Lillo Scrimali bei der Arbeit: im Sommer 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz bei Cro. Foto: Reiner Pfisterer

Lillo Scrimali ist einer der bekanntesten deutschen Musik-Arrangeure. Er ist musikalischer Leiter von „The Voice of Germany“ und arbeitet schon lange mit den Fantastischen Vier und Cro. Über einen, den man ständig hört – ohne es zu wissen.

Berlin - Dunkel sind die Wege hinter die Bühne. Unter dem Bühnenboden steht neben viel Technik ein wichtiges Accessoire für Lillo Scrimali: Eine italienische Espressomaschine, Marke Bezzera. Der 43-Jährige ist musikalischer Direktor der Gesangs-Castingshow „The Voice of Germany“, die bei Sat 1 und Pro Sieben ausgestrahlt wird. Zuvor am Catering-Truck auf dem Studiogelände von „The Voice of Germany“ in Berlin-Adlershof prescht Scrimali zum Kaffeevollautomaten, als man sich eine wohl ungenießbare Plörre herauslassen will, und sagt: „Das bitte nicht trinken.“ Ihm ist es ernst – mit dem Kaffee und mit der Musik. Als er mal nicht sofort auf eine Produktionsanfrage von Cro geantwortet hat, hat der Pandamaskenmann ihm ein Foto von der Kaffeemaschine im Studio geschickt, um ihn für den Job zu gewinnen.

Scrimali ist einer der gefragtesten deutschen Musikproduzenten und Arrangeure – dem Publikum aber weitgehend unbekannt. „Lillo ist ein Genie“, sagt Yvonne Catterfeld, Popsängerin und Jurymitglied von „The Voice“. Sie weiß, was Scrimali leistet, wie perfektionistisch er arbeitet, wie er Songs umschreibt, damit sie zu den Kandidaten, die hier „Talente“ genannt werden, passen. Seit sechs Jahren ist er bei „The Voice“ – und noch viele Jahre mehr mit den Fantastischen Vier verbandelt.

Nicht klatschen wie im „Fernsehgarten“

Jetzt ist Scrimali im Fernsehstudio, nimmt die Treppen in den zweiten Stock: „Ich muss fit bleiben.“ Er trägt Nike-Turnschuhe und ein paar graue Haare. Am Mittwoch stand er mit den Fantastischen Vier auf der Bühne, an diesem Donnerstag hat er einen Zwölf-Stunden-Tag bei „The Voice“, in zwei Tagen kickt er für ein Benefizturnier auf dem Rasen unter dem Stuttgarter Fernsehturm. Zwei seiner sechs Kinder sind in Berlin dabei, „damit sie sehen, was der Papa so macht“.

Scrimali sitzt mit seinen Kollegen auf der Bühne im TV-Studio, das in Echt viel kleiner wirkt als im Fernsehen. „Auf keinen Fall bei den Musiktiteln mitklatschen, das macht man nur im ,Fernsehgarten‘“, lautet eine der letzten Anweisungen ans Publikum, bevor die Modera­toren Lena Gercke und Thore Schölermann übernehmen. Es sind die Aufzeichnungen der sogenannten Battles, bei denen Kan­didaten aus den einzelnen Teams im K.-o.-System gegeneinander antreten. Zwei Minuten und 30 Sekunden dauert ein Song-Beitrag, die Pausen dazwischen sind oft länger. Gut, dass sich Lillo Scrimali und seine Bandkollegen auch mal Witze zwischen den Auftritten über Kopfhörer und Mikro erzählen können. Der Stuttgarter Florian Dauner, Sohn von Jazzgröße Wolfgang Dauner, sitzt am Schlagzeug.

