In vielen Klassen besucht nicht einmal die Hälfte der Kinder die christlichen Religionsstunden. Das stellt die Grundschulen in und um Ludwigsburg vor eine große Herausforderung.
Religion ist das einzige Schulfach, das im Grundgesetz verankert ist. Doch die Zahl der Kinder, die im evangelischen oder katholischen Unterricht sitzen, ist seit Jahren rückläufig. Das stellt im Landkreis Ludwigsburg vor allem die Grundschulen vor ein Problem.
Mechthild Demmer aus Kornwestheim hat viel Unterrichtserfahrung gesammelt. Die Katholikin hat bis zum Beginn ihres Ruhestands im Jahr 2019 immerhin 26 Jahre lang Religion an Schulen in Kornwestheim und Pattonville gelehrt. „Allgemein lässt das Interesse an der Kirche und die Bindung zu den Kirchengemeinden nach“, sagt sie. Das drücke sich auch darin aus, dass heutzutage Jungen und Mädchen seltener der Kirche angehören. „In meinen Klassen waren bis zu 50 Prozent der Kinder nicht getauft“, erklärt Demmer.
Katholiken und Protestanten werden gemeinsam unterrichtet
Nach der Beobachtung von Andreas Löw, Schuldekan für die evangelischen Kirchenbezirke Ludwigsburg und Besigheim, sind die Hintergründe allerdings noch komplexer. Der Anteil der Mädchen und Jungen, die am christlichen Religionsunterricht teilnehmen, sinke auch deshalb, weil die Schülerzahlen insgesamt rückläufig seien und weil der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gewachsen sei.
An einigen Schulen im Landkreis findet konfessionell kooperativer Unterricht statt. Dieser steht auch nichtchristlichen Schülern offen. Doch was, wenn Eltern ausdrücklich nicht wollen, dass ihr Nachwuchs diesen Unterricht besucht? „Das ist eine große Herausforderung, besonders für die Grundschulen“, sagt Löw. Anders als in weiterführenden Schulen ist in Baden-Württemberg für die ersten vier Klassen nämlich kein Ethikunterricht vorgesehen. „Diesen fordern wir Kirchen schon lange“, betont der Schuldekan.
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg kritisiert, dass es die Landesregierung unterlässt, die Voraussetzungen für Ethikunterricht an den Grundschulen zu schaffen – also überhaupt erst einmal Stunden und Lehrkräfte dafür einzuplanen.
Das Staatliche Schulamt Ludwigsburg schlägt vor, dass Schulen „durch schulorganisatorische Maßnahmen der Herausforderung begegnen“. Als Beispiele nennt Schulamtsdirektorin Sabine Conrad, dass die Schulen Gruppen bilden sollen. Zudem könne der Religionsunterricht an den Rand verlegt werden, sodass ein Teil der Schüler später zur Schule kommt oder früher nach Hause gehen kann.
Vor allem Ganztagsschulen haben ein Problem
Die Kinder eher nach Hause schicken? So etwas funktioniert an Ganztagsschulen nicht, sagt Christine Schumann, die Leiterin der Schlößlesfeldschule in Ludwigsburg. Dort besuchen nur etwa 50 Prozent der Schüler den Religionsunterricht. Ein Teil der anderen Kinder kann während dieser Stunden an der Sprachförderung der Stadt teilnehmen – sofern sie im Schuljahr angeboten wird. Doch es bleibt immer eine Gruppe von Kindern übrig. „Diese sitzen hinten mit im Klassenzimmer“, erklärt die Rektorin. Je jünger die Mädchen und Jungen seien, desto höher sei die Gefahr, dass der Unterricht durch sie gestört werde.
Diese Erfahrungen kann Schulleiterin Simone Werner-Mehl von der Sophie-Scholl-Schule bestätigen. In der Ludwigsburger Innenstadtschule liegt der Anteil christlicher Kinder ebenfalls bei unter 50 Prozent. Der Rest der Schüler sei konfessionslos oder muslimischen Glaubens. „Auch diese Kinder müssen wir betreuen, ohne dass wir dafür Stunden zugewiesen bekommen“, sagt Werner-Mehl. Insgesamt fehlen an der Schule rund zwölf Lehrerstunden pro Woche. Dennoch bietet die Grundschule eine Art Ethikunterricht an. Eine große organisatorische Herausforderung, wie die Schulleiterin betont. „Ich würde es stark befürworten, dass der landesweite Ethikunterricht an Grundschulen eingeführt wird“, sagt sie.