Noch mehr Songs über Sex und das Altwerden: Tom Jones ist am Montagabend in Stuttgart aufgetreten – Setlist und Kritik vom Konzert in der Porsche-Arena
Er ist der Mann, der Striptease-Kommandos gibt und darum bettelt, beim Ausziehen nichts – außer vielleicht den Hut – auszulassen. Er ist der Mann, der behauptet, dass es nicht ungewöhnlich ist, seinen Spaß mit allen haben zu wollen. Er singt von Sexbomben, Miezekatzen, einer Frau namens Delilah und davon, dass die Frau seiner Träume nicht reich, schön oder cool sein, sondern ihn einfach nur küssen muss.
In den meisten Hits, mit denen sich der Mann auf der Bühne im kollektiven Popkultur-Gedächtnis verewigt hat, ist er ein Womanizer. Zwar lässt Tom Jones kaum einen seiner Gassenhauer am Montagabend beim Konzert in der nicht ganz gefüllten Stuttgarter Porsche-Arena aus. Doch weil der inzwischen 85-Jährige diesen mal mehr, mal weniger dezent frivolen Songs gerne einen ironischen Unterton verpasst, stört das kein bisschen. Mitten in „It’s Not Unusual“ faucht er tatsächlich wie ein Tiger, „Delilah“ wird zu einem furiosen Flamenco, und dem Dancepop-Hit „Sexbomb“ treibt er den Groove aus und macht aus ihm einen knurrigen Blues.
Lieder über Sex und das Altwerden
Denn nach seiner 60 Jahre andauernden Karriere und 100 Millionen verkauften Tonträgern hat Tom Jones ein neues Lieblingsthema gefunden, das bei der Show mindestens genauso wichtig ist wie der Sex: das Altern. Nachdem er um 20 Uhr sehr gemächlich auf die Bühne gekommen ist, sich höflich verneigt und auf einem Barhocker Platz genommen hat, beginnt er die Show nur vom Piano begleitet programmatisch mit dem Lied „I’m Growing Old“ und legt dann gleich mit der wunderbaren Leonard-Cohen-Nummer „Tower of Song“ nach. In dieser beschwert sich einer darüber, dass seine Freunde verschwunden und seine Haare ergraut sind und dass sein Körper an Stellen schmerzt, die ihm einst große Freude bereitet haben. Und während Cohen sich mit der Zeile „I was born with the gift of a golden voice“ über sich selbst lustig machte, kann der Mann, den sie den Tiger aus Wales nannten, diese Zeile voller Überzeugung singen – und bekommt dafür vom Publikum einen Szenenapplaus.
Noch mit 80 Jahren an die Chartspitze
Ums Altern geht es auch auf Tom Jones’ aktuellen Album „Surrounded By Time“. Es erschien 2021, und mit ihm schaffte er es als damals 80-Jähriger auf Platz eins der britischen Charts. „Ich bin der älteste Mensch, der das jemals geschafft hat“, sagt er stolz – und spielt dann den Song „One More Cup of Coffee (Valley Below)“ von Bob Dylan, der vor ihm diesen Rekord hielt. „Inzwischen bin ich zwar 85, fühle mich aber gar nicht so“, behauptet Jones dann später, bevor er Ry Cooders „Across the Borderline“ interpretiert und ergänzt lachend: „Ich fühle mich eher wie 95!“
Doch auch, wenn Tom Jones’ schwerfällige Bewegungen sein Alter nicht verheimlichen können, fühlt sich sein Konzert weder wie 85 noch 95 an. Und wenn man die Augen schließt und nur auf diese großartige Stimme hört, dann sieht man da wieder diesen jungen Mann vor sich, der Mitte der 1960er Jahre Frauenherzen brach.
Rock’n’Roll statt Las-Vegas-Revue
Womit man aber vielleicht nicht gerechnet hat an diesem Abend, ist, wie viel Rock’n’Roll in diesem Mann steckt. Schon früh am Abend wird es wild, als er seine Band bei „Not Dark Yet“ (einer weiteren Dylan-Nummer) von der Leine lässt. Später gerät „Talking Reality Television Blues“ zu einem psychedelischen Verwirrspiel. „Lazarus Man“ flirtet mit dem Prog-Rock, die Waterboys-Nummer „This Is The Sea“ wird als störrischer Walzer inszeniert.
Und auch wenn die Prince-Nummer „Kiss“ wieder wunderbar funky zucken darf, riecht es am Montagabend in der Porsche-Arena doch schwer nach Rock’n’Roll. Wer eine glitzernde Las-Vegas-Revue erwartet hat, hat die Rechnung ohne Tom Jones gemacht, in dessen fünfköpfiger Band es keinen Platz für Bläser, Streicher oder Backgroundsängerinnen gibt. Das einzige, was während der knapp zwei Stunden zwischen ungestümen Gitarrensoli, aufheulenden Hammondorgel-Akkorden, polternden Bassläufen und mürrischen Beats glitzert, strahlt und beeindruckt, ist – wie vor sechzig Jahren – die großartige Stimme Tom Jones’.
Tom Jones: Setlist in Stuttgart
- I’m Growing Old (Bobby Cole)
- Tower of Song (Leonard Cohen)
- Not Dark Yet (Bob Dylan)
- It’s Not Unusual (Les Reed)
- What’s New Pussycat? (Burt Bacharach)
- Sexbomb
- You Can Leave Your Hat On (Randy Newman)
- Pop Star (Cat Stevens)
- One More Cup of Coffee (Valley Below) (Bob Dylan)
- Across the Borderline (Ry Cooder)
- The Windmills of Your Mind (Michel Legrand)
- I Won’t Crumble with You If You Fall (Bernice Johnson Reagon)
- Talking Reality Television Blues (Todd Snider)
- This Is the Sea (The Waterboys)
- Delilah (Les Reed)
- Lazarus Man (Terry Callier)
- If Only I Knew
- Kiss (Prince)
- Zugaben
- Green, Green Grass of Home (Claude “Curly” Putman, Jr.)
- One Hell of a Life (Katell Keineg)
- Strange Things Happening Every Day