Luftkrieg vor 70 Jahren Nachts, als das alte Stuttgart unterging

Von Wolf-Dieter Obst 

Insgesamt 53 Luftangriffe auf Stuttgart gab es im Zweiten Weltkrieg – dabei wurden 4562 Menschen getötet und 40 000 Gebäude zerstört. In vier Juli-Nächten 1944 aber wurde das Herz der Stadt zerstört. Die Erinnerungen an den Untergang des alten Stuttgarts sind noch sehr lebendig.

Insgesamt 53 Luftangriffe auf Stuttgart gab es im Zweiten Weltkrieg – dabei wurden 4562 Menschen getötet und 40 000 Gebäude zerstört. In vier Juli-Nächten 1944 aber wurde das Herz der Stadt zerstört. Die Erinnerungen an den Untergang des alten Stuttgarts sind noch sehr lebendig.

Stuttgart - Hatten die schon vorher was geahnt? Günther, ein Bub aus Steinhaldenfeld, hatte sich die ganze Zeit gewundert, dass neben dem Friedhof neue Löcher gegraben wurden, offenbar Gräber für ganz viele Leute. Dass die sich schnell füllen sollten, erfuhr der Zwölfjährige schon bald – als er sich nachts in einem Bunker wiederfand und die Bomben auf Stuttgart prasselten. „Es hat gesurrt und getan, und drunten hat die Stadt gebrannt“, erinnert sich der heute 82-jährige Günther Schaile.

Der Schrecken wollte kein Ende nehmen. Seinen Vater hatte er 1942 in Stalingrad verloren, und der Anblick von Tod und Zerstörung blieb auch ihm, der mit seiner Mutter in einem Siedlungshaus mit Garten im Steinhaldenfeld lebte, nicht erspart. Als in jenen besonderen Schreckenstagen vom 25. bis 29. Juli 1944 die Bomberwellen vorüber waren und Stuttgart in Schutt und Asche lag, wurde der Junge abkommandiert. Jungvolk und ältere Männer des Volkssturms sollten in der Rötestraße im Stuttgarter Westen die Verschütteten aus den Hausruinen bergen.

"In den Kellern lagen meist nur noch Tote"

„Mit einem Spaten haben wird die Eingänge freigeschaufelt, mit den Händen die Steine weggeschoben“, sagt Schaile, „doch unten in den Kellern lagen meist nur noch Tote.“ Die Phosphorbomben, das Flammenmeer – die Menschen hatten keine Chance. Der Zwölfjährige war froh, dass die älteren Männer beim Bergen der Leichen sagten: „Ihr Buben, geht da mal ein bisschen weg.“

Am 26. Juli 1944, in der zweiten Nacht, hatte es besonders viele Opfer gegeben. „Offenbar hatten viele nach dem ersten Angriff geglaubt, dass die Bomber nicht gleich wieder in der nächsten Nacht kommen würden“, sagt Schaile. Mancher könnte sich in falscher Sicherheit gewiegt haben. Doch sie kamen wieder: 550 englische Bomber hatten diesmal sogar fabrikneue Hochexplosivbomben dabei, als sie am 26. Juli um 1.38 Uhr zuschlugen. Sie vernichteten mit Zehntausenden Spreng- und Flammstrahlbomben das Herz Stuttgarts. Das Neue Schloss, das Rathaus, das Areal vom Schlossplatz bis zum Wilhelmsbau, von der Leonhardskirche bis zum Katharinenhospital – nur noch rauchende Trümmer. In den vier Juli-Nächten wurden auch Ostheim, Gablenberg, Botnang und Feuerbach angegriffen, der Bombenhagel reichte bis Untertürkheim.

884 Menschen starben in den vier Juli-Nächten, 1916 wurden verletzt, 14 als vermisst gemeldet. 100 000 wurden obdachlos. Unter den Toten auch 16 Oberschüler, die in Degerloch als Luftwaffenhelfer in einer Flakstellung stationiert waren. Acht starben am 28. Juli, als gegen 1.30 Uhr die Stellung von einer Bombe getroffen wurde. Der damals 16-jährige Rolf Armbruster aus Degerloch, der nur deshalb überlebte, weil er an diesem Tag seinen freien Tag hatte, sprach Jahrzehnte später bei einer Gedenkveranstaltung aus, was auch nach 70 Jahren Bestand hat: „Krieg ist niemals ein Gewinn, auch nicht für den Sieger.“

Royal Air Force entfachte einen weiteren Feuersturm

5000 Sprengbomben, 240 Luftminen, 20 000 Stabbrandbomben, 50 000 Flammstrahler und Phosphorbomben in vier Nächten. Das war längst nicht alles. Am 12. September 1944 entfachte die Royal Air Force einen weiteren Feuersturm in der Stadt, 957 Menschen kamen ums Leben. Insgesamt hatten 4562 Stuttgarter durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren.

Die Saat von 12 000 Spreng- und 1,3 Millionen Brandbomben in Stuttgart beschäftigt uns noch heute. 4. Juni 2014, im Wald zwischen Degerloch und Sillenbuch: Ein Wohnviertel am Eichenhain wird für Stunden evakuiert, Peer Müller vom Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft zwei 250-Kilo-Fliegerbomben, die seit 70 Jahren im Boden ruhten. „So genau haben die Piloten nicht zielen können“, sagt Müller, „die hier wurden eindeutig zu früh abgeworfen.“

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