Foto: Kraufmann

Auf die Frage nach der Mönchstraße werden viele Stuttgarter nicht weiterhelfen können. Dabei sind die prominentesten Bauwerke dieser Straße aus dem Stadtbild nicht wegzudenken.

Auf die Frage nach der Mönchstraße werden viele Stuttgarter nicht weiterhelfen können. Dabei sind die prominentesten Bauwerke dieser Straße aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Jeder Reisende, der am Hauptbahnhof eintrifft, kennt sie: Die vier Hochhäuser auf der rechten Seite, die über den Gleisanlagen und dem A1-Gelände des Projekts Stuttgart 21 zu schweben scheinen, sind unübersehbar.

Die Mönchstraße, die sich aus dem 1280 erstmals erwähnten Flurnamen Mönchberg beim heutigen Pragfriedhof ableitet, der wiederum wohl auf die Mönche des Klosters Lorch zurückgeht, ist längst weltlich geprägt. "Hier ist altes Eisenbahnergelände", sagt der 74-jährige Reinhard Mache, selbst ein alter Eisenbahner, der - natürlich - in einem der Eisenbahnerhochhäuser wohnt.

Dort, wo von 1954 bis 1956 nach Plänen des Architekten Helmuth Conradi vier baugleiche Hochhäuser elf bis 15 Stockwerke hoch in den Himmel wuchsen, waren ein paar Jahrzehnte zuvor noch Dampfzüge gerollt. Später wurde die alte Trasse der Gäubahn verlegt und für den Bau eines Güterbahnhofs der Hang zum Pragfriedhof massiv abgegraben. Zwei steile Geländestufen entstanden: eine an der Wolframstraße, darüber die an der Mönchstraße. An dieser Kante stehen die Hochhäuser.

Der Blick von Reinhard Mache schweift nicht hinüber zu den Maschinen und Kränen an der Baustelle für die neue Bibliothek. Der Lärm stört ihn nicht, dafür lebt er schon zu lange hier. Die Züge, die im Minutentakt zum Hauptbahnhof fahren, hört er nicht mehr, ebenso wenig wie die Stadtbahn in der Friedhofstraße und den stetigen Autoverkehr auf der Heilbronner Straße.

"Still", sagt Mache, hebt den Finger und spitzt die Ohren. "Eine Kohlmeise." Sie sitzt oben im Geäst einer Robinie. "Eigentlich ist hier ein gutes Gebiet für Vogelfreunde", sagt Mache. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Vogelkunde und Vogelfreunde muss er das wissen. Die Nähe des Pragfriedhofs mit seinen vielen Gehölzen wirkt sich aus. Nur den Eisvogel, den Vogel des Jahres, der auf Maches Krawatte gestickt ist, hat er in der Mönchstraße noch nie gesehen.

1955 war der in Bernstadt in Schlesien geborene Mache zum ersten Mal in der Mönchstraße. Damals studierte er in Esslingen Signal- und Nachrichtentechnik. In den Semesterferien verdiente er sich Geld bei der Bundesbahn, wo er einem Lautsprecherbautrupp der Fernmeldemeisterei Stuttgart zugeteilt wurde. Erste Aufgabe war es, für das Richtfest der Eisenbahnerhochhäuser Mikrofone und Lautsprecher zu installieren. "Die Akustik war verheerend", erinnert sich Mache, "fast alles ging schief."

Mehr Erfolg hatte Mache ein paar Jahre später, als er bereits ein junger Bahnbeamter war. 1963, kurz vor der Heirat, suchte er eine größere Wohnung und erinnerte sich an das Eisenbahnerhochhaus. "Man musste die Wohnung bei der Sozialabteilung der Bahn beantragen." Er bekam eine Zusage - auch ohne Trauschein. Vielleicht war es ein Vorteil, dass Ingeborg, seine Verlobte und spätere Ehefrau, im Bundesbahnsymphonieorchester erste Geige spielte.

Normalerweise ist ein Musikinstrument für die Nachbarn der Horror. Nicht so in diesem Fall. Die Räume sind so geschnitten, dass kaum Störgeräusche in die Nachbarwohnung dringen. Mache nennt als Beispiel den durchdachten Einbau von Toiletten und Bädern. So störe ein Eisenbahner, der zur Frühschicht muss, nicht den Schlaf des benachbarten Kollegen der Spätschicht.

Laut war es anfangs dennoch. "Als wir hier einzogen, gab es etwa 70 Kinder im Haus. Inzwischen sind es nur noch drei." Als Grund nennt Mache die geringe Größe der Zwei- und Dreizimmerwohnungen, die heutigen Ansprüchen von Familien nicht mehr genügen.

Auch bei den Garagen zeigt sich, dass die Planer in den 50er Jahren die Entwicklung des Individualverkehrs nicht richtig eingeschätzt haben. "Für drei Hochhäuser mit 210 Parteien gab es nur sieben Garagen", erinnert sich Mache, "eine davon war für den Hausmeister." Wahrscheinlich, so Mache, war die Bahn als Bauherr der Ansicht, dass Eisenbahner auch privat in alle Ewigkeit nur Zug fahren würden.

Eine der raren Garagen konnte sich Mache selbst sichern. Sein Fiat 600, den er 1968 ein paar Häuser weiter gebraucht bei einem Händler kauft, "war damals das fünfte Auto in der Straße". Heute steht Maches aktuelles Auto nicht in, sondern vor der Garage. Innen ist vor lauter zwischengelagerter Nistkästen kein Platz für die Blechkiste.

An Garagen hatten die Hochhausplaner nicht gedacht, dafür an ein großes Waschhaus. Noch bis in die 70er Jahre war der Flachbau täglicher Treffpunkt der Hausfrauen. Hier dampften keine Loks, sondern Waschkessel und die Heißmangel. Inzwischen steht das Waschhaus längst leer.

Neubauten prägen das andere Ende der Mönchstraße. An der Ecke Heilbronner Straße steht ein Neubau einer internationalen Hotelkette. Und direkt daneben brüten in einem Büroneubau die Ingenieure der DB-Projektbau GmbH über den Plänen für das Projekt Stuttgart 21.

Auch Generationen von Schülern haben über Produkte aus der Mönchstraße gebrütet, über schmalen Heften mit Lektüre. Der einst in Leipzig gegründete Reclam-Verlag hatte hier von 1950 bis 1980 seinen Sitz; später zog er nach Ditzingen.

Beim Stichwort Brüten blüht Mache auf. Die 1952 in Stuttgart eingewanderte Türkentaube hätte bereits 1964 in den Robinien der Mönchstraße gebrütet, erzählt er begeistert. Rabenkrähen und Elstern stehen auf seiner Bestandsliste, ebenso wie 16 Singvogelarten. Eines aber wurmt Mache noch heute. Sein Versuch, auf dem Hochhausdach Turmfalken zum Brüten zu bewegen, scheiterte. "Nistkästen waren in der Hausordnung nicht vorgesehen."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: