Vertreter der Letzten Generation und von Parents for Future haben mehrfach für mehr Klimaschutz am Stuttgarter Flughafen demonstriert. Nun gab es ein Gespräch mit den Geschäftsführern. Was dabei herauskam.
Die Geschäftsführer des Stuttgarter Flughafens und Klimaaktivisten: Das sind Personen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Die einen verantworten ein Wirtschaftsunternehmen, die anderen kämpfen dafür, dass die Klimaerwärmung eingedämmt wird. Und weltweit ist der Luftverkehr mit etwa drei bis fünf Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Doch am Donnerstagabend saßen genau diese Gruppen miteinander anderthalb Stunden an einem Tisch – und beide Seiten sprechen danach von einer „angenehmen Atmosphäre“, von einem „Gespräch auf Augenhöhe“ und dass man „für dieselbe Sache einstehe“.
Inhaltlich sei man „komplett beieinander“
Das Gespräch selbst war nicht öffentlich, Medienvertreter waren nicht erlaubt. Doch die Beteiligten erklären sich danach bereit, darüber zu sprechen.
Zustande kam das Ganze, weil Vertreter des Flughafens sich regelmäßig zu Gesprächen mit Kritikern verabredeten, sagt der Flughafen-Sprecher Johannes Schumm. So werde mindestens einmal pro Jahr die Schutzgemeinschaft Filder eingeladen. Auch mit Vertretern von Fridays for Future saß man schon am Tisch.
Zuletzt hatten Aktivisten der Letzten Generation und von Parents for Future mehrfach am Flughafen demonstriert. Und sie hatten einen offenen Brief formuliert, den sie an die Flughafen-Geschäftsführung, aber auch an den Stuttgarter OB Frank Nopper und den Landesverkehrsminister Winfried Hermann geschickt haben. „Die haben sich inhaltlich mit unserer Klimastrategie auseinandergesetzt“, sagt Schumm. Man habe sich daher gefragt, welche Erwartungen die Aktivisten an den Flughafen haben, „denn inhaltlich sind wir komplett beieinander“.
Aktivisten kritisieren Flüge nach Frankfurt oder München
Das betont auch Verena Ludewig (50), die sich bei den Parents for Future in Reutlingen engagiert und bei dem Gespräch am Donnerstagabend dabei war: „Alle Anwesenden haben das gleiche Ziel: mehr Klimaschutz und schnell umgesetzte Maßnahmen.“ Ab diesem Punkt allerdings unterscheide man sich. Der Flughafen möchte klimaneutral werden, was jedoch nur für den Teil am Boden gilt, also etwa die Gebäude und Fahrzeuge. „Diese Bereiche sind tatsächlich auf einem sehr guten Klimapfad – aber das macht nur fünf Prozent der Emissionen aus.“ Den Klimaaktivisten gehe es um die anderen 95 Prozent – nämlich den tatsächlichen Flugverkehr.
Konkret kritisieren sie den Wachstumskurs des Flughafens und vermeidbare Kurzstreckenflüge, etwa von Stuttgart nach München und Frankfurt. Diese rund 50-Minuten-Flüge machten überhaupt keinen Sinn, argumentiert Verena Ludewig, da man mit der Bahn schneller in Frankfurt oder München sei, wenn man die Zeit einkalkuliere, die man früher am Flughafen sein müsse für Check-in und Kontrollen. „Und Kurzstreckenflüge haben eine sehr schlechte Klimabilanz“, betont sie.
„Wir können nicht sagen: ‚Dieser Flug ist unnötig.’“
Der Sprecher des Flughafens, Johannes Schumm, stellt nicht in Abrede, dass auch sie diese Flüge nur bedingt sinnvoll finden. Aber darum gehe es nicht, betont er: „Wir haben eine Betriebspflicht.“ Selbst wenn jemand nur von Bad Cannstatt auf die Fildern fliegen wolle und alle rechtlichen Dinge geklärt seien, müsse der Flughafen Stuttgart dies ermöglichen, sagt er. Dasselbe gelte für Privatjets. „Wir können nicht sagen: ‚Dieser Flug ist unnötig, den verbieten wir.’ Da wird unser Einfluss überschätzt.“
Sowieso würde kaum jemand für einen Termin in Frankfurt oder München von Stuttgart aus das Flugzeug nehmen. „Das sind Zubringerflüge, um von Frankfurt oder München Langstrecken zu fliegen.“ Zwar würden Linien wie die Lufthansa im Buchungsprozess bereits vorschlagen, dass die Menschen mit dem Zug dorthin fahren sollten, „aber viele Menschen wollen in Stuttgart ihren Koffer abgeben und dort einsteigen.“ Und wenn Lufthansa nun keine solchen Zubringerflüge mehr anbieten würden, flögen die Menschen über andere Drehkreuze zu weiter entfernten Zielen, weiß Schumm.
Flughafen Amsterdam oder Frankreich als Vorbilder
Den Klimaaktivisten reicht diese Argumentation nicht: In Ländern wie Frankreich seien manche Kurzstreckenflüge immerhin bereits verboten. Und der Flughafen in Amsterdam setze bereits bewusst nicht mehr auf Wachstum, sondern reduziere sogar Flüge, sagt Mischa Bareuther (35), Aktivist der Letzten Generation. „Der Stuttgarter Flughafen scheint nicht bereit, auf Wachstum zu verzichten.“ Mit den gesetzlich vereinbarten Klimazielen dürfe es aber kein weiteres Wachstum im Flugverkehr geben, betont er.
So sei das Gespräch zwar gut verlaufen, zugleich bleibe eine Enttäuschung bei ihm und seinen Mitstreitern. „Uns hat das bestärkt, dass Protest sinnvoll ist, um verschiedene Akteure zu erreichen: die Politik, die Flughafen-Vertreter und die Flugreisenden“, sagt Mischa Bareuther. Klingt so, als ob die nächste Aktion nicht ewig auf sich warten ließe.