Scrimali begleitet Fanta 4, Max Herre und Cro

Scrimalis Hauptinstrument ist das Klavier, Schlagzeug und Bass kann er auch spielen: „Ich weiß natürlich, wie jedes Instrument funktioniert.“ Das muss er auch, um Musik zu schreiben. Wer etwas mehr über Lillo Scrimali, den man sehr oft im Fernsehen oder auf Bühnen sehen kann, erfahren will, muss ihn fragen. Es gibt keine Homepage mit Vita, nur ein kurzer Wikipedia-Eintrag zu seinem Schaffen. Dabei kommt man an ihm seit vielen Jahren nicht vorbei. Er begleitet Künstler wie die Fantastischen Vier, Max Herre, Joy Denalane und Cro, arrangiert Popmusik für MTV-Unplugged-Shows um und leitet eben die Band von „The Voice of Germany“.

Dabei gibt es oft die Möglichkeit, ihn bei der Arbeit zu sehen. Sein Kalender ist voll mit Terminen. Sommers – im Juni und Juli – sind die Blind Auditions für „The Voice“, dann kommen im August und September die „Battles“. Die Liveshows folgen im Dezember. Dazwischen gibt es Studioproduktionen, MTV-Unpluggeds, Tourneen mit den Fantastischen Vier und Cro stehen Ende des Jahres an. „Es gibt Abende, an denen ich mich entscheiden muss“, sagt er. Wer ihn zuerst gebucht hat, kriegt den Zuschlag.

Mit akademischem Musizieren kann er wenig anfangen

Aufgewachsen ist Scrimali in Kirchheim unter Teck als Kind italienischer Einwanderer. Der Vater war Polsterer, die Mutter Schneiderin. Musik war immer ein großes Thema in der Familie. Mit vier Jahren hat er angefangen, Klavier zu spielen. Mit sechs bekam er klassischen Unterricht, mit zwölf besuchte er eine Jazzschule. Dem akademischen Musizieren konnte er aber nie viel abgewinnen. „Man lernt auf der Straße, durch Ausprobieren. Mein Vater hat immer gesagt: ‚Spiele immer mit besseren Leuten.‘ Das habe ich gemacht.“

Die erste Pop-Produktion war für das österreichische One-Hit-Wonder Marque. Kennengelernt haben sie sich in Stuttgart. Da ging das los mit Scrimali und der Popmusik. Es gab einen kommerziellen Hit („One To Make Her Happy“), die ersten Fernsehauftritte mit blondierten Dreadlocks. Das war Ende der neunziger Jahre, Scrimali Ende zwanzig.

Auch mit Jazzgrößen war er schon auf Tour

Er habe nie geplant, von der Musik leben zu können, sagt Scrimali. Das kann er natürlich längst. „Ich bin ein Glückspilz“, meint er zur monetären Seite des Erfolgs. Aber auch: „Ich hatte schon als Jugendlicher immer mein Geld in der Hosentasche.“ Er war stets ein Vielspieler; einer, der Musiklehrer werden wollte und beim Unterrichten gemerkt hat, dass es da auch Kinder gab, die gar keine Lust auf Musik haben. Das war nichts für ihn. Er bespielte Hochzeiten, Pressebälle, Coverabende. Musikalisch kennt er keine Scheuklappen: Seine Bandbreite reicht bis zu Salsa, brasilianischer und türkischer Musik. „Ich bin mir für nichts zu schade, wenn es musikalisch anspruchsvoll ist“, sagt er. Wenn er den Stuttgarter Jazzclub Kiste besucht, wird er schon mal gefragt, was er denn hier suche: „Du bist doch Popmusiker.“ Das fragen bloß Leute, die ihn nur aus dem Fernsehen kennen. Schließlich war Scrimali schon mit Jazzgrößen wie dem Posaunisten Nils Landgren und dem Schlagzeuger Billy Cobham auf Tour.

