Bis zu 3000 Frauen waren zeitweise im Straflager, das sich mitten in Rudersberg befand, inhaftiert. Für manche war es die letzte Station vor dem Tod im Vernichtungslager. Foto: Gottfried Stoppel

Eine Rundfahrt zu Orten der NS-Diktatur führt auch zum Straflager für Frauen in Rudersberg. Dessen Standort ist wenig bekannt. Das sollte sich ändern, finden einige Aktivisten.

Das stattliche Haus an der Rudersberger Ortsdurchfahrt hat eine makellos weiße Fassade. Nichts weist auf seine dunkle Vergangenheit hin. Doch was heute als privater Wohnraum dient, war zwischen Juli 1942 und April 1945 ein Ort, an dem Menschen inhaftiert, gedemütigt und gequält wurden. Arbeitserziehungslager für Frauen – so lautete die offizielle Bezeichnung. Für manche der Inhaftierten war dieses Gebäude in der Backnanger Straße die letzte Station vor dem Konzentrationslager.

 

Auch für Sofie Klenk und Emmy Seitz, beide waren in der Widerstandsgruppe Schlotterbeck aktiv, sei Rudersberg Durchgangslager für den Weitertransport ins KZ Dachau gewesen, wo sie starben, sagt Sonja Bauer. Die Historikerin aus Stuttgart hat vor fast 30 Jahren an einem Buch über die Ortsgeschichte von Rudersberg mitgearbeitet. Eine prägende Erfahrung.

Der Terror drang bis in die kleinsten Dörfer vor

„Ich wusste damals einiges über den Nationalsozialismus, aber ich wusste nicht, wie stark und wie direkt der Terror bis in kleinste Orte vorgedrungen war“, erzählte Sonja Bauer der rund 30-köpfigen Gruppe, die sie am Samstag gemeinsam mit Harald Stingele zu historischen Orten der NS-Diktatur im Rems-Murr-Kreis führte. Dazu gehörten beispielsweise das ehemalige Gefängnis- und Gerichtsgebäude in Welzheim, das die Gestapo 1935 in ein Konzentrationslager umfunktionierte und in dem 61 Menschen starben, sowie die KZ-Hinrichtungsstätte, der „Henkerssteinbruch“ an der Straße nach Rudersberg. Das Straflager, das die Gestapo in dem Ort von Juli 1942 bis April 1945 für Frauen betrieb, ist weit weniger bekannt.

In den 1920er Jahren sei das Haus als Gasthof „Zur Ritterburg“ genutzt worden und ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, berichtete Sonja Bauer. Anfang der 1930er Jahre schloss das Lokal – die Weltwirtschaftskrise machte sich bemerkbar. Ein Holzwerk in unmittelbarer Nachbarschaft gehörte im Jahr 1937 der Familie Horn, die kriegsrelevante Ware produzierte. „In dem Holzwerk wurden Munitionskisten für den Transport von Panzerfäusten hergestellt“, erzählte Sonja Bauer. Weil es infolge des Kriegs an Arbeitskräften mangelte, hatte die Firma Anspruch auf Zwangsarbeiter.

Der „Bunker“ im Frauengefängnis war gefürchtet

Im Jahr 1942 kaufte die Firma das ehemalige Gasthaus und vermietete es an die Gestapo. Häftlinge des KZ Welzheim mussten das Gebäude umbauen. Zwei große Schlafsäle für jeweils rund 100 Frauen entstanden, dazu eine Küche, eine Waschküche, ein Speisesaal und mehrere Einzelzellen sowie der gefürchtete Bunker, ein zwei auf zwei Meter kleiner Raum ohne Fenster. Politische Häftlinge wie Sofie Klenk oder Emmy Seitz durften das damals von einer hohen Mauer umgebene und von drei SS-Männern bewachte Haus nicht verlassen und mussten in der dortigen Näherei arbeiten. Der Großteil der Inhaftierten aber schuftete im Holzwerk, einige Frauen waren bei den Firmen Christian Bauer und Bauknecht in Welzheim und bei Landwirten in der Umgebung im Einsatz.

In Welzheim erinnert eine Gedenkstätte auf dem Friedhof an die hingerichteten KZ-Häftlinge. Foto: Gottfried Stoppel

In knapp drei Jahren seien vermutlich bis zu 3000 Frauen in dem Lager inhaftiert gewesen, sagte Sonja Bauer. Die überwiegende Mehrheit waren Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa, aber auch aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Den meisten Frauen wurde „Arbeitsvertragsbruch“ vorgeworfen, sprich: sie waren verspätet zur Arbeit gekommen oder komplett ferngeblieben. Diese Gruppe musste im Schnitt gut zwei Monate im Lager verbringen, quasi als Disziplinierungsmaßnahme, und wurde danach meist an den alten Arbeitsplatz zurückversetzt. „Dort sollten sie berichten, wie furchtbar es im Lager war.“ Auch Frauen, die eine Beziehung zu nichtdeutschen Männern hatten, wurden ins Lager gebracht und dort rund sieben Monate festgehalten.

IM Lager herrschten schreckliche Lebensumstände

Im Lager herrschten nach Bauers Recherchen schreckliche Lebensumstände: schlechtes Essen und katastrophale hygienische Verhältnisse hätten beste Voraussetzungen für Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus geschaffen. Hinzu kamen die Schikanen des Lagerpersonals, zu dem Gertrud Gönnenwein, die Nichte des Stuttgarter Gestapo-Chefs Friedrich Mußgay, und Emil Held, zeitweise Leiter des KZ Welzheim, gehörten. Eine Insassin traktierte das Duo derart, dass sie vier Wochen im Krankenhaus lag. Emil Held bereitete es offenbar Spaß, schwangeren Frauen in den Bauch zu treten, was etliche Fehlgeburten zur Folge hatte. Die Akten verzeichnen dennoch nur einen Todesfall im Lager: die Französin Marcelle Gramond, die in Rudersberg beerdigt wurde und angeblich an Scharlach starb.

Am 19. April 1945 wurde das Lager aufgelöst. Am Standort erinnert bis dato nichts an seine Existenz. Das sollte sich ändern, findet Sonja Bauer. Ein guter Anlass wäre der 80.  Jahrestag im April kommenden Jahres.

Das Lager soll nicht in Vergessenheit geraten

Gedenken
Auf dem Friedhof in Rudersberg erinnert eine Tafel an das Leid der inhaftierten Frauen im Lager Rudersberg. Am Tatort selbst gibt es keinerlei Hinweis darauf.

Initiative
Sonja Bauer, Walter Burkhardt sowie Heinrich Lindauer und Dietrich Frey vom Historischen Verein Welzheimer Wald hoffen, das es gelingt, in Zukunft an das Lager in Rudersberg zu erinnern – wie auch an das KZ Welzheim erinnert wird.

Wirtschaft
Die Zwangsarbeiter haben, sagt Sonja Bauer, den Grundstein für das Wirtschaftswunder gelegt. Das Holzwerk Rudersberg etwa steigerte seinen Umsatz von 325 000 Reichsmark im Jahr 1937 auf 2,2 Millionen im Jahr 1944.