Dank Handy-Apps soll weniger Essbares im Müll landen – auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Auch Stuttgarter kaufen so ein. Wer profitiert wirklich davon?
Ein halbes Brot, ein paar Körnerbrötchen, eine Brezel und eine mit Käse belegte Laugenstange – „eine ganz gute Ausbeute“, findet die Frau, die hier nur Melanie genannt werden möchte. Es ist später Nachmittag, als sie die braune Papiertüte in einer kleinen Bäckereifiliale in der Stuttgarter Innenstadt abholt. Bestellt hat Melanie sie über die Handy-App „Too Good To Go“. Die App vermittelt Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, zu einem deutlich reduzierten Preis. „Lasst uns gemeinsam Lebensmittel retten“, heißt es auf der Website.
Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft landen in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Hinzu kommen Verluste, wenn Gemüse beispielsweise aufgrund zu krummer Form aussortiert oder beim Transport beschädigt wird. Darunter auch Lebensmittel, die problemlos gegessen werden könnten. Das meiste, nämlich 59 Prozent, werfen laut Ministerium private Haushalte in die Tonne. 78 Kilogramm sind es pro Person und Jahr, darunter freilich auch Unvermeidbares wie Schalen, Kaffeesatz, Knochen oder Verdorbenes. Auch in Läden und der Gastronomie fällt viel Essensabfall an, nämlich sieben beziehungsweise 17 Prozent.
Lebensmittel retten als Teil der Unternehmensstrategie
Mehr und mehr Unternehmen wollen das ändern. Der Discounter Lidl etwa bietet seit August 2022 deutschlandweit „Rettertüten“ an. Die Papiertüten sind mit nicht mehr ganz taufrischem, aber noch essbarem Obst und Gemüse gefüllt. Kosten pro Tüte: drei Euro, unabhängig von Gewicht und Inhalt. Bis zu fünf Kilogramm könne eine solche Tüte wiegen, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Die Tüten seien Teil der Nachhaltigkeitsstrategie, mit der Lidl bis 2025 seine Lebensmittelverschwendung um 30 Prozent reduzieren wolle. „Dazu gehört neben den Rettertüten der Verkauf von Produkten mit kurzem Haltbarkeitsdatum in Retterboxen mit der Aufschrift ,Rette mich!‘ und einer Rabattierung von 30 Prozent“, erläutert eine Sprecherin.
In größeren Städten hat sich auch „Too Good To Go“ etabliert. Die App eines dänischen Start-ups ermöglicht es, Lebensmittel günstig zu ergattern, die sonst im Müll gelandet wären. Das können Obst und Gemüse, aber auch verschiedene Backwaren oder ganze Mahlzeiten sein. Was man bekommt, ist jedes Mal eine Überraschung, wie auch bei Lidl. Ob die Tüte vom Bäcker also nur zehn Tafelbrötchen enthält oder ob auch ein Kuchen oder ein Sandwich dabei sind, weiß man vorher nicht. „Ich glaube, für Menschen mit Allergien oder Veganer ist das nicht so attraktiv“, sagt die App-Nutzerin Melanie aus Stuttgart.
Zwar lässt sich in der App einstellen, dass man nur vegetarische oder vegane Partnerbetriebe angezeigt bekommen möchte, doch das schränkt die Auswahl erheblich ein. Der Selbsttest zeigt: An diesem Tag, an dem Melanie ihre Backwaren abholt, ist die Überraschungstüte eines Lebensmittelmarktes die einzige vegane Option. Und das, obwohl ganz Stuttgart als Suchgebiet angegeben und die Abholzeit nicht eingegrenzt wurde. Entfernt man den „vegan“-Filter, sieht es schon sehr viel ergiebiger aus.
Rewe und Starbucks machen mit
Mehr als 16 000 Partnerunternehmen arbeiten laut Unternehmensangaben mittlerweile mit „Too Good To Go“ zusammen, darunter besonders viele Ketten und Konzerne wie Rewe, Starbucks, Shell oder Nordsee. In Stuttgart sind es einer Sprecherin für „Too Good To Go“ zufolge 274 Partnerbetriebe. Im Schnitt kostet eine Überraschungstüte 3,50 Euro, den ursprünglichen Warenwert zeigt die App ebenfalls an.
