In der Medius-Klinik Nürtingen (Kreis Esslingen) arbeiten jetzt Notaufnahme, Bereitschaftspraxis und ein Hausärzte-Team eng zusammen. Das Projekt hat Signalwirkung.
Plötzlich hat er heftige Atemnot. Eine innere Unruhe erfasst ihn – und die Angst, sein gesundheitlicher Zustand könnte sich verschlimmern. Was tun? Der Hausarzt hat längst Feierabend. Also ab in die neu errichtete Zentrale Notaufnahme (ZNA) der Medius-Klinik Nürtingen. Sie verspricht Hilfe bei jederart von Beschwerden – schnell und passgenau.
Mit fast 4000 Quadratmetern Fläche ist die ZNA fast schon ein eigenes kleines Krankenhaus. Die für knapp 30 Millionen Euro neu gebaute Notfallambulanz, die seit diesem Februar in Betrieb ist, bietet den rund 31 000 Notfallpatienten jährlich eine optimale medizinische Behandlung. Möglich macht dies nicht nur modernste Technik, sondern auch ein „zukunftsweisendes Versorgungskonzept“, wie der Aufsichtsratsvorsitzende der Medius-Kliniken, der Esslinger Landrat Marcel Musolf, voller Stolz betont. „Wir setzen ein echtes Leuchtturmprojekt um, das zeigt, wie die Gesundheitsversorgung in Zukunft aussehen wird.“
Was andernorts noch in Konzeptpapieren steht, ist in Nürtingen bereits gelebte Realität: In dem Neubau auf dem Säer sind stationäre und ambulante Bereiche unter einem Dach vereint. Neben der Notfallambulanz der Medius-Klinik und der Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung ist nun auch das Hausärztehaus Kirchheim als Mieter mit einer Zweigpraxis vor Ort vertreten.
Damit, so loben die Akteure unisono, sei ein sektorenübergreifendes Modell entstanden, das viele Vorteile habe: weniger Stress für das medizinische Personal, kürzere Wartezeiten für die Patienten und eine optimale Nutzung von Ressourcen. Mit der Kooperation wird laut Musolf jeder Quadratmeter der ZNA gleich dreifach genutzt.
Wer die Notfallambulanz aufsucht, gelangt über einen separaten Eingang in den gemeinsamen Empfangs- und Wartebereich. Nach der Anmeldung wird jeder Patient zunächst einer Ersteinschätzung, der sogenannten Triage, unterzogen. Hier entscheidet sich, wer sofort ärztliche Hilfe benötigt und wer noch warten kann. Je nach Schweregrad wird der Patient dann zur Behandlung weitergeleitet – entweder in die stationäre Notfallversorgung der Klinik oder zur ambulanten Versorgung. Diese übernimmt unter der Woche das Hausärztehaus und an den Wochenenden sowie an Feiertagen die von den Maltesern Neckar-Alb betriebene Bereitschaftspraxis. Beide teilen sich die Behandlungsräume und das Labor.
Niedergelassene Hausärzte sollen Klinik-Notärzte entlasten
Die hausärztliche Versorgung soll der Entlastung der Notfallambulanz vor allem in den Stoßzeiten am späten Vormittag und nachmittags dienen. Immerhin werden pro Tag bis zu 100 Patienten gezählt. Leider, räumt der ZNA-Chefarzt Heiner Stäudle ein, kämen noch immer zu viele Menschen mit eher harmlosen Beschwerden in die Nürtinger Klinik. Nur bei einem Drittel sei eine stationäre Aufnahme erforderlich. Die enge Verzahnung der Akteure wurde auch deshalb notwendig, weil sich nach der Schließung der Bereitschaftspraxis in Kirchheim der Druck auf die Notaufnahmen der Medius-Kliniken erhöht hat. Und nicht zuletzt gestaltet sich die Hausarztsuche immer schwieriger.
Nicht nur der Landrat spricht von einem „Projekt mit Signalwirkung“. Jörg Sagasser, der Geschäftsführer Medizin der kreiseigenen Medius-Kliniken, betont: „Wir setzen damit heute bereits um, was bundesweit im Rahmen der geplanten Notfallreform angestrebt wird“, nämlich die Schaffung sogenannter Integrativer Notfallzentren (INZ). „Durch die enge Zusammenarbeit von Notaufnahme, Bereitschaftspraxis und hausärztlichem Angebot gelingt es, Patientinnen und Patienten effizient in die jeweils passende Versorgungsebene zu steuern.“
Beruf des Allgemeinmediziners wird attraktiver
Auch das Hausärztehaus Kirchheim sieht in der Kooperation Chancen – nicht nur für (Neu-)Patienten. Die mittlerweile 13 Ärzte zählende Praxisgemeinschaft in der Max-Eyth-Straße wird jeweils im täglichen Wechsel einen Allgemeinmediziner nach Nürtingen schicken, berichtet Christopher Hahn, einer der Mitinhaber. Sie würden von der Zusammenarbeit mit den Klinikteams profitieren. „Als Arbeitgeber werden wir dadurch attraktiver“, sagt er.
Drei unter einem Dach
Zentrale Notaufnahme
Das Team aus Ärzten und speziell geschulten Pflegekräften steht sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr für die Behandlung bei akut lebensbedrohlichen Erkrankungen zur Verfügung.
Bereitschaftspraxis
Die von den Maltesern betriebene Bereitschaftspraxis ist für Patienten da, die nicht bis zur nächsten Sprechstunde warten können. Sie ist am Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 19 Uhr besetzt.
Hausärztehaus
Das Hausärztehaus dient der Entlastung der Notfallambulanz. Die Praxis der Allgemeinmediziner ist wochentags von 9 bis 17 Uhr mit einer Stunde Mittagspause geöffnet.