Martin Hahn und Celina Schulz tun alles für ihre Körper. Ein Besuch beim Traumpaar der Bodybuilding-Szene in Metzingen. [Plus-Archiv]
Sie wiegt halb so viel wie ihr Liebster: Celina Schulz’ Wettkampfgewicht beträgt 51 Kilogramm, bei 1,65 Meter Körpergröße. Daneben wirkt Martin Hahn mit seinen gut hundert Kilo, die sich auf 1,85 Metern verteilen, wie eine andere Spezies. Warum passen diese beiden Wesen trotzdem zusammen?
Martin Hahn, Jahrgang 96, wächst in Metzingen auf. Sein Vater ist Pfarrer, seine Mutter Lehrerin. In der Schule versucht Martin, einen auf Klassenclown zu machen, aber niemand findet ihn lustig. Er wird gemieden, bekämpft seinen Frust mit Süßem und wird als „Fettsack“, wie er nun genannt wird, erst recht zum Mobbingopfer. In der Pubertät hungert Martin sich radikal runter, als Spargeltarzan kommt er aber auch nicht besser an. Wenn er im Unterricht etwas sagen soll, wird er rot und zittert. Im Sport ist er derjenige, der immer als Letzter in eine Mannschaft gewählt wird. Eine komplette Niete.
Heute ist Martin Hahn ein anderer Mensch. Süddeutscher Vizemeister im Classic Bodybuilding, selbstständiger Fitnesscoach mit 80 Klienten. Hahn tritt als Gesprächsgast im „Nachtcafé“, in der „Landesschau“ oder im Boulevardmagazin „Taff“ auf. Wo immer man ihn lässt, verbreitet er seine Botschaft, dass Krafttraining die beste Therapie gegen Minderwertigkeitskomplexe sei: „Die meisten beginnen mit dem Bodybuilding, weil sie Probleme mit ihrem Ego haben. Das war bei mir seinerzeit auch so.“
Der Beginn einer Verwandlung
2012 eröffnet in Metzingen ein neues Fitnessstudio. Martin, damals 16 Jahre alt, meldet sich an. Nach ein paar Wochen merkt er, wie sich sein Körper verändert: An der Brust, an den Bizepsen, an den Unterarmen bildet sich Muskulatur, am Bauch zeichnet sich ein Waschbrettmuster ab, und sein Rücken wirkt breiter. Seine Mitschüler fragen neidisch: „Boah, wo hast denn die Muckis her?“ Auch die Mädels interessieren sich nun für ihn, den kräftigen rotblonden Burschen mit den hellblauen Augen. „Es war damals die beste Entscheidung, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und an meinem Körper zu arbeiten“, sagt Martin Hahn.
Das Bodybuilding wird zum wichtigsten Teil seines Lebens. Er lässt sich sein Vorbild Arnold Schwarzenegger auf den Arm tätowieren: Arnie ist einer, der es an die Spitze geschafft hat. Dort will Martin Hahn auch hin. Diesem Ziel ordnet er alles unter. Er stemmt extreme Gewichte, drückt 300 Kilo beim Kreuzheben, 160 Kilo beim Bankdrücken oder stählt die Brust mit 70 Kilo schweren Kurzhanteln. Für die Ausdauer strampelt er morgens auf dem Hometrainer.
Noch wichtiger als das Training ist eine radikal auf Eiweißzufuhr ausgelegte Ernährung. Sechsmal täglich isst Martin Hahn. Direkt nach dem Aufstehen: ein Glas lauwarmes Wasser mit einem Esslöffel Apfelessig und einer halben Zitrone – das stärkt das Immunsystem und reinigt den Darm. Über den Tag verteilt: vier Eier, 600 Gramm Eiklar, ein halbes Pfund Hüftsteak, 200 Gramm Hühnerbrustfilet, 200 Gramm Wildlachsfilet, 300 Gramm Kartoffeln, 140 Gramm Reis, 60 Gramm Haferflocken, dazu eine Banane, Beeren, Melonenstücke, Paprika, Spinat, Karotten, Tomaten, Paranüsse. Macht unterm Strich rund 6500 Kilokalorien, was etwa sechs Pizza Salami entspricht. So steigert Hahn seine Körpermasse auf bis zu 120 Kilogramm, die er mit Krafttraining bearbeiten kann. Hinzu kommen diverse Nahrungsergänzungsmittel: Proteinpulver, Clusterdextrin, Creatin. „Wer Bodybuilding ernsthaft betreibt, macht es 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche“, sagt Hahn.
