Phantombild des Täters: Am 17. Juli 1985 entführte und tötete er ein neunjähriges Mädchen aus Stuttgart-West Foto: StN

Der Mord an Sabine Hammerich – ein ungeklärtes Verbrechen. Am 17. Juli 1985 hielt Stuttgart den Atem an und bangte mit den Eltern. Ein Drama, das sich über mehrere Jahre zog, ehe die Leiche des Kindes gefunden wurde. Vom Täter fehlt bis heute jede Spur. Wie konnte er der Polizei entwischen?

Stuttgart - Ein Mercedes! Nicht, wie all die Jahre geglaubt, ein VW-Bus. Der Mörder war wohl in einem Mercedes unterwegs. „Wenn wir diesen Hinweis zeitnah bekommen hätten“, sagt Josef Kögel, „dann hätte es wohl eine völlig andere Öffentlichkeitsfahndung gegeben, mit ganz anderen Hinweisen.“

Vielleicht könnte der Mörder hinter Schloss und Riegel sitzen. Doch Kögel, heute 80 Jahre alt, 33 Jahre bei der Stuttgarter Mordkommission, zuletzt 1995 Dezernatschef und Vize-Inspektionsleiter, weiß auch: Sabine Hammerich, neun Jahre, aus der Schwabstraße im Stuttgarter Westen, hätte das nicht mehr ins Leben zurückgebracht. Und doch: „Es ist schon frustrierend, dass wir diesen Fall nie aufklären konnten.“

1985

17. Juli: Verschwunden. Sabine verlässt an jenem Mittwoch gegen 18.30 Uhr das Elternhaus an der Schwabstraße, um an einem Automaten am Rosenbergplatz Zigaretten für den Vater zu holen. Eine Sache von Minuten. Doch Sabine, dunkelhaarig, mit gelbem Polokleidchen, kehrt nicht mehr zurück. Der Vater, ein Polizeibeamter, sucht seine Tochter zunächst selbst – und alarmiert um 20.30 Uhr seine Kollegen. Nach einer ersten Aktion in der Nacht sind es tags darauf 600 Polizisten, die Anlagen, Häuser und Wälder im Westen durchkämmen. Es folgen Flugblattaktionen und Aufrufe.

19. Juli: Der Doktor. Eine erste heiße Spur: Eine Mutter berichtet von einem Erlebnis ihrer Tochter, gut eine halbe Stunde vor Sabines Verschwinden. Die ebenfalls Neunjährige wurde von einem Mann angesprochen. Er sei der Kinderarzt Dr. F., müsse Medikamente zum Westbahnhof bringen – ob sie ihm den Weg zeigen könne? Er bietet zehn Mark. Das Mädchen rennt davon, weil es den echten Dr. F. kennt. Der Täter hat seltsam nach vorne gekämmte Haare: „Heute wissen wir ziemlich sicher, dass es sich um eine Perücke handelte“, sagt Josef Kögel.

24. Juli: Das Phantombild. Ein pensionierter Kriminalist fertigt nach Angaben der neunjährigen Zeugin eine Kreidezeichnung von Dr. F. an. Beschreibung: 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, schlank, hellbraune Haare, kariertes Hemd, rote Socken, schwäbisch sprechend. „Wir hatten viele Kinderfantasien, die Wichtigtuerei waren“, sagt Kögel. Doch dieses Mädchen war glaubhaft, weil es die Geschichte am Abend der Mutter erzählt hatte – noch bevor Sabine vermisst wurde.

30. Juli: Die Zwischenbilanz . Die Polizei hat 600 von 900 Hinweisen geprüft. Die Staatsanwaltschaft setzt 5000 Mark Belohnung aus, Privatleute noch 3000 Mark. Die Sonderkommission Sabine hat aber noch ein heißes Eisen im Feuer.

