Ein Experte warnt vor dem Köngener Gemeinderat, dass die Streuobstbestände in Köngen akut gefährdet seien. Das Problem sehe er im gesamten Landkreis.
Baden-Württemberg hat vielfältige und einzigartige Naturräume, diese beinhalten wiederum eine Vielzahl an Biotopen. Damit sind Lebensräume gemeint, die Tier- und Pflanzenarten zur Nahrungssuche, als Fortpflanzungsstätten oder auch als Rückzugsgebiete benötigen. Um diese Vielfalt zu erhalten, müssen die Arten zwischen den verschiedenen Räumen wandern und sich genetisch austauschen können.
Ein dichtes Netz verbundener Lebensräume – der sogenannte Biotopverbund – ist daher überlebenswichtig für die biologische Vielfalt und die intakte Natur. Deswegen hat sich das Land mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz 2020 unter anderem das Ziel gesetzt, bis 2030 den funktionalen Biotopverbund auf mindestens 15 Prozent des Offenlandes der Landesfläche auszubauen. Mit 10,9 Prozent Ende 2023 wurde das Zwischenziel bereits erreicht – als wesentliche Akteure fungieren dabei die Landschaftserhaltungsverbände (LEV), Biotopverbundbotschafter sowie die Kommunen.
Um das zu unterstützen, werden Planungskosten einer Biotopverbundplanung mit 90 Prozent gefördert – so hat auch die Gemeinde Köngen bereits vor drei Jahren ein solches Schriftwerk in Auftrag gegeben, die Ergebnisse wurden dem Gemeinderat durch Dr. Jürgen Deuschle vom Büro Tier- und Landschaftsökologie (Köngen) nun in seiner jüngsten Sitzung in der Zehntscheuer vorgestellt.
Laubholzmistel bereitet Streuobstwiesen massive Probleme
„Köngen hat noch große Entwicklungspotenziale“, konstatierte Deuschle – was aber in einer dichtbesiedelten Landschaft wie dem Mittleren Neckarraum nicht außergewöhnlich sei. Unterm Strich empfiehlt der Experte 29 Einzelmaßnahmen auf 57 öffentlichen und privaten Flächen, um neue Trittsteinbiotope zu schaffen oder bestehende Biotope zu optimieren. Trittsteinbiotope sind kleine, isolierte Fläche, die als „Trittstein“ in der Landschaft dienen, um isolierte Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu vernetzen. Diese Biotope ermöglichen den genetischen Austausch, die Ausbreitung von Arten und dienen als Rast- oder Rückzugsort, etwa in Form von Totholz, Kleingewässern oder naturnahen Gärten.
Große Pflegerückstände hat Deuschle in Köngen bei Feldgehölzen und -hecken sowie in Sachen Streuobstwiesen ausgemacht. „Die Rückstände sollten aufgearbeitet werden – beispielsweise durch regelmäßige Baumpflege oder Nachpflanzungen“, erklärte Deuschle. Außerdem sind die Streuobstbestände durch die zunehmende Verbreitung der Laubholzmistel – die Schmarotzerpflanze entzieht seinem Wirt Wasser und Nährstoffe, die er für die Photosynthese braucht – akut gefährdet. Hier bestehe wie im gesamten Landkreis dringender Handlungsbedarf, warnte Deuschle.
Natur in Köngen: auch Erfolge zu vermelden
Ein weiterer Tipp, da viele der sowieso schon eher spärlich vorhandenen Stillgewässer auf der Gemarkung verlandet und stark verschattet sind: „Sie haben so nur noch wenig Nutzen für Amphibien und andere Wasserlebewesen. Nur gesunde Gewässer schaffen Artenreichtum.“ Auch bei der Pflege der Entwässerungsgräben entlang der Äcker und Wege gibt es Verbesserungspotenzial: „Etwa der Zeitpunkt der Mahd, die sollte nicht wie in Köngen üblich im Hochsommer erfolgen.“ Wird erst mit Herbst gemäht und nicht zum Zeitpunkt der Blüte der zahlreichen Pflanzen rund um die Gräben, sei schon viel gewonnen, so Deuschle weiter.
Es gibt aber auch bereits Erfolgsmeldungen: So wurden in einem neuen Biotop im Steinackertal am süd-westlichen Rand der Gemarkung bereits im zweiten Jahr stark gefährdete Arten wie einige Krötenarten nachgewiesen. Obendrein empfiehlt der Experte auch eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit: „Vor allem bei größeren Eingriffen.“
Für die Umsetzung der Maßnahmen gilt indes der Grundsatz der Freiwilligkeit. „Wir werden nach und nach überlegen, was machbar ist“, kündigte Köngens Bürgermeister Ronald Scholz angesichts klammer Haushaltskasse an: „Es ist aber ein großes Anliegen der Verwaltung, einzelne Maßnahmen gemeinsam mit dem Gemeinderat auf den Weg zu bringen.“