Maccabi-Fans in Stuttgart – Ultras oder üble Rassisten? Foto: Marijan Murat/dpa

Im Netz tobt ein Streit über Fangesänge der Maccabi-Tel-Aviv-Fans. Haben sie in Stuttgart Araber pauschal beleidigt? Die Staatsanwaltschaft steht vor keiner leichten Aufgabe.

Geht es um den Nahostkonflikt, ist in sozialen Medien kaum mehr ein sachlicher Diskurs möglich – fast zwangsläufig wird es emotional, häufig auch beleidigend. Mit Maccabi Tel Aviv war am Donnerstag ein Club in Stuttgart zu Gast, dessen Anhänger zuletzt nicht gerade durch Deeskalation aufgefallen waren, was den israelisch-palästinensischen Konflikt angeht, im Gegenteil: Maccabi-Fans skandierten im Kontext der Ausschreitungen in Amsterdam palästinenserfeindliche Parolen.

 

Angeblich haben sie Vergleichbares in Stuttgart auch gemacht, als ihr Verein sich dem VfB in der Europa League mit 1:4 geschlagen geben musste. Zumindest ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft auf Basis von Videoaufnahmen im Schlossgarten, ob sich einige Gäste-Fans strafbar gemacht haben. Die Videos wurden von der Polizei selbst angefertigt, teilweise handelt es sich auch um Aufnahmen, die im Internet kursieren. Die erste hohe Hürde: Die Gesänge sind in hebräischer Sprache, was es Laien, welche die Videoaufnahmen sehen, schwer macht, deren Inhalt überhaupt zu verstehen.

Texte müssen erst übersetzt werden

„Die strafrechtliche Bewertung dieser Gesänge wird durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart derzeit geprüft“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage unserer Zeitung. Hierfür sei beispielsweise erforderlich, „die in anderer Sprache erfolgten Gesänge übersetzen zu lassen, weshalb die Prüfung nicht sofort abgeschlossen sein kann“, so der Sprecher weiter. „Sollte sich bei der Prüfung herausstellen, dass sich Personen durch die Gesänge strafbar gemacht haben, bietet beispielsweise die Rechtshilfe die Möglichkeit einer Strafverfolgung über Ländergrenzen hinweg.“

Andere sind in ihrem Urteil schneller. So kursieren im Netz Ausschnitte der Gesangsszenen und Übersetzungen dazu – die allerdings kaum dazu geeignet sind, den Sachverhalt aufzuklären.

Manche sogenannte Polit-Fluencer – Influencer, die bei politischen Themen große Reichweite besitzen – aus dem propalästinensischen Lager teilen Videos und eine Übersetzung der Gesänge, die ganz eindeutig araberfeindlich ist und sogar Vergewaltigungsfantasien beinhaltet. Auch Mersedeh Gazi, Spitzenkandidatin der Linken bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, hat auf Instagram Teile dieser Übersetzung geteilt.

Laut Wortmeldungen aus dem Lager, das Israel wohlgesonnener gegenübersteht, stimmen diese Übersetzungen allerdings nicht im Ansatz. Hier wird der Gegenseite bewusste Irreführung unterstellt, um Stimmung gegen Israel zu machen. Bei den Fangesängen handle es sich um Ultra-Schmähgesänge, die an den Konkurrenten Maccabi Haifa FC adressiert seien und mit dem Nahostkonflikt überhaupt nichts zu tun hätten.

Kontext entscheidend

Die im Netz debattierten Übersetzungen eint eigentlich nur eines: Die Textzeilen sind voller Kraftworte und das F-Wort kommt in jedem Fall häufiger vor. Alleine das reicht allerdings nicht aus, um einen Straftatbestand festzustellen.

Ganz grundsätzlich ist der Kontext bei möglichen Beleidigungen, Volksverhetzung und ähnlich gearteten Delikten entscheidend. Das bekannteste Beispiel dürfte die Klausel „ACAB“ sein („Alle Polizisten sind Bastarde“). Der Bundesgerichtshof urteilte 2016, dass die pauschale Aussage als solche keine Straftat darstellt, an eine klar abgegrenzte Personengruppe gerichtet aber schon.

Wann die Prüfung der aktuellen Videos durch die Staatsanwaltschaft zu einem ersten Ergebnis kommt, war am Freitagmittag noch unklar. Hierfür dürfte auch entscheidend sein, ob noch weitere Szenen dokumentiert sind, die die Staatsanwaltschaft übersetzen und auswerten muss.

Die Polizei war mit Tausenden Einsatzkräften in Stuttgart aktiv. Foto: Marijan Murat/dpa

Insgesamt kann bilanziert werden, dass die Polizei das Hochrisikospiel am Donnerstag Abend im Griff hatte. Abseits der möglichen Straftaten im Kontext mit Gesängen wurden nur wenige Delikte verzeichnet. Ein 21 Jahre alter Maccabi-Fan soll auf dem Weg zum Stadion den Hitlergruß gezeigt haben, gegen ihn wird ermittelt. Sechs weitere Gästefans verpassten das Spiel, weil sie dabei erwischt wurden, Pyrotechnik zu zünden.

Die Polizei sicherte die Sportveranstaltung mit mehreren Tausend Einsatzkräften. VfB-Chef Alexander Wehrle lobte ihre Arbeit: „Danke an die Polizei, die Behörden und alle weiteren Einsatzkräfte sowie alle, die uns im Vorfeld oder beim Spiel selbst tatkräftig unterstützt haben. Ich habe vor dem Spiel betont, dass die MHP Arena immer ein Ort bleiben soll, der die Menschen beim Fußball zusammenbringt.“