Simon Sperling erntet zurzeit dreimal die Woche Artischocken auf seinem Feld in Stuttgart-Mühlhausen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Simon Sperling baut im Stuttgarter Teilort Mühlhausen Artischocken an. Ideen und Projekte hat der Biobauer viele. Sein Beispiel zeigt aber auch, welche Probleme die Landwirte zurzeit haben.

Die Artischocken erntet Simon Sperling noch selbst. Dafür braucht es Erfahrung, sagt er und schneidet einen der vielblättrigen Köpfe ab: „Die hat ein zartes Herz.“ Die inneren fleischigen Blätter liegen nicht mehr zu eng aufeinander, aber sind auch noch nicht nach außen geöffnet und geweitet. Ein schöner Kopf. An diesem Morgen in Stuttgart-Mühlhausen hat es 20 Grad, ideal für die Artischocken. Bei zu hohen Temperaturen müssen sie gekühlt und bewässert werden. Sie lieben eigentlich das küstennahe, wildwindige Klima.

 

Vom Feld aus sieht man die Strommasten und die Hochhäuser der nahen Ortschaften an Stuttgarts Rändern. Hier ist die Stadt – und doch das Land. Von hier kommen Gemüse und Obst, die die Stuttgarter auf ihrem Wochenmarkt kaufen können. Simon Sperling, 35, hat in diesen Sommertagen viel zu tun auf dem Hof. Artischocken erntet er dreimal die Woche. Wenn es heiß ist wie noch Anfang Juli, liegen manchmal nur wenige Stunden zwischen einem perfekten Kopf und einem, der sich schon zu weit öffnet – und am Ende nicht mehr so gut schmeckt.

Die Sperlings beliefern Supermärkte in der Region, besuchen Wochenmärkte

Bei seinen Artischocken, sagt Sperling, könne man sogar ein Stück des Stängels mitessen, nichts schmecke holzig. Der Bauer geht mit langen Schritten über den matschigen Boden zwischen seinen Pflanzen, und der Dreck bleibt in lehmigen Bollen an den Stahlkappenschuhen hängen. Da fängt es plötzlich auch noch an zu tröpfeln, und Sperling strahlt: Artischockenwetter!

Sperlings Mitarbeiter sind heute Morgen am Feld vorne an der Straße bei den Karotten, auch da gibt es Ernte. Man sieht sie schon von Weitem, gebeugt über die haarigen Blattbüschel. Mittwochs muss die Vermarktung hergerichtet werden, wie Simon Sperling sagt. Er schaut hinten nach den Eiern, „passt so weit“. Sperlings Frau Maren kommt vorbei mit zwei Lieferscheinen und Rechnungen: „Bitte einmal drüberschauen.“ Dann geht Sperling ins Kartoffellager. Gestern hat es geregnet, da hat er die Mitarbeiter hierher geschickt, wo es überdacht und windgeschützt ist, um die Kartoffeln an der Sortiermaschine vorzubereiten und in Säcke abzufüllen. Die Sperlings beliefern Supermärkte in der Region, besuchen Wochenmärkte in Stuttgart und Umgebung und betreiben mehrere Lebensmittelautomaten auf dem Hof. Der Betrieb ist seit einem Jahr ein vollständig umgestellter Biobetrieb. Sperling zeigt einen Kopfsalat mit fest gewellten hellgrünen Blättern: „Das ist mal ein Salat, kein so labbriges Teil.“ Das habe neulich selbst der Vater zugegeben, der früher herkömmlich angebaut hat: „So schöne Salate hatten wir damals nicht.“

Baugenehmigungen seien hier draußen schwer zu bekommen

Die Großeltern hielten den Hof früher als Nebenerwerb, mit Mastschweinen und Ackerbau. Enkel Simon hat ihn im Juli 2012 übernommen, die Schweine aufgegeben, „und im Dezember waren schon die Hühner drin“. Seither baut er dauernd um und aus. Auch wenn das gar nicht so einfach ist. Am liebsten würde er nämlich eine große Halle bauen, wo er zu- und ausfahren kann, verschiedene Lager- und Kühlräume unterkriegt. Das würde ihm viel Zeit und Aufwand sparen. Doch Baugenehmigungen, das ist Sperlings Erfahrung, sind hier draußen schwer zu bekommen.

Er probiert es immer wieder, die Entscheidungen dauerten ewig. Allem zugrunde lägen dann Vorgaben und Regelungen, die noch aus den 50er Jahren stammten, sagt er. Beispielsweise die, dass einem landwirtschaftlichen Betriebsleiter 140 Quadratmeter Wohnraum zustünden – und das auch nur, wenn er eine Landwirtschaft betreibe, die das Wohnen auf dem Betriebsgelände außerhalb der Ortschaft notwendig mache. Das wurde Sperling nicht zugestanden, erzählt er. Das alte Wohnhaus auf dem Bauernhof kann er vorerst nicht für sich, seine Frau und die zwei kleinen Kindern ausbauen. Sie wohnen trotzdem drin.

