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Beim Aulendorfer Marinechor singen vor allem Landratten. Doch ein paar der alten Sailorboys durchkreuzten einst die Weltmeere. Ein Artikel aus der Reihe „Unsere besten Reportagen“.

Hinweis: Diese Reportage erschien erstmals am 10. März 2012.

 

Im Speisesaal des Aulendorfer Parksanatoriums riecht es noch nach Abendessen. An den Tischen sitzen Senioren, manche in Gruppen, manche allein mit einem Memminger Hefeweizen. Vorne bei der leer geräumten Salattheke stellen sich 30 Männer des heimischen Marinechors in Reihe – blaue Elbseglermützen, blütenweiße Kapitänshemden. Und dann, mit den ersten samtenen Akkordeonklängen, wird der oberschwäbische Kneippkurort zum Ankerplatz für Träumer.

Vom Kneippkurort zum Ankerplatz für Träume

Und wer sich einen Abend lang losmachen kann von Prostata-, Wirbelsäulen- oder Gallenblasenleiden, hört ein tief dröhnendes Schiffshorn, die Schreie der Möwen, das Klatschen von Wellen an die Mole – und geht in Gedanken auf große Fahrt.

Nimm uns mit Kapitän auf die Reise,

nimm uns mit in die weite, weite Welt.

Wohin geht Kapitän deine Reise,

bis zum Südpol da langt unser Geld.

Nimm uns mit Kapitän in die Ferne,

nimm uns mit in die weite Welt hinaus.

Fährst du heim Kapitän kehrst du gerne

in die Heimat zu Muttern nach Haus.

Die singenden Matrosen von Aulendorf sind Landratten. Früher war das noch anders: Nach dem Ersten Weltkrieg trafen sich kaiserliche Mariner aus ganz Oberschwaben im Grünen Baum.

Der Sohn des Wirts war selber ein Seebär und spann, so ist überliefert, Seemannsgarn, das für ganze Schleppnetze reichte. Wo früher die Wirtschaft war, ist jetzt ein Friseur. Der Marinechor hat sich bis heute gehalten. Der älteste Sänger ist 80, junge kommen keine mehr nach.

Singende Matrosen aus Aulendorf

Reinhold, Horst, René und Günther sind die Einzigen, die auf großer Fahrt waren. Beim Rest der Shantyfreunde beschränkt sich die maritime Erfahrung auf einen Segeltörn, eine Überfahrt mit der Meersburger Fähre oder den Verzehr von Kabeljau. Aber die Ozeane zu lieben, wird ja wohl auch noch im Alpenvorland erlaubt sein.

Ein Wind weht von Süd

und zieht mich hinaus auf See.

Mein Kind, sei nicht traurig,

tut auch der Abschied weh.

Mein Herz geht an Bord,

und fort muss die Reise gehen.

Dein Schmerz wird vergehn,

und schön wird das Wiedersehen . . .

Christian, aus der Art geschlagener Spross des Konsuls Buddenbrook in Thomas Manns Roman, konnte tausend Geschichten aus Valparaiso erzählen. Von der Tropenhitze im Kontor, von Moskitos, von räudigen Hunden, Mordaffären, von Johnny Thunderstorm, „einem Bummelanten, einem unglaublichen Kerl, den er ,gottverdammich‘ niemals hatte arbeiten sehen“.

Geschichten aus Chile im Gepäck

Auch René Hack, 68, hat ein paar Geschichten aus Valparaiso mit im Proviant. Damals, es muss 1965 gewesen sein, war er an der chilenischen Küste vor Anker gegangen. Eine Woche Valparaiso. Ein Deutscher hatte dort einen Keller voller Rumfässer, einen Laden mit Branntweinbuddeln aus der ganzen Welt und zu allem Überfluss auch noch zwei hübsche Töchter. „Bleib da, René“, sagt er zu ihm, „ich brauch einen wie dich, einen, dem ich trauen kann.“ – „Irgendwann komm ich wieder“, sagt Hack, „dann bleib ich vielleicht.“ Doch die See sollte ihn nie mehr nach Valparaiso spülen.

. . . mich trägt die Sehnsucht

fort in die blaue Ferne.

Unter mir Meer

und über mir Nacht und Sterne.

Vor mir die Welt,

so treibt mich der Wind des Lebens.

Wein nicht, mein Kind,

die Tränen, sie sind vergebens.

