Je früher man bei Magersucht gegensteuert desto besser. Foto: Imago images/Panthermedia/NomadSoul (Symbolfoto)

Die Tochter einer Stuttgarter Familie ist regelrecht in die Magersucht hineingerauscht. Ihr Leben war gefährdet. Was dann passierte, ist für die Mutter immer noch ein kleines Wunder. 

Eine Essstörung kann jeden treffen. Marlene Thomas* weiß das besser als viele andere. Sie ist Ärztin. Dennoch hätte sie bei ihrer älteren Tochter Lara nicht damit gerechnet. „Dass sie eine Kandidatin sein könnte, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft“, sagt die 49-Jährige. Lara gehörte nie zu den Dünnen in ihrer Klasse. Diäten interessierten die 16-Jährige nicht. Sie sei ein selbstsicheres Mädchen mit einer stabilen Persönlichkeit – zielstrebig, aber nicht zu ehrgeizig. Doch dann kam der 21. Juli 2022. Lara musste an diesem Tag ein „Schockerlebnis“ verkraften. Alles änderte sich. Für sie – und damit auch für ihre Familie.

 

Lara sei „fulminant“ in die Essstörung hereingerauscht, sagt ihre Mutter. Normalerweise ist der Prozess schleichend. Doch bei den Thomas’ saß „das Anorexie-Monster“, wie die Stuttgarterin die Krankheit nennt, von einem Tag auf den anderen mit am Familientisch. Lara hatte das Erlebte wortwörtlich den Appetit verschlagen. Zuerst mochte sie nicht mehr essen – dann konnte sie es kaum mehr. Übers Hungern versuchte sie, die Kontrolle über ihr Leben wieder zu erlangen.

Zehn bis 15 Prozent der Erkrankten sterben

Schon nach zwei Wochen sagte Mutter Marlene zu ihrem Mann: „Du, ich glaube, Lara entwickelt eine Essstörung.“ Sie weiß noch, wie fassungslos er reagierte. Lara doch nicht! Auch die jüngere Tochter schüttelte den Kopf. Und die ältere? Lachte ihre Mutter erst mal aus. Marlene Thomas beruhigte das nicht. Sie hatte „Worst-Case-Szenarien“ im Kopf. Schließlich sterben zehn bis 15 Prozent der Erkrankten an Anorexie.

Sie rief bei der Stuttgarter Anlaufstelle für Essstörungen Abas an, wo man ihr bis heute zur Seite steht, und fragte: „Bin ich zu früh dran?“ Nein, versicherte man ihr. Es sei gut, dass sie sich melde. Noch könne man gegensteuern. Die Mutter erhielt von der Beraterin konkrete Ratschläge: mit der Tochter zu einer verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Ernährungsberatung zu gehen, eine Psychotherapeutin zu suchen – und das Gewicht zu kontrollieren. „Doch meine Tochter war noch nicht bereit, Hilfe anzunehmen“, erzählt Marlene Thomas.

„Ich kann Dich nicht verhungern lassen“

Am Ende der Sommerferien glaubte auch der Rest der Familie, dass mit der großen Tochter etwas nicht stimmt. Die Eltern trafen die Vereinbarung mit Lara, mittags und abends zu essen. Lara brach die Vereinbarung. Zur Schule nahm sie sich nur ein paar Früchte mit – behauptete dann, als alle abends am Familientisch Platz nahmen, sie sei „noch komplett voll“ vom Mittagessen. Von den Früchten.

Das gemeinsame Essen habe einen sehr hohen Stellenwert in ihrer Familie, sagt Marlene Thomas. Das Frühstück am Samstag hätten sie regelrecht zelebriert – als Höhepunkt der Woche. Lara nahm auch daran nicht mehr teil. Ihre Tochter verlor rasant an Gewicht – bis sie sich „halbiert“ hatte. Für sie als Eltern sei es schwer erträglich gewesen: Sie hatten das Elend direkt vor Augen. Aber kann man eine bald 17-Jährige zur Gewichtskontrolle zwingen? Es half Marlene Thomas, als ihr die Beraterin von Abas sagte, dass dies kein Fall von berechtigter Autonomie sei. Sie habe als Mutter eine „Fürsorgepflicht“ und sollte Lara klar machen: „Ich kann dich nicht verhungern lassen.“

Die Leichtigkeit fehlte im Familienleben

Zu Hause gab es zwischen Mutter und Vater fast nur noch das eine Gesprächsthema. Sie selbst hatte Schlafstörungen. Auch Laras Schwester habe darunter gelitten, dass sich alles um die Große drehte. Sie wurde auf der Straße angesprochen: „Pass auf Deine große Schwester auf!“ Die Kleine habe sehr viel aushalten müssen, sagt Marlene Thomas. „Die Krankheit hat uns alle betroffen.“ Ihnen sei als Familie die Leichtigkeit abhanden gekommen.

