Für die Behandlung von gesetzlich Versicherten sollen Psychotherapeuten ab April weniger Geld von den Krankenkassen bekommen (Symbolfoto). Foto: imago images/Panthermedia

Die Krankenkassen kürzen das Honorar für ambulante Psychotherapeuten um fast fünf Prozent – ein Therapeut aus Winnenden erklärt, warum er dies für fatal hält.

Hohe Arbeitsbelastung, stetig steigende Patientenzahlen – und jetzt auch noch weniger Honorar: Bei vielen ambulanten Psychotherapeuten in ganz Deutschland herrscht derzeit Frust. Der Anlass: Ab dem 1. April 2026 sehen sie sich mit einer Honorarkürzung von fast fünf Prozent konfrontiert. Auch im Rems-Murr-Kreis ist der Unmut groß.

 

Davon ein Lied singen kann beispielsweise Elmar Kalle. Gemeinsam mit seiner Frau Jana Kalle-Krapf betreibt er in Winnenden eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Der Alltag der beiden ist bestimmt von den seelischen Leiden der Jüngsten und Jugendlichen – das verlangt das richtige Maß an professioneller Distanz und Einfühlungsvermögen. Kalle schildert einen beispielhaften Tagesablauf: „Morgens kommt ein 13-Jähriger mit Zwangsgedanken zu uns, danach ein autistischer Junge, der lernen muss, seine Emotionen zu regulieren, aber eigentlich nur über Dinosaurier spricht.“

Warum Psychotherapeuten jetzt weniger Geld von den Kassen bekommen

Elmar Kalle hat eine Praxis in Winnenden. Foto: Praxis Kalle-Psychotherapie

Der nächste Patient auf seiner Liste ist ein Transgenderjunge in einer schweren depressiven Episode. „Hier muss man auch Suizidgedanken abklären“, sagt Kalle. Es folgt ein Gespräch mit den verzweifelten Eltern eines 18-Jährigen, der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß. Nach der Mittagspause ist eine magersüchtige 14 Jahre alte Patientin an der Reihe, gefolgt von einer traumatisierten Borderline-Patientin und zu guter Letzt einer ADHS-Gruppe aus vier hyperaktiven Jungs im Grundschulalter. An neuen Patienten mangelt es auch nicht, die Warteliste der Praxis ist wie überall extrem lang.

Das sind viele menschliche Schicksale für einen Tag – und dafür, so der Plan der gesetzlichen Krankenkassen, soll es künftig 4,5 Prozent weniger Honorar geben. Denn der erweiterte Bewertungsausschuss – ein Gremium, das sich aus Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), des GKV-Spitzenverbandes sowie drei unparteiischen Mitgliedern zusammensetzt, hat am 11. März nach einigem Hin und Her beschlossen, die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen zu kürzen.

Zwar werden gleichzeitig die sogenannten Strukturzuschläge für Personalkosten rückwirkend angehoben. Dennoch bleibt insgesamt ein Minus. „Und bei welchen Tarifverhandlungen würde so etwas denn vorkommen“, beschwert Kalle sich. Der Beschluss sorgt für Unruhe in der Branche. „Ich weiß von mindestens einer Kollegin, die ernsthaft überlegt, ihre Praxis aufzugeben, weil sie nicht weiß, ob sie sich noch rechnet“, sagt Kalle.

Krankenkassen: Ein „angemessener Kompromiss“ im Sparzwang

Der GKV-Spitzenverband, die Dachorganisation der gesetzlichen Krankenversicherungen, verteidigt den Beschluss als „angemessenen Kompromiss“. Man beruft sich auf einen gesetzlich vorgeschriebenen Honorarvergleich, der „überproportionale Honorarerhöhungen“ bei Psychotherapeuten in den letzten Jahren gezeigt habe. Ursprünglich hatten die Kassen sogar zehn Prozent Kürzung gefordert. Die nun beschlossene Absenkung trage den Interessen der Beitragszahler sowie der Praxen Rechnung. Der GKV-Spitzenverband rechnet durch den Ausgleich der Strukturzuschläge mit einer realen Absenkung von rund 2,3 Prozent für das laufende Jahr.

Die psychotherapeutischen Verbände und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verurteilen den Beschluss dagegen scharf. KBV-Chef Andreas Gassen spricht in einer Mitteilung von einer „fatalen Entscheidung“ und einem „Unding“, dort zu sparen, wo ein Großteil der Versorgung für relativ wenig Geld stattfinde. Er kritisiert, psychisch kranke Menschen würden dadurch benachteiligt.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) prangert das Vorgehen als „Kürzungspolitik nach dem Rasenmäherprinzip“ an. Ihre Präsidentin Andrea Benecke bezeichnet es als „skandalös“, dass ausgerechnet die Fachgruppe mit den „niedrigsten Honoraren“ gekürzt werde, während Praxiskosten und Inflation stiegen. Die BPtK bezeichnet die Berechnungen, auf denen die Kürzung basiert, als „Äpfel-mit-Birnen-Vergleich“.

Honorarkürzung für Psychotherapie: Petitionen und eine Klage

Das Thema schlägt auch auf politischer Ebene Wellen. Eine Online-Petition zum Thema erzielte innerhalb kurzer Zeit 460.000 Unterschriften. Die Berufsverbände der Psychotherapeuten haben das Bundesgesundheitsministerium in einer Stellungnahme dazu aufgerufen, die Honorarkürzung zu stoppen. Die KBV hat zudem angekündigt, gegen die Kürzungen eine Klage einzureichen. In ganz Deutschland sind zudem Demonstrationen von Therapeuten angekündigt.

Aber selbst wenn die Honorarkürzung zurückgenommen wird, hat der Beschluss Schaden angerichtet, ist sich der Winnender Therapeut Elmar Kalle sicher: „Im Prinzip droht uns so etwas in der nächsten Verhandlungsrunde ja wieder.“ Manche Therapeuten, fürchtet er, könnten künftig weniger gesetzlich versicherte Patienten aufnehmen und vor schlechter vergüteten Langzeittherapien zurückschrecken. „Ich und meine Frau sind jedenfalls froh, dass wir mit Coachings für Paare noch ein anderes Standbein haben.“