Als Hack 19 ist, macht er sich auf, hinter den oberschwäbischen Horizont zu schauen und „nicht immer nur im Kleinen zu bleiben“. Er schmeißt seinen Fabrikjob, sitzt sechs Wochen später mit gepacktem Koffer im Zug Richtung Küste. Den Blick seiner Mutter am Bahnsteig hat er nie vergessen. Noch heute bricht ihm beim Erzählen die Stimme.

Mit 19 weg aus Oberschwaben

Auf der MS Duisburg westwärts bis in den Pazifik. Mit einer Ladung VW Käfer nach Guayaquil, mit ecuadorianischen Bananen wieder zurück. Hack arbeitet unter Deck beim Schiffsdiesel, der ihn in den Schlaf schüttelt, wenn er in die Koje fällt. Die Mannschaft schläft achtern, die Kombüse ist mittschiffs, er muss morgens das Essen für alle über Deck balancieren, kämpft mit Gischt, Seegang und dem Ersten Matrosen, der ihm die Überfahrt zur Hölle macht. Ein ruppiger Haufen. Nur auf den alten Reeder Bruns, einen Hamburger Konsul, lässt er nichts kommen. „Feiner Mann, wir hatten immer die neuesten Schiffe, wurden gut bezahlt.“

Wenn er nicht auf Bananenjägern durch den Panamakanal schippert, fängt René Hack vor Grönland Rotbarsch und Hering. Die portugiesischen Arbeiter filetieren und frosten den Fisch gleich an Bord, trocknen den Abfall und verarbeiten ihn zu Futtermehl für BASF. Keine Gräte, kein Schwanz darf weggeworfen werden, da ist Käpt’n Zimmermann eigen. Der Alte hat einen Riecher wie kein anderer. Tagelang kurvt er tatenlos herum, dann wirft er aus heiterem Himmel das Netz aus, schon ist es rappelvoll. Wenn die Tonnage stimmt, klingelt auch René Hacks Kasse. Schwer beladen kehrt er heim nach Hamburg.

Von Hamborg fohr so’n olen Kassen,

mit Namen heet he Magellan.

Dor weer bi Dog keen Tied tom Brassen,

dat leet man all’ns bis Obends stohn.

Rolling Home, Rolling Home,

Rolling Home across the Sea.

Rolling Home to di old Hamborg,

Rolling Home, Sweetheart to di

Im Parksanatorium fangen ein paar Frauen an zu schunkeln, die Männer sitzen eher andächtig, klopfen den Takt mit den Fingern oder singen leise mit. Günther Schoch, 70, ist Vereinsvorsitzender, Dirigent, Bassist und Conférencier: „Liebe Gäste, es heißt ja immer, dass Matrosen in jedem Hafen ein Mädchen haben. Das ist auch so.“

Telegramm aus Bremerhaven

Als Schoch mit 17 zur Silberhochzeit seiner Tante nach Bremerhaven fährt, lernt er gerade Dreher. Der Onkel, ein alter Fahrensmann, zeigt ihm den Hafen, die großen Pötte. „Na, Junge, ist das was?!“ Das ist was! „Maschinenleute brauchen wir immer“, heißt es im Heuerbüro, „nach deiner Lehre melden wir uns.“ Ein halbes Jahr später kommt ein Telegramm aus Bremerhaven. Dann muss alles schnell gehen, von der Oma verabschiedet sich Günther auf dem Acker – „Bua, komm bloß widdr zrigg“.

Im Juni 59 bricht die Bremen, eines der schönsten Passagierschiffe ihrer Zeit, zur Jungfernfahrt auf. An Bord: Günther Schoch. Oben Ballsaal, Casino, Kreuzfahrtgäste im Smoking, unten Schoch bei der 60 000-PS-Maschine. Mit Schweröl, zäh wie Pech, macht er den Dampf für die Turbinen. 50 Grad im Heizraum, „die Lüfter haben’s nicht mehr verschafft“. Eines Morgens in der Kajüte hört er, wie die Turbinen runterfahren: „Ich auf Oberdeck, da laufen wir in New York ein – unbeschreiblich.“

„Monsterwellen, höher als das Schiff“

In der City kauft er sich Unterhosen bei Woolworth. „Ganz weiche Baumwolle, so was kannten wir Landpomeranzen ja nicht.“ Und T-Shirts, der neueste Schrei. „Ich war so froh über die T-Shirts, unsere Maschinenhemden waren aus ganz komischem Stoff.“ Auf der Rückfahrt, bei Neufundland, kommt die Bremen in schwere See, „Monsterwellen, höher als das Schiff, und das war 19 Meter“, erzählt Schoch. „Zwei Tage konnten wir uns gerade so halten, dann war der Spuk urplötzlich vorbei.“

Wir fuhren im Sturm durch die Südsee,

die Nacht war schwärzer als Teer.

