Marc-André Stickel versucht, seinen Körper mit viel Bewegung in Schuss zu halten. Foto: Simon Granville

Marc-André Stickel aus Marbach (Kreis Ludwigsburg) hat nach einem Schlaganfall seine linke Körperhälfte kaum kontrollieren können. Jetzt nimmt er sogar wieder an Triathlons teil.

Dem Rauchen hatte Marc-André Stickel schon vor vielen Jahren abgeschworen. Seit fünf Monaten trank er auch keinen Tropfen Alkohol mehr. Er trainierte stattdessen fleißig für seinen nächsten Triathlon. Erstmals seit Langem sollte es wieder über die olympische Distanz gehen. Zuletzt hatte der Marbacher nur kürzere Strecken in Angriff genommen. „Ich war in der Form meines Lebens“, sagt der 43-Jährige. Stickel schien also ein völlig unwahrscheinlicher Kandidat für einen Schlaganfall zu sein. Dennoch schlug das Schicksal im Mai 2025 unbarmherzig zu. Bei dem zweifachen Familienvater kam es zu einem Gefäßverschluss im Gehirn.

 

„Es fühlte sich an, als wäre ich stark betrunken und als ob meine linke Körperhälfte gar nicht zu mir gehört“, sagt er. Zeitweise hingen seine Mundwinkel herab, die Sprache war verwaschen. Er war zu schwach, mit der linken Hand ein Taschentuch zu halten.

Die Ärzte diagnostizierten einen mittelschweren Apoplex. Und daheim warteten zwei Kinder und eine Frau auf ihn. Ein Albtraum. „Ich dachte mir, wenn sich das nicht mehr bessert, wir nichts mehr gemeinsam unternehmen können, dann fehlt mir die komplette zweite Jugendhälfte meiner Kinder“, erinnert sich der frühere Kornwestheimer an die erste Phase nach dem Schlaganfall zurück.

Mehrere Triathlons auf der Agenda

Wer einen Schlaganfall hat, sollte schnellstmöglich medizinische Hilfe anfordern. Foto: IMAGO/Swaantje Hehmann

Rund zehn Monate später ist Marc-André Stickel fast wieder der Alte. Seine Bewegungen sind koordiniert, sein Gang unauffällig. Der begeisterte Sportler steht wieder mitten im Training, möchte demnächst beim MZ-Triathlon in Steinheim auf der Sprint-Distanz starten, dann jeweils über die längere olympische Strecke in Tübingen und bei einem absoluten Szene-Highlight, dem Allgäu Triathlon. „Ich würde sagen, ich bin zu 95 Prozent wiederhergestellt“, erklärt Stickel.

Das verdankt er auch seinem offenbar unerschütterlichen Willen – sowie dem Team vom Krankenhaus in Ludwigsburg und dem Marbacher Therapiezentrum Thera-Vent. „Praktisch vom ersten Tag an haben in der Klinik Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden mit mir geübt und mir gut zugeredet“, sagt Stickel, der in der Stroke-Unit, einer Schlaganfall-Station, behandelt wurde.

Mit Feuereifer schuftete Stickel daran, seinen Körper wieder in Schuss zu bringen. Auch wenn es ihm nicht immer leicht fiel. „Am Anfang habe ich für 50 Meter zehn Minuten gebraucht“, erklärt er. Und er verhehlt auch nicht, dass er nach dem Aufenthalt im Krankenhaus zuhause eine schwere depressive Phase durchlitt. Trotzdem gab er nicht auf, wollte sich nicht schonen.

Man riet ihm, die Reha fernab der Heimat zu buchen, um besser abschalten zu können. „Dann wäre ich aber in einer Art Käseglocke gewesen und hätte mich um nichts kümmern müssen. Ich wollte aber bei meiner Familie bleiben und sofort in den Alltag zurückkehren, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, bei Streitereien vermitteln“, sagt er. Er entschied sich deshalb für das Programm von Thera-Vent an seinem Wohnort. Auch in der Reha gönnte sich Stickel kaum Verschnaufpausen.