Melanie hat für ihre Tüte 3,50 Euro bezahlt, etwas mehr als elf hätte der Inhalt regulär gekostet. „Das ist schon ein echtes Schnäppchen“, sagt sie. Regelmäßige Nutzerin sei sie nicht, „ich greife zu, wenn mich etwas anspricht“. Finanziell sei sie nicht darauf angewiesen. „Aber die Inflation habe ich auch gespürt, wie so viele. Vielleicht ist die aktuelle Situation für manche ein Anreiz, diese Optionen wahrzunehmen und bewusster mit Lebensmitteln umzugehen.“
Der Preis pro Tüte liegt im Schnitt bei 3,50 Euro
Die andere Seite der Medaille
Die Bemühungen bleiben allerdings nicht ohne Kritik. Auf der Facebook-Seite von Lidl etwa bemängeln Kundinnen und Kunden unter dem Post zu den Rettertüten die Qualität der Ware. Von „gelben, ehemals grünen Gurken“, „verschimmelten Trauben“ und „welkem Lauch“ ist die Rede. Oder auch dass der Discounter die Lebensmittel besser an die Tafeln spenden solle, statt doch noch Geld damit zu machen.
Von Unternehmensseite heißt es auf Anfrage, dass „Lidl für die Tafeln weiterhin ein verlässlicher Partner ist“. Seit fast 15 Jahren arbeite man zusammen und werde dies auch weiterführen. Außerdem spende man an die Tafeln nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch viele weitere Grundnahrungsmittel aus dem Sortiment. Zudem verweist die Sprecherin auf die Möglichkeit, dass Kunden ihre Pfandsumme an die Tafeln spenden könnten. 28 Millionen Euro seien so bislang zusammengekommen.
Auch „Too Good To Go“ erscheint einigen zu gut, um wahr zu sein. Denn immerhin handele es sich nicht um eine Non-Profit-Aktion, sondern um ein Unternehmen, das Umsatz generieren wolle. Die anfängliche Registrierung als Partnerbetrieb ist kostenlos. Sobald Lebensmittel über die Plattform verkauft werden, falle laut „Too Good To Go“ eine Jahresgebühr von 39 Euro an. „Diese muss jedoch nicht an ,Too Good To Go‘ gezahlt werden, sondern wird mit den ersten Verkäufen gegengerechnet.“
Hinzu kommt die Provision, die die Betriebe pro verkaufter Überraschungstüte zahlen müssen. Dazu liefert eine Sprecherin folgendes Beispiel: „Eine Tüte von zwölf Euro Warenwert wird für vier Euro verkauft, wovon drei Euro an die Bäckerei und ein Euro an uns gehen. Generell beträgt der Preis einer Portion etwa ein Drittel des Originalpreises.“ Die Provision richte sich nach dem Wert der Überraschungstüte.
Ob es sich rechnet, bleibt fraglich
Profitieren die teilnehmenden Betriebe wirklich?
Nach Angaben des Unternehmens gewinne in diesem System jeder: „Der Partnerbetrieb, weil er die Ware, die er ansonsten wegwerfen würde, noch für rund 30 Prozent des Warenwertes verkaufen kann, die Nutzerinnen und Nutzer, weil sie einwandfreie Lebensmittel für einen günstigen Preis bekommen, und die Umwelt, weil diese Lebensmittel dann nicht umsonst produziert worden sind.“
Doch drei Euro Einnahmen sind, gemessen an den Produktionskosten, für kleine Betriebe zu wenig, um damit Umsatz zu machen, bei entsprechender Menge sogar eher ein Verlustgeschäft. Für Ketten mit großen Margen hingegen spielt das keine Rolle. Als Partnerbetrieb können sie sich als „nachhaltig“ bewerben – egal, unter welchen Bedingungen die Lebensmittel hergestellt werden. Denn „Too Good To Go“ hat keine verpflichtenden Nachhaltigkeitsrichtlinien, an die sich Partnerunternehmen halten müssen.
„Eigentlich wäre es ja aber besser, wenn gar nicht erst was übrig bliebe“, sagt der Inhaber eines Stuttgarter Ladens, der lieber anonym bleiben will. Denn so lautet ein weiterer Kritikpunkt an „Too Good To Go“: Es bekämpfe nur Symptome, nicht aber die Ursachen der Lebensmittelverschwendung in Deutschland . Das liege aber zum Teil auch an den Kundinnen und Kunden, findet der Ladenbesitzer: „Solange die auch kurz vor Ladenschluss noch eine komplett volle Theke erwarten, wird sich nichts ändern.“
Gegen Lebensmittelverschwendung
Initiative
Mit der Informationsinitiative „Zu gut für die Tonne!“ setzt sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln ein. Mit Aufklärungskampagnen und gezielter öffentlicher Information soll bis 2030 die Lebensmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbiert werden. Das entspricht dem Ziel der Vereinten Nationen. Dazu gehört etwa die gleichnamige App der Initiative, die je Rezeptvorschläge für Reste ausspuckt. So sollen auch Nudeln vom Vortag oder Gemüsereste noch Verwendung finden.
Containern:
Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) und Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) setzen sich dafür ein, dass „Containern“ künftig keine Straftat mehr sein soll. Denn bislang war es strafbar, weggeworfene Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten und Bäckereien mitzunehmen. sf