Lindsey Vonn ist trotz Kreuzbandriss gestartet – und schwer gestürzt. Ein Knieexperte erklärt, wieso auch Hobbysportler mit dieser Verletzung fahren können, es aber lassen sollten.
Ein Kreuzbandriss gilt als langwierige Verletzung – für Spitzensportler bedeutet die bittere Diagnose manchmal sogar das Ende der Karriere. Lindsey Vonn (41) wollte bei der Abfahrt in Cortina d’Ampezzo trotzdem Gold holen. Doch der Olympia-Traum war schnell vorbei: Die Ausnahmeskifahrerin ist am Sonntag nach wenigen Sekunden gestürzt. Die Folge: eine noch schwerere Verletzung, die US-Amerikanerin hat sich eine Fraktur im linken Bein zugezogen und musste mehrfach operiert werden. Bis zur Genesung ist es noch ein langer Weg.
Wir haben bereits vor ihrem Start mit Michael Schlumberger, Ärztlicher Direktor der Sportklinik im Klinikum Stuttgart, darüber gesprochen, wie gefährlich es ist, mit diesem Handicap auf die Piste zu gehen – und ob sich auch Hobby-Skifahrer so etwas zumuten können. Das Interview haben wir nach der Abfahrt aktualisiert.
Herr Schlumberger, mit Kreuzbandriss bei der olympischen Abfahrt starten – verstehen Sie, dass man so ein Risiko eingeht?
Wenn man im Leistungssport drin ist, dann ist das nachvollziehbar. Es geht um diesen einen Moment.
Was haben Sie gedacht, als Sie von Lindsey Vonns Kreuzbandriss gehört haben?
Die Arme! Sie hat schon so viel mitgemacht mit ihren Verletzungen. Und es hat mir leid getan, dass das jetzt, vor der olympischen Abfahrt, passiert ist. Denn bei einem Kreuzbandriss würde man eigentlich davon ausgehen, dass sie der Belastung bei so einem fordernden Sport nicht mehr standhalten kann.
Ist der menschliche Körper fähig, mit einer perfekten Orthese so ein Rennen zu schaffen?
Ich denke eher nicht. Ich weiß, dass Athleten in so einem Fall eine passgenaue Orthese aus Carbonfaser bekommen, die das Kniegelenk stabilisieren soll. Dazu kommt ihre Top-Muskulatur. Nichtsdestotrotz sehe ich es kritisch, dass sie wirklich unter diesen Umständen ihre volle Leistung abrufen können. Oft geht neben dem Kreuzband auch noch anderes im Knie kaputt.
Man muss also mit gesundheitlichen Folgen rechnen?
Wer wie Lindsey Vonn mit einer Teilprothese in diesem Alter noch diesen Leistungssport betreibt, macht sich über Arthrose keine Gedanken. Dass sie sich ihr Knie nun komplett kaputt macht, ist logisch.
Kann ein Hobby-Sportler mit einem Kreuzbandriss auch wieder auf die Piste?
Manche, die sich auf der Piste isoliert das Kreuzband reißen, fahren noch ab. Das kann gehen. Aber man spürt schon, dass etwas kaputt gegangen ist und dass das Knie instabil ist. Manche können das direkt muskulär zu einem gewissen Teil kompensieren und kommen irgendwie noch die Piste herunter. Man kann theoretisch auch ohne Kreuzband Skifahren oder auch andere geführte Sportarten machen. Die Frage ist: Warum sollte man das tun?
Was können die Folgen sein?
Also, ein rüstiger 60- bis 70-Jähriger, der sich das Kreuzband reißt, sich aber gegen eine Operation entscheidet, kann mit einer guten Orthese und gutem muskulärem Training noch ein bisschen die blauen, vielleicht auch roten Pisten runterfahren. Wenn sich aber ein junger Mensch, der mit dem Knie ja noch lang durchs Leben gehen muss, trotz Instabilität gegen eine Operation entscheidet, wieder Ski fährt und dann stürzt oder sich das Knie verdreht, dann können Knorpel, Menisken oder andere Bänder im Knie kaputt gehen – und man hat einen Schaden, der irreversibel ist. Das passiert beim Skifahren schnell.
Was raten Sie jungen Patienten mit Kreuzbandriss?
Zunächst muss man sehen, was sonst noch kaputt ist im Knie. Begleitschäden sind bei einem Kreuzbandriss recht häufig. Bei Kombinationsverletzungen rät man ohnehin zu einer Operation. Andernfalls steigt das Risiko für Arthrose, und man behält dauerhaft ein funktionelles Defizit zurück. Wenn sich jemand gegen eine Operation entscheidet, sollte er aufgeklärt werden, was diese Entscheidung bedeuten kann.
Ich halte es für einen Kunstfehler, wenn Patienten zwar über die Risiken einer Operation aufgeklärt werden, aber nicht über die Folgen, wenn sie sich nicht operieren lassen. Wenn es eine hochgradige Instabilität im Knie gibt, ist die Kreuzband-OP zur Stabilisierung meiner Meinung nach die einzig sinnvolle Option.
Wie lange dauert es, bis man nach einer Kreuzband-OP wieder Sport machen kann?
Ich kann nur von meiner OP-Technik und von meiner Abteilung hier in der Sportklinik des Klinikum Stuttgart sprechen. In einer anderen Klinik kann das ganz anders sein. Hier bei uns bekommen die Patienten nach der Kreuzbandrekonstruktion keine Schiene, wenn es keine Begleitverletzungen gab, wie zum Beispiel die Notwendigkeit einer Meniskusnaht.
Das Ziel ist, nach fünf bis sechs Wochen wieder frei beweglich zu sein und wieder Fahrrad fahren zu können. Joggen sollte nach drei Monaten wieder möglich sein. Ab da wird es sehr individuell. Je nachdem wie fit man vorher war – und wie man danach trainiert. Aber normalerweise sollte es möglich sein, nach einem Jahr wieder Skizufahren. Es muss ja nicht gleich die schwarze Buckelpiste sein.
Zur Person
Werdegang
Privatdozent Dr. Michael Schlumberger ist seit Anfang 2025 Ärztlicher Direktor der Sportklinik im Klinikum Stuttgart. Er hat in Tübingen Medizin studiert und war an der Orthopädischen Klinik Markgröningen tätig.