Auf Fahrschulen im Marktgebiet Stuttgart kommen Änderungen zu. Foto: dpa/Swen Pförtner

Zwei Abfahrtsorte für Führerscheinprüfungen fallen ab kommenden Montag in Stuttgart weg – was aus Sicht der Fahrschulen drastische Folgen für die Schüler haben wird. Die Kritik richtet sich gegen den Tüv Süd. Auch der ADAC ist besorgt.

Die Landesverkehrsminister wollen, dass der Führerschein günstiger wird. Dafür machten sie sich zuletzt beim Bund stark. In Stuttgart rechnen Fahrschulen und Verbände derweil künftig mit steigenden Preisen – und mit weiteren Folgen, die Änderungen im Prüfungsablauf mit sich bringen. Sie treiben die Branche in der Landeshauptstadt dieser Tage um.

 

Die Kritik der Fahrschulen und Verbände richtet sich an den Technischen Überwachungsverein (Tüv) Süd. Der Grund: Zwei Abfahrtsorte für Prüfungen fallen weg. Bislang verteilen sich die Schulen auf vier Wechselorte für ihre Fahrprüfungen. In Schreiben, die unserer Redaktion vorliegen, teilte der Tüv Süd den Fahrschulen im Marktgebiet Stuttgart mit, dass die externen Abfahrtsorte Wangen („aufgrund unangebrachten Verhaltens einiger – insbesondere einzelner – Fahrschulen“) und Westbahnhof („Die Bedingungen vor Ort waren für unsere Prüferinnen und Prüfer seit einiger Zeit suboptimal“) bald entfallen. „Auch Arbeitssicherheitsaspekte und allgemein die Sicherheit unserer Mitarbeiter haben uns veranlasst, die externen Wechselplätze zu überdenken“, ergänzt ein Tüv-Süd-Sprecher auf Nachfrage.

Nur die Abfahrtsorte Feuerbach und Filderstadt bleiben

Ab kommenden Montag „beginnen und enden alle praktischen Fahrerlaubnisprüfungen ab dem Tüv Süd Service-Center Stuttgart-Feuerbach“, schreibt der Prüfverein. Die Vorteile für Schulen und Schüler lauten aus seiner Sicht: zentrale Lage und gute Verkehrsanbindung, optimierte Prüfungsbedingungen, Komfort für Bewerber, Erreichbarkeit und Prüfplätze. Fahrschulen, die alternativ den Abfahrtsort Filderstadt wählen möchten, müssten sich bis Montag melden.

„Die Kurzfristigkeit finden wir ganz schlimm, aber auch die Idee als solche“, sagt Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg (FLV), der von 62 Stuttgarter Fahrschulen und mindestens sieben externen berichtet, die in der Stadt unterwegs sind. „Das Verhalten der Fahrschulen am Wechselplatz Wangen hat dazu geführt, dass der Betreiber den weiteren Betrieb untersagt. Die Fahrschulen wurden hiervon im Oktober schon informiert und versucht zu sensibilisieren“, teilt der Tüv-Sprecher mit. Es habe E-Mails und Telefonate gegeben.

Nun verbleibt nur noch Feuerbach als Wechselplatz – künftig zusammen mit Filderstadt. Rainer Zeltwanger, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Fahrschulunternehmen, rechnet mit Mehrkosten von etwa 1000 Euro, weil beispielsweise „eine Fahrschule aus Obertürkheim plötzlich ein neues Prüfgebiet in Feuerbach hat. Dadurch fallen erheblich mehr Fahrstunden an“. Jennifer Spazier, FLV-Kreisvorsitzende in Stuttgart, teilt diese Prognose. „Bei den heutigen Führerscheinkosten von circa 4500 Euro wird der Führerschein mit diesen Zusatzkosten für viele nicht mehr bezahlbar“, teilt Zeltwanger mit.

„Wir sind wirklich sehr verzweifelt“

Er sieht Einsparungen „von Spesen, Kilometergeld und Anfahrtskosten bei den Tüv-Prüfern“ als Grund für die Reduzierung von Abfahrtsorten an. Auch manche Fahrschulen vermuten Sparmaßnahmen. „Ein Wegfall von Spesen und Kilometergeld ist nicht gegeben. Arbeitsrechtlich stehen diese unseren Mitarbeitern grundsätzlich zu“, antwortet der Tüv darauf.