Es war zwischen Suez und Bombay,

der Teufel hinter uns her.

Die See zerpeitschte die Brücke,

der Schaum fiel dicht wie der Schnee.

Der Mast brach splitternd in Stücke,

der Teufel war um uns, ohé!

1971 wird die Bremen, sie schaffte 175 Atlantikpassagen, nach Piräus verkauft. Später dient sie als Hotelschiff in Saudi-Arabien. 1980, auf der Schleppfahrt zum Abwracken in Taiwan, versinkt sie im Indik.

Heimkehr nach drei Jahren auf See

Günther Schoch ist da längst in den sicheren schwäbischen Hafen eingelaufen, homegerollt nach drei Jahren See. Eigentlich wollte er die Ingenieurschule besuchen und dem Meer treu sein. Doch die Heimat macht es ihm schwer: „Meine Mutter hat schon bei der Begrüßung geheult.“ Die Tanzcombo sucht einen Musiker für den Silvesterball in Schussenried, die Fasnet und die Stadtkapelle brauchen ihn auch. Schoch bleibt an Land.

Wo soll die Fahrt einst enden,

Ist es am Meeresstrand?

Ist es in grauen Wogen,

ist es im Heimatland?

Wo werden die Motoren

versagen ihren Lauf?

Wo hört das rastlos Leben,

wo hört die Trampfahrt auf?

René Hacks innerer Kompass führt ihn 1970 wieder nach Hause. Er baut, heiratet, gründet eine Familie. Als Außendienstler für Zeiterfassungssysteme kommt er immer noch etwas rum – Isny und Ravensburg statt Curaçao und Martinique. „Wir hatten oft scheiß Wetter, manchmal scheiß Arbeit, und nur Bars und hübsche Mädchen sind ja auch nichts auf Dauer“, sagt er. „Aber im Nachhinein war’s toll. Das nimmt mir keiner mehr.“

Aulendorf oder La Guaira im Karibischen Meer?

Auch Schoch denkt oft zurück. Immer wieder zieht es ihn zum Nordseestrand. Dann setzt er sich auf einen Stein, saugt den salzigen Wind ein und zählt die Wellen. „Am schönsten“, sagt er, „war’s in Trinidad, da gab’s die freundlichsten Menschen und die schönsten . . . Begebenheiten.“ Herrlich war auch Montego Bay, abends Steelbands am Strand. Havanna sah er einmal, dann kam die Kubakrise. In Rio feierte er Karneval.

„Hätte ich auf See weitergemacht, vielleicht wär ich in Venezuela hängengeblieben.“ Aber Oberschwaben ist ja auch nicht viel anders. „Wenn ich abends von Reute nach Aulendorf runterfahre und seh die Lichter der Stadt, wie sie so halb am Hang hängt: Dann denk ich immer, ich bin in La Guaira am Karibischen Meer.“

Was ist seither geschehen?

René Hack, der einst die Ozeane durchkreuzte, ist vor ein paar Jahren gestorben. Von den vier damaligen Seebären blieb nur Günther Schoch übrig. Dafür sind drei neue Mariner hinzugestoßen: Einer war früher auf einem Minensuchboot, einer auf einem Zerstörer und einer beim Fliegerkommando in Kiel.

Zur Coronazeit schrumpfte der Chor bisweilen auf 19 Mann, jetzt hat er wieder eine Sangesfülle von 28 Stimmen – und eine Frau am Akkordeon. 2017 brachten Günther Schochs Shantyfreunde eine Best-of-CD raus, beim großen Jahreskonzert im Mai war der Aulendorfer Hofgartensaal wieder ausverkauft, im Juni sangen sie bei den Lindauer Seglertagen. Das Repertoire ist inzwischen etwas angereichert mit Songs von Santiano. Aber wesentlich bleiben die alten Seemannslieder, die niemals untergehen.