Die neunziger Jahre in Stuttgart waren umtriebig. Es passierte viel. Hip-Hop hatte seinen Höhepunkt, Stuttgart war damals neben Hamburg eine Hochburg der Musik. Scrimali arbeitete für Four Music, die Plattenfirma der Fantastischen Vier. „Meine Freundin macht eine Platte, hast du Lust, ein paar Songs mitzuspielen?“, fragte Max Herre ihn auf einer Party. Daraus wurde das ganze Album für Joy Denalane.

Notfalls kommt auch eine Kettensäge zum Einsatz

Scrimali kam zu den Fantastischen Vier, als sich deren Manager Andreas „Bär“ Läsker überlegte, dass die Hip-Hopper bei großen Shows eine richtige Band brauchen. Im Jahr 2000 wurden die Fantas für MTV Unplugged angefragt. Die Band und die Popstars saßen gemeinsam im Bus. Michi Beck wollte erst absagen, weil sie ja eigentlich auf elektronische Musik spezialisiert seien. Der sonst so zurückhaltende Scrimali meinte: „Ich könnte das arrangieren.“ Er konnte schreiben, das wusste er, aber das war etwas komplett Neues: aus einem Hip-Hop-Song, der aus Sounds und Loops besteht, etwas zu machen, das mit richtigen Instrumenten gespielt wird: „Ich habe kaum geschlafen, geschrieben, geschrieben.“ Es brauchte viel Fantasie, um die Songs, die auf elektronischen Sounds basieren, in akustische Klänge zu verwandeln. So kamen etwa eine Kettensäge oder eine vier Meter große japanische Subkontrabassflöte zum Einsatz, um die Töne umzusetzen.

Heute hat Scrimali schon sechs Unplugged-Produktionen geleitet, darunter Cro, Max Herre oder auch Revolverheld. Für das Unplugged-Konzert von Cro hatte Scrimali gerade mal zwei Wochen Zeit, die Arrangements zu schreiben: „Da habe ich dann auch im Studio geschlafen.“ Scrimali ist ein Nachtmensch: „Schreiben kann ich nur nachts, wenn das Telefon nicht klingelt und die Kinder nicht da sind.“

Aus Lady Gaga macht Scrimali auch mal eine Jazz-Nummer

2003 zog Scrimali nach Köln, weil die Anfrage von „Deutschland sucht den Superstar“ kam. Taugt eine Castingsendung mit Dieter Bohlen für einen Vollblutmusiker? „Ich habe grundsätzlich keine Vorurteile. Bohlen hat seine Berechtigung. Er hatte große Erfolge in den achtziger Jahren. Ob das mein Geschmack ist, tut nichts zur Sache“, sagt Scrimali. Durch die Unplugged-Produktionen war ein RTL-Produzent auf ihn aufmerksam geworden. Zu Beginn sollte Scrimali nur ein paar Playbacks produzieren – am Schluss stand eine ganze Liveband auf der Bühne. „DSDS“ hatte vor allem Unterhaltungswert. Nach ein paar Jahren hatte Scrimali genug und wollte etwas Neues probieren. Er tourt nach wie vor mit den Fantastischen Vier oder Cro, in dessen Orchesterbandbesetzung auch Scrimalis Bruder Matteo mitspielt.

„The Voice“ ist ganz anders als das Leben auf Tour: „Für mich ist es interessant, weil man sich auf jede Person individuell einstellen muss.“ Die Leute suchen sich Songs heraus, Scrimali schaut nach den Stärken und Schwächen der Sänger, macht aus einem Lady-Gaga-Song vielleicht eine jazzige Nummer. „Wir spielen keine Songs nach“, sagt Scrimali. Er bekommt es oft mit, wie es ist, Popstar zu sein. Wenn die Fans Selfies und Autogramme wollen. Von ihm wollen die Kenner nur wissen, mit welchem Instrument er welchen Sound hinbekommt. Den Plan, Popmusiker zu werden, hatte er nie. Er wollte nie auf die große Bühne. Das ging schief. Er wollte nie im Vordergrund stehen. Das hat geklappt.

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