Die Produktion der Metzgerei Kübler im Waiblinger Ameisenbühl ruht schon seit einiger Zeit. Foto: Gottfried Stoppel

Die traditionsreiche Metzgerei Kübler mit Wurzeln in Stuttgart und Produktionsstätte in Waiblingen stellt ihren Betrieb ein. Was zum Absturz führte – und warum ein Comeback laut Insolvenzverwalter ausgeschlossen ist.

135 Jahre Tradition, fünf Generationen Familiengeschichte, zahlreiche Umbrüche und ein Kampf um Anpassung an neue Märkte – nun ist es endgültig vorbei: Die Metzgerei Kübler GmbH & Co. KG, einst ein Aushängeschild schwäbischen Metzgerhandwerks, wird liquidiert. Der Geschäftsbetrieb ist eingestellt, die Produktion ruht, die Lager sind leer. Am Montag eröffnete das Amtsgericht Stuttgart offiziell das Insolvenzverfahren.

 

Der Stuttgarter Rechtsanwalt Tibor Daniel Braun, bislang vorläufiger Insolvenzverwalter, wurde zum ordentlichen Insolvenzverwalter bestellt. Seine Einschätzung ist eindeutig: „Der Geschäftsbetrieb kann nicht mehr hochgefahren werden“, sagt Braun. Eine Sanierung sei ausgeschlossen. Zuletzt sei der Betrieb de facto bereits zum Erliegen gekommen, den meisten der rund 106 Beschäftigten war seit Monaten kein Lohn mehr gezahlt worden. Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens soll nun ermöglichen, dass die Mitarbeiter wenigstens für drei Monate Insolvenzgeld durch die Bundesagentur für Arbeit erhalten.

Metzgerei Kübler: 135 Jahre schwäbische Tradition enden

Damit endet wohl unwiderruflich die Geschichte eines Unternehmens, das seine Wurzeln im Jahr 1890 hat. Damals gründete Johann Burger eine kleine Metzgerei in der Stuttgarter Rotebühlstraße. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und einem Wiederaufbau folgte 1966 die Umbenennung in „Metzgerei Kübler“. In den 1990er Jahren verlagerte das Unternehmen seine Produktion nach Waiblingen, setzte auf Wachstum und Großhandel.

Doch auch Tradition schützt nicht vor Wandel. Schon 2021 kündigte der Geschäftsführer Philipp Kübler, der das Familienunternehmen in fünfter Generation leitete, einen radikalen Strategiewechsel an. Der traditionsreiche Standort Stuttgart-West wurde geschlossen, weil die Nachfrage nach Fleisch spürbar zurückging. Kübler setzte stattdessen auf Großkunden und spezialisierte sich zunehmend auf Halal-Produkte. Der Begriff „Halal“ bezeichnet Lebensmittel, die nach islamischem Recht erlaubt sind. Im Fall von Fleisch bedeutet dies, dass Tiere vor der Schlachtung betäubt und nach religiösen Vorschriften getötet werden – eine Vorgehensweise, die Kübler ausdrücklich im Einklang mit europäischen Tierschutzvorgaben hielt.

Auch der Imbiss ist schon länger geschlossen. Foto: Gottfried Stoppel

Doch die Strategie der Neuausrichtung ging nicht auf. Geplante Kooperationen, etwa mit dem türkischstämmigen Lebensmittelhändler Suntat, zerschlugen sich. Parallel beschädigten Rückrufaktionen das Vertrauen der Kundschaft: Wurstwaren in Dosen, darunter Schinkenwurst und Jagdwurst, waren nicht ausreichend gegart worden. Es bestand Verdacht auf drohende Verderblichkeit – eine schwere Hypothek für ein Unternehmen, das auf Qualität und Sicherheit angewiesen war.

Hinzu kam der verschärfte Wettbewerb: Discounter drückten die Preise, der Trend zu pflanzlichen Alternativen nahm Fahrt auf, und die Coronapandemie verstärkte die Unsicherheit. Innovative Projekte wie der „Wurst Discounter“ sollten helfen, überschüssige, aber einwandfreie Waren günstig an die Kundschaft zu bringen. Die Idee – Wurst- und Fleischprodukte, die Schönheitsfehler aufwiesen, zu reduzierten Preisen anzubieten – fand großen Anklang, insbesondere bei Rentnerinnen und Rentnern. Doch die Erlöse reichten nicht, um die strukturellen Probleme zu beheben.

Halal-Strategie der Metzgerei Kübler: Hoffnung ohne Zukunft

Philipp Kübler, der sich seit Anfang des Jahres aus dem operativen Geschäft weitgehend zurückgezogen hatte und nur noch als Gesellschafter fungierte, hatte im Februar noch Optimismus verbreitet. Er kündigte an, die Produktion verstärkt auf Halal-Waren auszurichten, um europaweit Supermärkte zu beliefern – etwa in Italien, Frankreich und den Niederlanden. Doch auch diese Hoffnung trog.

„Die Produktion existiert nicht mehr“, sagt Insolvenzverwalter Tibor Braun. Auch eine Übernahme als funktionierender Betrieb sei ausgeschlossen. Möglich sei höchstens noch der Verkauf von Maschinen, Immobilien oder Markenrechten.

Ungewisse Zukunft für 106 Mitarbeiter der Metzgerei Kübler

Für die verbliebenen 106 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet das Insolvenzverfahren eine ungewisse Zukunft. Viele von ihnen haben seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Ob ihre offenen Forderungen gegenüber der Metzgerei Kübler durchgesetzt werden können, bleibt fraglich. Der Ausgang von Insolvenzverfahren ist oft ungewiss – besonders wenn kaum noch Vermögenswerte vorhanden sind.

Die Metzgerei Kübler war über Jahrzehnte hinweg ein fester Bestandteil der Lebensmittelkultur in Stuttgart und Umgebung. Sie hatte Bombennächte überstanden, sich durch die Zeiten des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders gekämpft, Generationenwechsel gemeistert. Nun aber zeigt sich: Auch große Namen sind nicht vor den Kräften der Marktwirtschaft gefeit.

Das Schicksal von Kübler steht exemplarisch für die Herausforderungen, vor denen traditionelle Betriebe im Lebensmittelhandwerk stehen. Immer weniger Menschen konsumieren Fleisch in klassischen Mengen, vegane Alternativen boomen, und die Konkurrenz durch industrielle Großproduzenten verschärft den Druck zusätzlich.

Was bleibt, ist eine bewegte Geschichte und die Erinnerung an eine Zeit, in der Metzgereien wie Kübler einen festen Platz im Alltag der Menschen hatten. Die letzten Kapitel sind nun wohl geschrieben.