7. November: Der VW-Bus. Erst jetzt gibt die Soko bekannt, dass sie heimlich eine wichtige Spur verfolgt hat. Eine Frau aus Leonberg-Warmbronn hatte gemeldet, dass sie am Tattag von ihrem Fenster im ersten Stock einen VW-Bus mit Pforzheimer Kennzeichen beobachtet habe, der hinter einem Linienbus an einer roten Ampel wartete. Von oben habe sie hinterm Fahrersitz bäuchlings einen nackten Frauenkörper liegen sehen. Die Polizei prüft den Fahrtenschreiber des Busses: „Das war um 19.16 Uhr, das konnte passen“, sagt Kögel. Die Beamten stellen sich ans Fenster, simulieren die Szene. 2500 VW-Busse werden inspiziert. Um den Täter nicht zu warnen, behauptet man, es gehe um eine Unfallflucht. Doch ohne Ergebnis. Kögel hat ohnehin Zweifel: Warum sollte der Täter das Mädchen töten und es dann nackt und offen in einem gut einsehbaren Fahrzeug durch die Gegend kutschieren? Hätte er irgendwo angehalten, dann hätte er doch auch gleich die Leiche loswerden können.

1986

29. Dezember: Der Fund. In Pommersfelden bei Bamberg findet eine Treibjagd statt. Ein Hobbyjäger entdeckt nahe der Staatsstraße 2205 in einem Waldstück eine skelettierte Leiche. Die Kleidung fehlt. Die Kripo Bamberg prüft Vermisstenfälle. Gutachter der Universität Würzburg stellen fest, dass die Leiche mutmaßlich weiblich sei, ­etwa 15 bis 18 Jahre alt. Dazu passt aber nichts. Die Überreste werden dem Bayerischen Landeskriminalamt in München übergeben und dort gelagert.

1987 im Herbst: Die Überraschung. In Bamberg wird eine 17-Jährige vermisst. Die Kripo Bamberg lässt das von den Münchnern abgleichen. Die stellen dabei überraschend fest, dass die Tote von Pommersfelden nur acht bis zwölf Jahre alt war. Auf Stuttgart kommt dennoch niemand.

1988

20. März: Die Wende. Josef Kögel findet das Bamberger Rätsel im BKA-Blatt – und schaltet sofort. „Schon am nächsten Tag bin ich mit Haarproben nach München gefahren“, sagt er. Im Mai erfährt er ein Zwischenergebnis: 90,3 Prozent Wahrscheinlichkeit.

3. Juni: Die Bestätigung. Die Universität Ulm sagt: 99,7 Prozent, dass es Sabine ist.

12. August: Der Abschied. Die Familie beerdigt ihre Tochter. Sabine ist wieder zu Hause, hat nun wenigstens ein Grab.

15. August: Der Neustart. Die Polizei geht erneut an die Öffentlichkeit. 5000 Flugblätter, viele Fragen. Wem ist ein VW-Bus im ­Bereich Bamberg aufgefallen?

2. Dezember: Das TV-Ereignis.Aktenzeichen XY“ sorgt bundesweit für Aufsehen. Und beschert Kögel eine neue Über­raschung. Es meldet sich ein Mann aus ­Gerlingen und fragt: „Kann man für zu schnelles Fahren auch nach dreieinhalb Jahren bestraft werden?“ Der Gerlinger war am Tatabend ein eiliger Autofahrer unter Termindruck, und die XY-Sendung hatte ihm einen Irrtum bewusst gemacht. Er hatte bis dahin geglaubt, dass Sabine um 19.30 Uhr verschwand – und er zu dieser Zeit bei einem Geschäftstermin war.

Doch es war 18.30 Uhr, und da stand er am Rosenbergplatz an einer roten Ampel. Vor ihm so ein blöder Mercedes-Fahrer, der bei Grün zunächst losfuhr, dann aber grundlos abbremste. Der Gerlinger musste ausweichen und warf dem Fahrer böse Blicke zu. Doch der starrte auf ein Kind auf dem Gehweg – dunkle Haare, gelbes Kleidchen. Sabine! „Wenn wir diesen Hinweis zeitnah bekommen hätten!“, seufzt Kögel. „Aber wer erinnert sich nach so vielen Jahren noch an einen Mercedes?“

2015 17. Juli: Der Ausblick. Der Mörder dürfte heute um die 70 sein. Vielleicht hat sich der Mercedes-Fahrer bisher wegen der VW-Bus-Fahndung in Sicherheit gewähnt. „Vielleicht aber plagt ihn nun im Alter das Gewissen“, sagt Kögel, „da wäre jetzt eine gute Zeit, reinen Tisch zu machen.“

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