Bei den Fahrschulen und Verbänden schlägt die Entscheidung jedenfalls hohe Wellen. „Wir sind wirklich sehr verzweifelt“, sagt Ümit Yalcin, Inhaber der Fahrschule am Ostendplatz, stellvertretend für viele Kollegen. Er und weitere Fahrschulinhaber nennen im Gespräch mit unserer Zeitung vielfältige Folgen, mit denen sie ab kommender Woche rechnen.

Heftige Kritik der Fahrschulen

Der 40-Jährige, zugleich einziger Fahrlehrer seiner Schule, fragt sich etwa, woher er die Zeit nehmen soll, all die verschiedenen Prüfungsfahrzeuge hin- und wieder zurückzufahren. Er habe schon überlegt, seine Motorradflotte zu verkaufen. Die Liste der weiteren Kritikpunkte, die Fahrschulen an den Tüv Süd richten, ist nicht gerade kurz.

Chaos an der Krailenshaldenstraße in Feuerbach, eine Mehrbelastung für den Verkehr, längere Fahrzeiten, um mit Schülern im späteren Prüfgebiet zu üben, und somit steigende Führerscheinkosten sowie nicht zuletzt wirtschaftliche Folgen durch Wettbewerbsnachteile: All das und mehr sehen Fahrschulen auf sich und ihre Schüler zukommen.

„Wohin die ganze Reise gehen soll, wissen wir nicht“, sagt Serkan Kesmez, Chef der Fahrschule Kesmez in Bad Cannstatt, der mit seinem Betrieb auch Bus- und Lkw-Fahrer ausbildet. „Wir haben nichts gegen die Fahrerlaubnisprüfer, hier geht es nur um die Entscheidung der oberen Riege des Tüv“, sagt er und sieht „eine ganz klare Wettbewerbsverzerrung“. Jennifer Spazier, FLV-Kreisvorsitzende in Stuttgart, nimmt bei den Fahrschulen neben Verunsicherung teils auch Existenzängste wahr, „weil sie Gefahr laufen, dass Fahrschüler eventuell abwandern“.

Die Verbände rechnen durch die Reduzierung der Prüfungsorte mit steigenden Führerscheinpreisen für die Fahrschüler in Stuttgart (Symbolfoto). Foto: Lukas Schulze/dpa

Die Theorie: Schüler suchen sich künftig eher Fahrschulen rund um die verbliebenen Abfahrtsorte, um im späteren Prüfgebiet üben zu können. Oder – das wäre die Alternative – die Schüler lernen nicht dort, wo sie später die Prüfung ablegen. Mit der Folge, dass die Durchfallquoten steigen, wie Fahrschulinhaber vermuten.

Auch der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) Württemberg blickt kritisch auf die Änderung, denn sie „dürfte aus unserer Sicht erhebliche Auswirkungen auf Fahrschulen und Fahrschülerinnen und -schüler haben“, teilt Holger Bach, Abteilungsleiter Verkehr und Umwelt, auf Nachfrage mit. Er geht unter anderem auch auf mögliche Benachteiligungen ein. „Aus unserer Sicht muss der Zugang zur Fahrerlaubnisprüfung für alle Beteiligten fair, effizient und möglichst wohnortnah organisiert sein.“

Tüv will Kontakt zur Stadt aufnehmen

Wie geht es nun weiter? Auf die Fahrschulen wartet ein ungewisser Start. „Wir würden uns wünschen, dass wir zusammen mit dem Tüv ein paar Wechselplätze finden, die um Stuttgart herum am Stadtrand sind“, sagt der FLV-Vorsitzende Jochen Klima. Wie der Tüv Süd mitteilt, habe er dem Landesverkehrsministerium zugesagt, mit der Stadt Kontakt aufzunehmen, „um über vorhandene Liegenschaften zu sprechen und gegebenenfalls unser Prüfstellennetzwerk in Stuttgart auszubauen. Wenn sich sinnvolle Optionen für uns ergeben, werden wir diese nutzen und schnell die Umsetzung vorantreiben.“

Der baden-württembergische Fahrlehrerverband, der vor den Mitteilungen Ende März mit dem Tüv in Kontakt stand, setzt laut Klima momentan eher darauf, dass die Änderung noch einmal verschoben wird, um „in Ruhe“ nach Alternativen zu suchen.