Der kurze Weg zur Bikini-Athletin
Wer will mit einem Mann zusammensein, der auf die Mast seiner Muskeln fixiert ist? Martin Hahns Liebschaften hielten bisher nie lange, weil sein spezieller Lebensstil seine Freundinnen überforderte. Im April 2020 stellt er sein Instagram-Profil mal wieder unfreiwillig auf „Single“. Das ist das Signal für Celina Schulz, ihre Fühler nach ihm auszustrecken. Das Bauchgefühl sagt ihr, dass er der Richtige für sie sein könnte.
Celina lernt schon als Sechsjährige im Ballettunterricht, den eigenen Körper zu beherrschen. Zu ihrer Realschulzeit tritt sie als Hip-Hop-Tänzerin auf. Mit 16 ist ihr Bewegungsdrang plötzlich verflogen: „Ich habe mich damals in der Computerwelt verirrt.“ Ganze Tage verbringt Celina vor dem Bildschirm, versinkt in den virtuellen Welten der Videospiele – „Minecraft und solche Sachen“. Die ehemalige Sportskanone wird pummelig. „Ich saß an meinem PC, sah an mir runter und entdeckte Speckringe am Bauch“, erzählt sie. „Daraufhin habe ich beschlossen, ins Fitnessstudio zu gehen.“
Von diesem Punkt an bewegen sich Celina Schulz und Martin Hahn in ähnlichen Bahnen. Auch sie unterwirft sich bald freiwillig dem Regelwerk des Bodybuildingverbands. Bei einem Newcomer-Event in Fulda startet sie im Oktober 2019 zum ersten Mal in der sogenannten Bikini-Klasse – und gewinnt den Titel. Im Gegensatz zum klassischen Bodybuilding werden bei den Bikini-Athletinnen neben der Muskulatur auch Kriterien wie Harmonie, Proportion, Ästhetik und feminine Ausstrahlung bewertet.
Boomende Fitness-Branche
Die Juroren feiern das Wunderkind Celina Schulz. Mit ihrer schmalen Taille besitze sie offensichtlich eine günstige genetische Veranlagung. Man lobt ihre anmutigen Bewegungen, geschult durch das jahrelange Tanztraining. Auch ihr gewinnendes Lächeln könnte dabei helfen, sie zu einem Social-Media-Star aufzubauen. Es winken Millionen von Klicks und Likes für ihre Fotos und Videos, dazu lukrative Werbeverträge: Die Fitnessbranche boomt, weil immer mehr Jugendliche einen derart durchgestylten Körper haben wollen wie die Promis auf Instagram, Youtube und Tiktok.
Celina, damals 17 Jahre alt, findet die Perspektive cool, Teil dieser Show zu sein. Ihre Mutter meint dagegen, sie solle sich gefälligst auf das Fachabitur konzentrieren. Es kommt zum Streit. Die Tochter zieht daheim aus und jobbt bei McDonald’s, um sich eine eigene Wohnung und das Honorar für einen erfahrenen Bodybuilding-Coach leisten zu können. Auf einem Wettkampf begegnet ihr zum ersten Mal Martin Hahn. Sie tauschen nur Blicke, aber ein paar Tage später schreibt er ihr über Instagram: „Wenn du dranbleibst, kannst du ganz groß rauskommen!“
Nun wollen sie es gemeinsam schaffen. Im Sommer 2020 schmeißt Celina Schulz die Schule, verlässt ihre Heimatstadt Lübeck und zieht zu ihrer neuen Liebe Martin nach Metzingen. Inzwischen ist das junge Paar verlobt. Der Leistungswille verbindet sie. „Ich kenne niemanden, der so diszipliniert an seinem Körper arbeitet wie Martin“, sagt Celina Schulz. „Ich profitiere von seiner unglaublichen Willenskraft.“
Die eigene Vorstellung von Schönheit
Wenn an diesem Samstag beim Bellux-Cup in Luxemburg die Saison beginnt, verfolgen Celina Schulz und Martin Hahn das Ziel, eine Pro Card zu ergattern. Diese Profilizenz würde sie für die Teilnahme bei einem der großen internationalen Wettbewerbe qualifizieren. In den letzten Tagen bevor es auf die Bühne geht, essen sie extrem wenig, um den Körperfettanteil auf ein Minimum zu drücken. Sie trinken extrem viel, um die Nieren durchzuspülen. 24 Stunden vor dem Wettkampf beginnt die gezielte Dehydrierung, sie dursten: Das Wasser muss verschwinden, damit jede Faser unter der Haut sichtbar wird. Schließlich reiben sie sich vom Kopf bis zu den Füßen mit Bräunungsfarbe ein und treten ins Scheinwerferlicht, um vor dem Publikum und der Jury zu posen.