Mit vollem Umfang in den Job zurückgekehrt

Beim Triathlon in Kornwestheim war auch Marc-André Stickel am Start. Foto: Archiv (Andreas Essig)

Ein befreundeter Physiotherapeut empfahl ihm zudem, stets die linke Hand zu nutzen, um die vom Schlaganfall betroffene Seite zu trainieren und neue Verbindungen im Gehirn zu aktivieren. Für einen astreinen Rechtshänder wie Stickel eine riesige und manchmal frustrierende Aufgabe. Vor allem, wenn der Reis mal wieder von der Gabel plumpste. „Ich habe das aber durchgezogen“, sagt er. Bei der Rückkehr in seinen Job verzichtete der Informatiker sogar auf die Wiedereingliederung, nach dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Zugleich gibt er sich keinen Illusionen hin. „Eine bestimmte Region in meinem Gehirn ist unwiderruflich kaputt“, sagt er. Bei schnellen Bewegungen blockiere sein Bein bis heute, die Feinmotorik in der linken Hand und der Gleichgewichtssinn seien etwas eingeschränkt. Überdies nimmt er eine Reihe von Tabletten: Blutverdünner, Blutdrucksenker und eine Pille gegen seine erhöhten Cholesterinwerte. Darüber hinaus trinkt er keinen Kaffee mehr, versucht, das Risiko für einen weiteren Schlaganfall zu verringern – damit es ihm nicht noch einmal so geht wie vor rund zehn Monaten.

Es war am 13. Mai 2025, Marc-André Stickel saß mit seiner Familie beim Mittagessen, wollte anschließend die Treppe nach oben nehmen, zurück zu seinem Arbeitsplatz im Homeoffice. „Ich bin auf der vierten oder fünften Stufe stehen geblieben. Es ging einfach nicht mehr weiter“, sagt er. Stickel ruhte sich kurz aus, setzte sich dann aber wieder an den Rechner, spielte abends mit seinen Töchtern ein Brettspiel, konnte sich aber nur schlecht konzentrieren. Erschöpft schleppte er sich ins Bett, schlief kaum. „Als ich morgens aufwachte, habe ich zu meiner Frau gesagt: Ich glaube, ich hatte einen Schlaganfall“, berichtet er.

Er nahm diese Selbstdiagnose allerdings gar nicht richtig ernst. „Ich dachte, es ist bestimmt nichts Dramatisches“, sagt er und ging sogar noch mit dem Hund Gassi, bewegte sich dabei aber unrund. Seine Frau fuhr ihn zu seinem Hausarzt – der ihn sofort ins Krankenhaus an die Stroke-Unit überwies.

Aus heutiger Sicht ist ihm klar, dass er gleich nach den ersten Anzeichen einen Arzt hätte konsultieren müssen. Den Schlaganfall selbst hätte er indes kaum verhindern können. Wie sich bei einer späteren Untersuchung herausstellte, leidet Stickel unter der erblichen Krankheit Cadasil. Ein Gendefekt verursache Gewebeschäden an den Hirngefäßen, erklärt er. „Als das Schwarz auf Weiß auf dem Papier stand, musste ich schon ein bisschen durchschnaufen“, sagt er. Zumal es bis dato keine Therapie gebe. Man könne aber zumindest ein bisschen Einfluss nehmen, indem man die klassischen Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck oder hohe Cholesterinwerte vermeide.

„Selbst wenn ich bei einem Triathlon als Letzter ins Ziel komme, ist das für mich, als hätte ich den Ironman auf Hawaii gewonnen.“

Marc-André Stickel über seine Gefühle beim Zieleinlauf

Und obwohl er seine Vorgeschichte und die Erbkrankheit nicht immer ausblenden kann, hält er seinen Körper auf Trab, nimmt an Wettkämpfen teil. Nur 19 Wochen nach seinem Schlaganfall stand er beim Kornwestheimer Triathlon an der Startlinie. „Der Platz ist mir dabei völlig egal. Selbst wenn ich bei einem Triathlon als Letzter ins Ziel komme, ist das für mich, als hätte ich den Ironman auf Hawaii gewonnen“, sagt er. „Bewegung, Hartnäckigkeit und der Glaube an sich selbst während und nach der Reha sind zumindest aus meiner Erfahrung der Schlüssel zur Rückkehr in ein normales Leben“, fügt er hinzu.