Braucht es in Zeiten von KI noch einen menschlichen Lehrer? Foto: imago images/Alexander Limbach

In Sekundenschnelle übersetzt KI Texte ins Englische oder löst Matheaufgaben. Wie muss das Bildungssystem darauf reagieren, damit Lernen befördert und nicht behindert wird? Ein Gymnasium in Stuttgart geht als Pilot-Schule voran.

Benjamin Köhler kann sich ein Leben ohne Künstliche Intelligenz (KI) nicht mehr vorstellen. Der Rektor des Königin-Charlotte-Gymnasiums (KCG) in Stuttgart-Möhringen nutzt sie täglich. Er ist überzeugt davon, dass Schule mehr Wissen über KI vermitteln muss. Darum machte er, unterstützt von der Vector-Stiftung und der Stadt Stuttgart, seine Schule zur KI-Pilotschule.

 

Wie KI Schülerinnen und Schüler beim Lernen unterstützen kann

Am KCG haben mittlerweile viele Eltern, fast alle Lehrkräfte sowie die Schülerschaft ab der 8. Klasse KI-Schulungen erhalten. Wichtig ist Köhler dabei: „Es darf nicht um ein einzelnes Tool gehen. Die Jugendlichen müssen KI verstehen.“ Dann sei sie für Lernende ein Gewinn. Beispiele dafür sind:

  • KI kann verschiedene Themen noch einmal erklären
  • Sie kann den Schülerinnen und Schülern bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten helfen, indem sie Lernwege aufzeigt und beim Zeitmanagement hilft
  • Sie kann Kommunikationspartner in Fremdsprachen sein
  • Sie kann Übungsaufgaben erstellen
  • Die KI kann jederzeit Feedback geben und Verbesserungsvorschläge machen

Doch wer KI sicher nutzen will, muss wissen, was neuronale Netze sind. „Alles, was wir auf der Eingabeschicht reinwerfen, wird in Zahlen umgewandelt, das ist ein mathematischer Prozess. Erst am Ende werden daraus wieder Wörter oder Bilder“, erklärt Köhler. Dieses Netze können Fehler machen. KI recherchiere nicht im Internet, schaue nicht noch einmal bei Wikipedia nach, sie rechne. „Darum müssen wir viel kompetenter sein als früher. Wir müssen merken, wenn eine Information nicht richtig ist.“ Hinzu komme die Deep-Fake-Problematik: KI könne auch bewusst genutzt werden, um Falschinformation zu streuen.

Benjamin Köhler ist Rektor des Königin-Charlotte-Gymnasium in Stuttgart-Möhringen. Foto: privat

KI ist immer nur so gut, wie ihre Trainingsdaten. „Wenn ich sie mit Materialien aus dem Internet füttere, dann ist auch der ganze Abschaum dabei: Vorurteile, Sexismus, Rassismus werden von einem neuronalen Netz reproduziert, wenn ich nicht aufpasse“, sagt Köhler. Darum gelte es, bewusst zu entscheiden, welches System genutzt werde. Und sich zu überlegen, wie Probleme kompensiert werden können.

Wichtig ist Köhler auch, dass viele KI-Systeme Nutzerprofile erstellen. Sie analysieren, was konsumiert wird, und schlagen auf dieser Basis die nächsten Beiträge vor. „Die KI kann unser Verhalten steuern. Wir sind nicht frei, ehe wir das nicht verstanden haben“, warnt der Gymnasiallehrer und ergänzt: „Das ist wahrscheinlich die größte Gefahr für die Demokratie. KI-Systeme spiegeln uns die eigenen Meinung, weil wir sonst potenziell die Medien weniger lang nutzen.“ In den Workshops am KCG geht es auch um Probleme wie Urheberrecht, Jugendschutz, Nachhaltigkeit oder den „Digital Divide“. Der Begriff beschreibt die Lücke zwischen denjenigen, die Zugang zu modernen Technologien haben und Unterstützung dabei bekommen, diese zu nutzen, und denjenigen, die mit diesem Thema allein gelassen werden.

Deutschland hinkt bei der Einführung von KI-Systemen hinterher

Dass Künstliche Intelligenz für die Bildung und für Schulen großes Potenzial hat, hat auch das Land erkannt und im Oktober 2024 das KI-Zentrum in Heilbronn gegründet. Angedockt ist es an das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) der Kultusverwaltung Baden-Württembergs. „Schülerinnen und Schüler müssen lernen, mit KI umzugehen, Lehrkräfte sowieso“, betont der Geschäftsführer Benedikt Sauerborn. Er weist darauf hin, dass KI-basierte Systeme gerade für den individualisierten Erwerb der Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen, bei denen die Pisa-Studie deutschen Kindern deutliche Defizite attestiert, große Potenziale bieten. Mittlerweile gebe es eine gemeinsame Initiative aller 16 Bundesländer mit dem Ziel, bis Ende 2026 ein neues KI-gestütztes Lernsystem zu etablieren. Dieses soll personalisiert, also nach persönlichem Bedarf und Lernrhythmus, Aufgaben zur Verfügung stellen. Vorgabe für dieses System sei die enge Passung zu den Lehr- und Bildungsplänen, die Einhaltung des rechtlichen Rahmens und die Einbindung der Lehrkräfte in den Lernprozess.

Jenseits offiziell zu implementierender Lernsysteme ist KI schon längst in den Schulen angekommen, das ist auch Sauerborn klar. Mit dem KI-ChatBot auf ihrem Handy finden Jugendliche in Sekundenschnelle die Lösung zu jeder Aufgabe. „Sie haben das Lösungsbuch immer dabei, so wird das Wissensmonopol der Lehrkraft ausgehebelt“, sagt er. Zwar mache die KI auch Fehler, aber grundsätzlich könnten die aktuell gängigen Sprachmodelle für fast alle Fächer schon sehr gute Unterstützung und Lernszenarien bieten, vor allem in der Sekundarstufe I.

Eine niederschwellige Möglichkeit des Abschreibens

Damit verändere sich der Grundmechanismus von Schule. Wenn Jugendliche keine Lust zum Lernen haben, können sie sich die Ergebnisse einfach auf ihr Smartphone holen. Sauerborn spricht von einer „sehr niederschwelligen Möglichkeit des Abschreibens“. Wenn sie aber ernsthaft am Lernen interessiert sind, haben sie mit KI die Chance, es besser zu machen und tiefer in ein Thema einzutauchen. KI könne das Lernen also sowohl verhindern als auch unterstützen. Für Lehrkräfte bedeute das eine ganz bewusste Auseinandersetzung mit den Potenzialen von KI, um das Lernen und den Kompetenzerwerb gezielt zu fördern.

Für Sauerborn ist klar, es muss vor allem um einen aufgeklärten und kritischen Umgang mit KI gehen. Die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften würde sich bereits seit Jahren intensiv damit beschäftigen. Dabei gehe es unter anderem um die Frage, wie sich Unterricht und Prüfungskultur verändern müssen und darum, bei den Lehrenden eine Sensibilität dafür zu entwickeln, wie das jeweilige Fach vom Einsatz von KI profitieren könne, aber auch, wie die fachliche Auseinandersetzung übergreifende und für die Zukunft essenzielle KI-Kompetenzen fördern könne.

Stark nachgefragt seien Schulungen darüber, wie KI Lehrkräfte entlasten könne. Sauerborn listet mögliche Einsatzfelder auf:

  • Lehrkräfte können KI für die Unterrichtsvorbereitung nutzen und so in kurzer Zeit Unterricht auf verschiedenen Niveaustufen vorbereiten
  • Sie können mit KI Arbeitsblätter passend zu bestehenden Materialien erstellen
  • Sie können KI als Schreibassistent oder zum Korrekturlesen eigener Materialien nutzen

Das sei ein Qualitätsgewinn, sagt Sauerborn. Dabei gehe es nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern darum, mehr Zeit für andere wichtige Aufgaben zu haben, zum Beispiel für die direkte Kommunikation mit der Schülerschaft.

KI macht gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer nicht überflüssig, vielmehr verändert sie ihre Rolle im Bildungssystem und eröffnet neue Methoden der Unterrichtsgestaltung. Das betrifft auch Aufgabenformate und Prüfungen. Schülerinnen und Schüler können ihre Referate mit Hilfe von KI erarbeiten. Das sei legitim, und wenn man es ernsthaft betreibe, eine hohe intellektuelle Leistung, sagt Sauerborn. Denn es gelte, der KI in Form sogenannter Prompts die richtigen Fragen zu stellen und dies immer weiter zu verfeinern. Und jedes von der KI ausgespuckte Ergebnis müsse verifiziert werden. „Recherchieren wird nicht überflüssig, ganz im Gegenteil“, sagt Sauerborn. Für Lehrkräfte bedeute das dann aber, dass nicht das Produkt oder die Lösung bei der Bewertung im Vordergrund stehen darf, sondern vielmehr der Weg, der dorthin geführt hat. Der schulische Einsatz von KI erfordere es, mehr mit dem Einzelnen ins Gespräch zu kommen.

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