Wofür soll das gut sein? „Der Reiz liegt darin, den eigenen Körper perfekt zu formen“, sagt Celina Schulz. Bodybuilder seien wie Bildhauer, die den Meißel an sich selbst ansetzen. Jede Entbehrung nehmen sie auf sich, um die eigene Vorstellung von Schönheit zu verwirklichen. „Uns macht dieser Lebensstil einfach Spaß“, sagt Martin Hahn.
Wie bei fast jedem Vergnügen gibt es Nebenwirkungen. Der ehemalige Bodybuilder André Böge hat kürzlich im „Spiegel“ geschildert, was seine Muskelbesessenheit aus ihm gemacht habe: „ein Wrack“. Böge hat chronische Schmerzen, manche Nervenbahnen sind zerstört. Außerdem: eine entzündete Bauchspeicheldrüse, Gastritis, Schlafstörungen. Viele Jahre lang, sagt Böge, habe er täglich Gewichte gestemmt, um optisch ein Gigant zu werden, aber auch Steroide, Peptide, Insulin, Ephedrin geschluckt und gespritzt, um seine Muskeln unnatürlich wachsen zu lassen.
Wie eine Figur aus einem Action-Comic
„Wenn man in der Weltspitze mitmischen will, muss man gesundheitliche Risiken eingehen“, gibt Martin Hahn unumwunden zu. Der amtierende Mr. Olympia Mamdouh Elssbiay, genannt Big Ramy, hat einen Oberschenkelumfang von 90 Zentimetern, sein Bizeps misst 61 Zentimeter. Über den Schultern, entlang des Bizeps und der Unterarme ziehen sich fingerdicke Adern. Auf Fotos wirkt der Ägypter nicht mehr wie ein realer Mensch, sondern wie eine Figur aus einem Actioncomic. Martin Hahn weiß, dass er niemals wie Big Ramy aussehen wird. „Es gibt für mich eine klare Grenze, die ich nicht überschreiten werde – schon allein deshalb, weil ich irgendwann einmal Kinder haben möchte.“ Spritzen mit Steroidhormonen können dazu führen, dass der Organismus kaum noch selbst Testosteron produziert – die Muskelmänner werden impotent.
In der Bikini-Klasse, in der Celina Schulz antritt, helfen Anabolika nicht. Frauen, die vermännlicht wirken, sind in dieser Disziplin chancenlos. Von einem gewöhnlichen Bauch-Beine-Po-Work-out liegt die physische Belastung, die sich Celina Schulz zumutet, dennoch entfernt. In der Wettkampfphase, wenn sie kaum isst und hart trainiert, bleibt ihre Periode aus – der gestresste Körper schaltet in ein Notprogramm. Die Saison wird für Celina Schulz voraussichtlich am 29. Oktober mit den Dennis-James-Classics in der Frankfurter Jahrhunderthalle enden. In den Wochen danach wird sie rund 13 Kilogramm zunehmen. Diese Ausschweifung nennt sie „Regenerationsphase“.
Das Ziel ist die Profi-Tour
Wie lange hält man eine solche Tortur durch? Celina Schulz ist kürzlich zwanzig geworden. Sie befindet sich noch ganz am Anfang ihrer Bodybuilderinnen-Karriere und hat schon Pokale von internationalen Wettbewerben in Budapest, St. Pölten und Warschau auf dem Fenstersims stehen. Ein Sponsor aus der Nahrungsergänzungsmittelbranche unterstützt sie. „Ich bin davon überzeugt, dass ich eine reelle Chance habe, das Maximum zu erreichen“, sagt sie.
Martin Hahns Ziele sind bescheidener. Sein bisher bestes Ergebnis bei einem internationalen Wettkampf war ein vierter Platz beim Golden-Champions-Cup in Warschau. Um sich für die Profi-Tour zu qualifizieren, müsste er einen solchen Contest gewinnen. „Ich möchte wenigstens einmal neben den Allerbesten auf einer Bühne gestanden haben“, sagt Hahn. Anschließend will er als Fitness-Coach und Familienvater ein ruhigeres Leben führen. Für 2024 ist die Hochzeit mit Alina geplant, natürlich mit allem Pipapo. Ihr gemeinsames Lebensmotto haben sie sich bereits auf die Haut tätowieren lassen: „Wenn du aufhören möchtest, denk daran, warum du angefangen hast.“