Märchenhaft? Das Kunstmuseum Stuttgart ist dicht und zeigt mit „Das kalte Herz“ doch eine neue Schau – im Kunstgebäude am Schlossplatz. Lohnt sich der Besuch?
Leichte Lektüre ist Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ von 1827 nicht. Hauff erzählt von dem Köhler Peter Munk, der aus Sehnsucht nach Reichtum sein lebendiges Herz gegen ein gefühlloses steinernes eintauscht – und beschreibt kaum versteckt die Auswirkungen der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hauff erzählt von Geldgier, Gefühlskälte, sozialer Isolation und auch von Heimat. Ein Märchen als Allegorie auf eine Welt im Umbruch. Für das Team des Kunstmuseums Stuttgart eine Steilvorlage für ein besonderes Ausstellungsprojekt.
Besonders ist schon der Ort. Nicht im Kunstmuseum selbst findet „Das kalte Herz“ statt, sondern im Kunstgebäude am Schlossplatz. 2005 eröffnet, muss das Kunstmuseum umfassend saniert werden. So wird – bis zum 4. Oktober – wieder erlebbar, was bis zum Auszug der Galerie der Stadt Stuttgart 2004 viele Jahrzehnte Kunstgebäude-Realität war: das Nebeneinander von Württembergischem Kunstverein Stuttgart als national profilierter Bühne internationaler Gegenwartskunst und Städtischem Kunstmuseum.
Die Vorzeichen heute sind indes andere – der Kunstverein bespielt den Vierecksaal und den Verbindungsbau (Glastrakt), die für eine Mehrzwecknutzung aufwendig sanierten Räume um den zentralen Kuppelsaal hat das Land vorerst für Kunst und Kultur gesichert. Das eröffnete bereits dem Archäologischen Landesmuseum und der weiter als Betreiber der Räume agierenden Staatsgalerie Stuttgart Ausstellungschancen. Und nun dem Kunstmuseum Stuttgart.
Fahnen weisen den Weg, ganz und gar ist das Kunstgebäude in den Markenauftritt des Kunstmuseums getaucht. Bekannte Gesichter auch am Empfang. Wichtige Planken für das Publikum sind gesetzt. Hinein also in „Das kalte Herz“, hinein in die Ausstellungskonzeption des jungen Kunstmuseumskurators Dierk Höhne. Nicht geradeaus und in den ersten hallenartigen Raum geht es – Höhne leitet das Publikum um. Nach rechts geht es – in die Folge der einstigen Galerie-Kabinette. Zugleich wähnt man sich „zu Hause“, fast so, als sei man im Kunstmuseum selbst.
Wilhelm Hauff war Stuttgarter, und einen Stuttgarter Paukenschlag gibt’s denn auch zum Auftakt: Gabriela Oberkofler trägt in ihrer Kult-Fotoserie „Buggelkraxen“ ihr Heimatdorf aus Bozen auf dem Rücken nach Stuttgart, und Ricarda Roggan, als Professorin an der Stuttgarter Kunstakademie wie in ihrem international bekannten Werk dem Konzept verpflichtet, führt uns Stücke aus dem Nachlass von Wilhelm Hauff im Deutschen Literaturmuseum in Marbach als Gegenstände fotografischer Forschung vor. Dazwischen, fast versteckt, Schätze aus der Werk- und Rezeptionsgeschichte des Märchens.
Dieser Auftakt hat eine angenehme Selbstverständlichkeit und gibt den weiteren Ton vor. Und doch zeigt sich auch ein Manko, das bleibt. Man sehnt sich in den Räumen nach gedankenbefeuernder Erläuterung. Ein wiederholt greifbares Ausstellungsheft ist gut gedacht. Wird jedoch schnell zum bloßen Trageobjekt – wer will schon blätternd suchen. Umso weniger, als die Räume klug gefasst sind. Das buchstäbliche Herz der Schau liefert im zweiten Raum der Däne Rasmus Myrup mit seinem aus einen Platanenstumpf entwickelnden Werk „Protected but Pentrable“. In Teilen mit Aluminium umwickelt, ergibt sich ein Ringen zwischen Offenheit, Schutz und Abschottung.
