Konstantin Singer mit seiner Erfindung: Der 36 Jahre alte Mercedes-Entwickler fertigt die Zenbox in Stuttgart-Ost. Foto: Zenbox/Singer

Tagsüber entwickelt er bei Mercedes-Software, abends ein Gerät gegen Handysucht – produziert in Stuttgart-Ost. Warum er Investoren bislang in den Wind schießt.

Es ist kurz nach drei Uhr morgens. Konstantin Singer hat seine einjährige Tochter gerade wieder beruhigt, liegt jetzt aber selbst wach im Bett – und greift zum Smartphone. Statt einzuschlafen, so erzählt er es, scrollt der Stuttgarter durch Social Media. „Der eigentliche Schlafkiller war nicht das Gerät“, sagt der 36-Jährige heute, „es war mein eigenes Verhalten. Der Reflex war schneller als jeder gute Vorsatz.“

 

Aus diesem nächtlichen Moment im vergangenen Jahr ist ein Produkt entstanden, das mittlerweile knapp 1000 Mal verkauft wurde – und das in Stuttgart-Ost gefertigt wird: die Zenbox. Ein münzgroßes Gerät mit NFC-Chip, das ablenkende Apps mit einem simplen Prinzip blockiert: iPhone dranhalten, Apps sind gesperrt. Wer die Sperre wieder aufheben will, muss physisch zur Zenbox gehen. Kein digitaler Trick hilft.

Von null auf hundert Bestellungen – in einer Woche

Singer ist kein technikferner Aussteiger. Im Gegenteil: Der Stuttgarter arbeitet in der Entwicklung bei Mercedes und ist nach eigenen Worten seit 15 Jahren in der Digitalbranche unterwegs.

Die Software hinter der Zenbox hat er komplett selbst programmiert. Auch den Onlineshop. „Das ist kein Anti-Tech-Produkt“, betont der Stuttgarter. „Es ist ein bewusst gestaltetes Tech-Produkt, das Technologie nutzt, um uns Kontrolle über Technologie zurückzugeben.“

Mercedes-Entwickler Konstantin Singer erfindet die „iPhone-Bremse“. Foto: Zenbox/Singer

Die ersten Prototypen druckte ein Freund privat zu Hause. Dann machte Singer einen einzigen Post auf LinkedIn – und innerhalb einer Woche lagen knapp 100 Bestellungen vor. „Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Das muss professionell werden, und zwar schnell.“

Stuttgarter Gründer: „Wir konkurrieren mit Milliarden-Budgets“

Über das Netzwerk Startup Stuttgart e.V. fand er die WMT GmbH in Stuttgart-Ost, die heute die 3D-Druckproduktion übernimmt. Natürlich wäre China billiger, gibt Singer zu. „Aber für zwei, drei Euro weniger pro Stück gebe ich nicht Kontrolle, Qualität und lokale Wertschöpfung auf.“ Gerade arbeitet er an der Umstellung auf Spritzguss – ebenfalls in der Region geplant.

Das münzgroße Gerät blockiert ablenkende Apps – ohne Abo und ohne Cloud. Foto: Zenbox/Singer

Bei seinem Produkt geht es Singer, so sagte er, um Kontrolle in einer Welt, in der Algorithmen mit Milliarden-Budgets darauf optimiert sind, unsere Aufmerksamkeit zu binden. „Das ist kein fairer Kampf – und Willenskraft allein ist dafür kein geeignetes Werkzeug“, sagt er. Im Unterschied zu Handysafes, die radikal seien, oder Software-Tools, die sich leicht umgehen ließen, verbinde die Zenbox beide Welten: physische Reibung und digitale Intelligenz.

Skeptiker wenden ein: Wer keine Disziplin hat, legt auch die Zenbox irgendwann in die Schublade. Singer hält dagegen: „So wie ein Sportler nicht jeden Tag von Null motiviert sein muss, wenn er seine Laufschuhe schon vor dem Bett stehen hat.“ Es gehe nicht um Verzicht, sondern um bewusste Nutzung.

Keine Investoren – solange sie ein Abo wollen

Finanziert ist das Ganze vollständig aus eigener Tasche. Startkapital: unter 1000 Euro. „Erst echte Nachfrage beweisen, dann über Skalierung nachdenken“, beschreibt Singer seine Strategie. Der Vertrieb läuft ausschließlich über den eigenen Onlineshop, die Zenbox kostet 49,99 Euro. Ohne Abo, ohne Cloud, ohne Account-Zwang. Singer verspricht: „Alle Daten bleiben auf dem Gerät.“

Investoren? Durchaus eine Option, sagt Singer. Aber viele Gespräche verliefen nach demselben Muster: „Viele Investoren verlangen, dass Zenbox ein Abomodell wird. Das macht wirtschaftlich Sinn – aber es hindert den Impact.“ Ihm gehe es darum, möglichst viele Menschen von ihrer Handysucht zu befreien. „Das lässt sich mit einem einmaligen Kaufpreis ehrlicher vertreten als mit monatlichen Gebühren.“

Gründer: „Jedes Diensthandy sollte eine Zenbox bekommen“

Seine Vision für die kommenden drei Jahre ist ehrgeizig: Singer will raus aus der Konsumenten-Nische, rein in den B2B-Bereich. „Meine These: Jedes Diensthandy sollte eine Zenbox direkt mitgeliefert bekommen.“ Damit Mitarbeiter abends wirklich abschalten könnten – nicht nur theoretisch, sondern mit einer konkreten Alltagshilfe.

Er selbst kennt das Problem: „Ich habe lange zwei Handys mit mir getragen, eines privat, eines dienstlich. Das fühlt sich nicht nach Freiheit an. Es fühlt sich nach doppelter Erreichbarkeit an.“ Unternehmen, die in die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter investierten, würden das als strategischen Vorteil begreifen. „Fokus und Erholung sind keine Soft Skills – sie sind Voraussetzungen für gute Arbeit.“