Die USA und China liefern sich ein Wettrennen um die Vorherrschaft im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Europa scheint hoffnungslos abgehängt – doch das soll sich jetzt ändern.
Künstliche Intelligenz (KI) wird in Zukunft das Leben der Menschen bestimmen. Mit dieser Schlüsseltechnologie sind nicht nur Unmengen an Geld zu verdienen, sie verspricht auch sehr viel Macht. Deshalb liefern sich die USA und China ein erbittertes Wettrennen um die Vorherrschaft. Die Entwicklung ist rasend, Europa spielt allerdings keine wesentliche Rolle – doch das soll ich ändern. Dazu hat die EU-Kommission jüngst einen „Aktionsplan für den KI-Kontinent“ vorgestellt und gibt sich ungewohnt unbescheiden. Weltweit führend wolle Europa auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz werden, betont EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Trotz des großen Vorsprungs der USA und Chinas spricht sie ihren Mitstreitern Mut zu, denn das Rennen um die Führungsrolle im Bereich der KI sei noch lange nicht gelaufen.
Gigafabriken sollen entstehen
Die Kommission hat fünf Schlüsselbereiche definiert, in denen die Innovationsfähigkeit gezielt vorangetrieben werden soll. Im Zentrum steht der Aufbau einer Rechnerinfrastruktur, die in der Lage ist, immens große Datenmengen zu verarbeiten. 13 solcher sogenannter KI-Fabriken werden in Europa im Umfeld von bereits arbeitenden Supercomputern aufgebaut. Für die ambitionierten Pläne der EU ist das allerdings nicht genug. Zusätzlich plant Brüssel bis zu fünf gewaltige Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. In diesen sogenannten Gigafabriken arbeiten Großanlagen, die mit etwa 100 000 hochmodernen KI-Chips ausgestattet werden – vier mal so viele wie in den derzeitigen KI-Fabriken. Nach den Plänen der EU-Kommission werden sie „eine gewaltige Rechenleistung und riesige Rechenzentren zusammenführen, um komplexe KI-Modelle in beispiellosem Umfang zu trainieren und zu entwickeln“. Brüssel erhofft sich, dass dadurch „eine Welle neuartiger KI-Modelle in Gang“ gesetzt und die „strategische Autonomie der EU in kritischen Industriezweigen und der Wissenschaft“ gestützt werde.
Für den Aufbau dieser Höchstleistungsnetzwerke nimmt die EU zusätzliches Geld in die Hand. „Für die Gigafabriken rechnen wir mit einem Betrag von rund 20 Milliarden Euro – also rund vier Milliarden für jede einzelne. Und da rufen wir jetzt auch private Investoren dazu auf, sich uns anzuschließen. Im Juni werden wir dann aus den Interessenbekundungen auswählen,“ sagt Digitalkommissarin Henna Virkkunen.
Diese Aussage zeigt, dass die EU-Kommission am Ende eine doch eher schwerfällige Behörde ist. Denn vor dem ersten Schritt steht eine Ausschreibung für die Gigafabriken, die bis zum 20. Juni 2025 läuft. Anschließend erst wird die Liste der Interessierten geprüft und in der Kommission diskutiert, bevor Ende 2025 entschieden werden soll, wer eine offizielle Bewerbung einreichen darf. Bis die neuen Gigafabriken gebaut werden oder gar an den Start gehen, wird es also noch dauern.
Große Chancen im Rennen um den Standort einer Gigafabrik hat Jülich in Nordrhein-Westfalen, wo zusammen mit dem Forschungszentrum Hessian AI eine KI-Fabrik aufgebaut wird. Am Jülich Supercomputing Centre (JSC) soll dann mit Jupiter der schnellste Supercomputer Europas entstehen. Es ist ein sogenannter Exascalecomputer, der eine Trillion Rechenoptionen pro Sekunde ausführen kann.
Aber auch Stuttgart liegt gut im Rennen. Am Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart (HLRS) soll ein Standort für eine neue, für KI-Anwendungen optimierte Supercomputing-Infrastruktur aufgebaut werden. Der Fokus liege vor allem auf Unternehmen und Forschung aus Baden-Württemberg, heißt es aus Stuttgart. Doch durch die Zusammenarbeit mit den weiteren in Auftrag gegebenen KI-Fabriken in Europa wolle man ein internationales Netzwerk schaffen.
Um in Sachen KI auf die Überholspur zu wechseln, reicht es aber nicht, nur die Infrastruktur zu optimieren. Immer wieder klagen Unternehmen über zu hohe bürokratische Hindernisse oder rechtliche Hürden. Aus diesem Grund erwägt die EU-Kommission Lockerungen bei den Regeln für KI und Datenschutz. In einem entsprechenden Aktionsplan heißt es, dass mögliche Maßnahmen „zur Vereinfachung des KI-Gesetzes erarbeitet“ werden sollen, das bisher noch EU-weit gültige Regeln für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz festlegt. So sind etwa KI-Systeme verboten, die Menschen nach Kriterien wie Hautfarbe, politischen und religiösen Ansichten oder sexueller Orientierung in Gruppen einteilen. Eine KI-gesteuerte Gesichtserkennung dürfen die Polizei und andere Sicherheitsbehörden an öffentlichen Orten nur dann nutzen, wenn eine richterliche Anordnung vorliegt.
Förderung statt Regulierung
Eine EU-weit einheitliche Regelung sei für die Wirtschaft von Vorteil, heißt es nun in Brüssel. „Dennoch ist es notwendig, die Einhaltung des KI-Gesetzes zu erleichtern“, räumt die EU-Kommission darin ein. Das gelte insbesondere für Start-ups, die in der EU neue KI-Systeme entwickeln wollen. Mit den Plänen „verschiebt die EU den Fokus von KI-Regulierung auf KI-Förderung – und dafür ist es höchste Zeit“, erklärt dazu eine der Geschäftsleiterinnen des Digitalverbandes Bitkom, Susanne Dehmel.
Um den möglichen Interessenten durch den noch geltenden Vorgabedschungel zu führen, wird die EU-Kommission zudem einen zentralen Service-Desk aufbauen. Dort werde es, so verspricht die Brüsseler Behörde „den Interessenträgern ermöglicht, um Hilfe zu bitten und maßgeschneiderte Antworten zu erhalten.