Heftig reagiert die junge Niederländerin Nora Turato auf Hauffs „Das kalte Herz“. Als kühle Analystin, hat sie vor Ort sechs großformatige Tafeln erarbeitet – Schriftbilder voller Hoffnung. Ein großartiger „Jetzt“-Moment in dieser Ausstellung, den Dierk Höhne mit einem Blick zurück kontert. Wie zeigt sich Arbeit in der Kunst? Für den Maler Friedrich von Keller ist um 1870 der Mensch (männliches) Wesen, das der Natur alles Notwendige abringt – im Steinbruch wie in der Hammerschmiede. Von solcher Feierlichkeit (und doch auch eigener Melancholie) ist 120 Jahre später Rosemarie Trockel weit entfernt. Konzeptkunst mit Wolle und Leinen, Bilder als Dechiffrierung von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen – das katapultierte Trockel in den 1980er Jahren in alle großen Ausstellungen. Zentrale Werke aus der Sammlung der Landesbank Baden-Württemberg sind hier zu sehen.
Doch die Verhältnisse wären kaum richtig beschrieben ohne die Folgen von Arbeit und Technologie zu beleuchten. Die Ausstellung bleibt im eigenen präzisen Ton, wenn der Stuttgarter Erik Sturm Feinstaubpartikel zu Eigenfigurationen summiert und fixiert.
Und was ist mit der Liebe? Die Besitzgier und die Angst vor dem Verlust treibt Peter Munk die Liebe aus, macht ihn gar zum Mörder, der zuletzt doch erlöst wird. Und tatsächlich landet man mit Tracey Emins Neonskulptur „Love Poem for C.F.“ (Sammlung LBBW) – in den Abendstunden weit zum Eckensee hin leuchtend – nicht unerwartet im Abgrund der Liebe. Wo ist die Grenze zur Gewalt? Jenny Holzer, auch sie ein Star der 1980er und 1990er Jahre, hat diese Frage immer wieder gestellt. Dierk Höhne nutzt eine 1993 entstandene Serie mit Fragen zu Tätern, Opfern und Zeugen in den Balkankriegen als bestürzenden umlaufenden Fries im Kuppelsaal. Dessen Zentrum gehört den Bildern des Franzosen Pol Taburet – eine Entdeckung für das hiesige Publikum wie auch Rasmus Myrup, Nora Turato und der den Themen Identitätsbruch und Heilung verpflichtete Franzose Kader Attia.
Und dann? Ertönt Musik, wie sie typisch ist für das Kunstmuseum Stuttgart und noch immer nachhallt nach Stuttgarts tänzerischen Traummonaten mit Ragnar Kjartanssons musikalischer Besetzung des Kunstmuseum-Kubus 2019. Der Däne Jesper Just setzt sie ein. Internationaler Videokunststar, dessen zwei filmische Befragungen von Männlichkeit gänzlich unprätentiös präsentiert sind – und gerade dadurch ein Eintauchen ermöglichen, dem ein Auftauchen folgen darf. Mit einem offenen, aus Bürotrennwänden gebauten Labyrinth, das seine Gäste über Bewegungsmelder in unterschiedlichste Licht- und damit Raumformationen schickt, wird man in einer Installation von Julius Pristauz zum Beteiligten auf der Suche nach gültiger Verortung. Eben diese befragt zuletzt ein von Pristauz gewähltes Bild von Jakob Grünenwald (1821-1896), die wohl in den 1880er Jahren entstandene „Köhlerhütte“. Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ ist eine hoch verdichtete, durchaus radikale Zeitanalyse. Als Kunst über Kunst summiert sich die Ausstellung „Das kalte Herz“ zu einem Aufruf, Brüche zuzulassen, Offenheit zu wagen.
Das kalte Herz. Bis zum 4. Oktober, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch 11 bis 20 Uhr. Eintritt: 8 Euro (ermäßigt 5 Euro)