Vor einigen Jahren ist Sperling noch ins Obstbusiness eingestiegen: Mit einem Nachbarn, der seinen Obstbaubetrieb nicht mehr alleine fortführen wollte, hat er eine GbR gegründet. Vergangenes Jahr hat Sperling 130 Tonnen Bioäpfel geerntet, dazu weiteres Obst und viel Gemüse : Tomaten, Gurken, Karotten, Salate, Auberginen, Zucchini, Kürbis, Bohnen, Fenchel, Kraut, Blumenkohl, Kartoffeln – und die Artischocken. Er hält 3000 Hühner in Freilandhaltung, vermarktet eine Million Eier im Jahr.

Ideen hat Simon Sperling immer. Fürs nächste Jahr will er manche der Apfelbäume wegmachen, die nicht unter dem Hagelschutznetz stehen. Sind einfach zu wetterabhängig, und dann immer die Raupen des Apfelwicklers: setzen sich zwischen die Früchte, die besonders eng zusammen gewachsen sind, und fressen sich rein. Außerdem ist man neuerdings heuschreckengeplagt: Die scheinen sich einen schönen Sommer zu machen, hüpfen hoch zu den knackigen Früchten und beißen rein.

Wegen des Mindestlohns könnten viele Betriebe gefährdet sein

Viele Landwirte kämpften im Moment noch mit ganz anderen Problemen, erzählt Sperling, wegen des Mindestlohns. Zuletzt war beschlossen worden, dass der gesetzliche Mindestlohn in den nächsten beiden Jahren moderat steigen soll. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, hatte in verschiedenen Medien gewarnt, es komme „zu einer nicht tragbaren Belastung“ für viele Betriebe. Rukwied befürchtete, dass ein höherer Mindestlohn den Strukturwandel in den arbeitsintensiven Bereichen wie Obst-, Gemüse- und Weinbau beschleunigen wird, weitere Betriebe aufgeben müssen und noch mehr Erzeugung von Lebensmitteln ins Ausland verlagert wird.

Nahezu alle Nachbarländer haben einen geringeren Mindestlohn. Die Landwirte forderten deshalb die Regierung auf, sich in Brüssel für einen europäischen Mindestlohn einzusetzen. Simon Sperling sagt, auch er kenne viele Bauern, die aufhören oder weniger machen wollten. Er erzählt von Bekannten, die ihre Erdbeerfelder nächstes Jahr halbieren. Sperling sagt, er frage sich oft, wie politisch gewollt die Landwirtschaft in Deutschland wirklich noch sei.

Wenn es Regionales zu kaufen gibt, fahren die Leute in den Urlaub

Man merke dieses Jahr, erzählt er, dass die Kunden seit Kriegsbeginn in der Ukraine weniger Geld hätten und ausgäben. Im Sommer fahren die Leute trotzdem in den Urlaub, ist zumindest Sperlings Beobachtung – und das sei eben die Zeit, in der es das regionale Obst und Gemüse frisch zu kaufen gebe. Während andere Eis schlürfen in Rimini, muss Simon Sperling schauen, dass die reifen Tomaten aus dem Gewächshaus in Mühlhausen alle in den Verkauf gehen können.

Er selbst fährt erst im November weg, in die Therme Erding vielleicht wieder oder in die Center Parcs im Allgäu, mit Frau und Kindern. Dann plant Sperling auch seine Besuche in der Bauernschule in Bad Waldsee, die mehrere Tage dauern können. Da gibt es Kurse nicht nur zur Betriebsführung und Büroorganisation, sondern auch über so etwas wie „Meine Familie und ich“ oder „Körperliche und geistige Fitness“.

Sperling sagt, er treffe dort Bauern, die „weiter denken“, auch beruflich. Letztes Jahr hat einer von seinem neuen Klettergarten erzählt, ein anderer hat seine gefriergetrockneten Früchte präsentiert, ein dritter die Rafting-Touren, die er jetzt anbietet.

Das Problem für Simon Sperling ist, auf einem Betrieb wie seinem ist eigentlich das ganze Jahr über was zu tun. Beim Opa damals war es noch anders: „Da ist die Familie im Winter zur Ruhe gekommen“, jeden Tag nur zwei Stunden Stall, das war’s. Jetzt steht Sperling mit den Waren auch im eiskalten Winter auf dem Wochenmarkt. „Das ist ein hartes Geschäft“, sagt er, aber: „Landwirt wirst du nicht, das bist du.“

Bei den Äpfeln lässt Sperling gerade ein System mit Drohnen vorbereiten

So, jetzt noch rausfahren zu den Äpfeln. Die frühen Sorten, zum Beispiel der Summercrisp, sind vielleicht erntereif. Dann müssen sie ab. Zwischen den langen Reihen bleibt Sperling vor den kleinen roten Äpfeln stehen, beißt in einen Summercrisp, kaut und schaut in den Wolkenhimmel. „Einwandfrei“, die Frühäpfel sind reif. Sperling packt zusammen, die Mitarbeiter sollen morgen hier herauskommen, die Äpfel ernten. Alles von Hand, die frühen Sorten sind so empfindlich. Für die späteren lässt Simon Sperling gerade ein System mit Drohnen vorbereiten, das will er ausprobieren – die Drohnen ernten dann rund um die Uhr.

In unserer Sommerserie stellen wir Menschen vor, die im Sommer dableiben und arbeiten müssen. Nächste Woche: der Eisverkäufer.