr“, sagt der Insolvenzverwalter Braun nach einer ersten Bestandsaufnahme. Eine Sanierung sei ausgeschlossen, eine Betriebsübernahme undenkbar. Möglich bleibt nur noch der Verkauf von Maschinen, Gebäuden oder Markenrechten. Die einstige Traditionsmetzgerei ist Geschichte.


Mit dem Ende von Kübler geht nicht nur ein Unternehmen verloren. Es verschwindet ein Kapitel lokaler Handwerksgeschichte, das 135 Jahre lang mit Stuttgart und der Region verbunden war. Von der Lyoner fürs Enkelkind bis zum Dry Aged Steak für Feinschmecker – Kübler stand für Vielfalt, Qualität, Handwerk. Und konnte am Ende doch dem Druck der Märkte nicht mehr standhalten.