Januar 2023: Lara hatte inzwischen Sportverbot. Sie war kraftlos und kippte manchmal ohnmächtig um. Sie sei durch das Hungern ein anderer Mensch geworden: blass, freudlos, empfindlich. „Wenn Du so weiter machst, wirst Du stationär eingeliefert“, habe sie zu ihrer Tochter gesagt. Dort werde sie zwangsernährt. Da willigte Lara ein, eine Therapie zu machen. Normalerweise beträgt die Wartezeit auf einen Platz an die neun Monate. Bei Lara dauerte es sechs Wochen – weil es ihr körperlich so schlecht ging. Sie kam als Notfall in die Klinik.

Am ersten Kliniktag passierte etwas, womit die Mutter nicht gerechnet hat

Marlene Thomas weiß noch genau, wie Lara das Auto auf wackeligen Beinen in Richtung Klinikeingang verließ. Sie habe die 20 Meter kaum geschafft. „Sie war der Schatten ihres Schattens“, sagt die Mutter, die die medizinischen Daten ihrer Tochter genau kannte: Die Herzfrequenz war stark verlangsamt, der Blutdruck zu niedrig, die Blutwerte schlecht. Sie hätte jeden Moment einen Herzinfarkt haben können, so die Mutter. Sie war damals erleichtert, ihre Tochter in der Obhut der psychosomatischen Klinik zu wissen. Es habe gut getan, die Verantwortung abgeben zu können.

Aber sie hatte auch Angst, dass der Aufenthalt kontraproduktiv sein könnte. Weil es manchmal passiert, dass Magersüchtige in einen Konkurrenzkampf im Abnehmen eintreten. Bei Lara kam es zum Glück anders. Sie hatte sich etwas vorgenommen. Für Marlene Thomas grenzt es immer noch an ein Wunder: „Sie hat von Tag eins in der Klinik wieder gegessen.“ Als hätte sich der Schalter wieder umgelegt. Das, was zu Hause nicht ging, funktionierte an dem geschützten Ort.

„Ich habe mein Kind zurück“

Und mit dem Essen kehrte auch die alte, strahlende Lara wieder zurück. Vor rund vier Wochen wurde sie entlassen. Ihre Prognose ist günstig – wegen des schnellen Verlaufs sowohl am Anfang als auch am Ende. Lara nimmt zudem die Hilfsangebote an: Sie geht zu einer Therapeutin, lässt von der Kinderärztin ihr Gewicht kontrollieren und interessiert sich für ein Gruppenangebot von Abas und Mädchengesundheitsladen für Mädchen mit Essstörungen. Es sei weiterhin ein Auf und Ab, sagt Marlene Thomas, aber sie habe ein gutes Gefühl: „Ich spüre: Ich habe mein Kind zurück.“

Es gebe sehr verschiedene Verläufe bei Essstörungen, sagt Marianne Sieler von Abas. Generell gelte: „Je früher die professionelle Behandlung einsetzt, desto besser ist es für den Heilungsverlauf.“ Deshalb seien sie immer froh, wenn sich jemand bei Auffälligkeiten frühzeitig melde. Anorexie könne man den Betroffenen oft ansehen – anders als bei Essstörungen wie Binge Eating (exzessives Essen) oder Bulimie (Erbrechen nach Essanfällen). Da spiele sich das Ganze oft über Jahre im Verborgenen ab.

Die Tochter äußerte einen Wunsch

Die Familie Thomas hat die Erfahrung enger zusammengeschweißt. Bevor es aus der Klinik nach Hause gehen sollte, habe Lara gesagt, worauf sie sich besonders freue, erzählt ihre Mutter: auf den ganz normalen Alltag. Ob es wieder Samstagsfrühstück geben könne? „Zwei Tage haben wir vorbereitet“, sagt die Stuttgarterin. Es war eines der üppigsten Samstagsfrühstücke, das sie je hatten.

*Namen der Familienmitglieder geändert

20 Jahre Anlaufstelle für Essstörungen

Jubiläum
Die Anlaufstelle für Essstörungen Abas Stuttgart steht seit 20 Jahren Betroffenen und ihren Angehörigen zur Seite und leistet Präventionsarbeit. In dieser Zeit habe die Zahl der Betroffenen stark zugenommen. Zuletzt gab es in der Pandemie einen deutlichen Anstieg: Allein zum Thema Magersucht seien die Anfragen zwischen 2019 (294 Anfragen) und 2021 (395 Anfragen) um 34 Prozent gestiegen. An diesem Freitag wird das Jubiläum gefeiert. Eine Fachveranstaltung widmet sich der Essstörung Binge Eating: Dabei verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihr Essverhalten und nehmen große Mengen an Nahrung zu sich.

Studie
Dass die Zahl der Jugendlichen mit Essstörungen bundesweit stark gestiegen ist, zeigt auch eine aktuelle Studie: Bei Zwölf - bis 17-jährigen Mädchen und Frauen gab es laut einer Untersuchung der Kaufmännischen Krankenkasse zwischen 2020 und 2021 einen Anstieg um mehr als 30 Prozent. 2021 litten demnach 18 von 1000 Menschen in dem Alter an einer Essstörung gegenüber 13 von 1000 in den Jahren 2020 und 2019.

Kontakt
Abas Stuttgart ist unter Telefon 07 11/30 56 85 40 sowie per E-Mail an info@abas-stuttgart.de erreichbar. Mehr unter www.abas-stuttgart.de.