Stimmstark: Xavier Naidoo in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Xavier Naidoo und seine Band haben am Montagabend in der Schleyerhalle gespielt. Kritik, Bilder und Setlist von einem starken Konzert.

Mit ganz viel Vibrato beginnt es. Dann noch mehr Jubel, erstklassige Gitarrenarbeit, und bald schon trägt ein fein ziselierter Groove das Lied „Bei meiner Seele“. Im zweiten Song, „Seine Straße“, zeigt der Percussionist erstmals seine Klasse, und der Keyboarder kreiert unaufdringlich mitreißenden Bigband-Sound: ein fesselndes Soul-Ereignis. In „Bist du am Leben interessiert“, dem dritten Lied, liefern sich der sensationelle Synkopen-Meister am Schlagzeug und der nun federnd gestimmte Gitarrist packende Funk-Duelle. Eine herausragende Band begleitet einen Ausnahmesänger in Topform.

 

Um es vorwegzunehmen: Xavier Naidoo hat in der vollen Schleyerhalle nichts Justiziables gesagt oder gesungen, nicht einmal Anstößiges, wenn man davon absieht, dass er nicht damit hinterm Berg hält, dass Gott für ihn so real ist wie ein Vater und die Kehrwoche so absurd wie – hm – Zigarettenrauchen vielleicht. Er sang mehr als zwei Stunden lang mit seiner unverwechselbaren Stimme von der Schönheit von Gemeinschaft und schloss niemanden aus. Am hingebungsvollsten vertiefte er sich in jene Lieder, denen man neudeutsch eine Empowerment-Funktion bescheinigen müsste: Geduldsaffine Ermächtigungslieder für eine zusammengeträumte Sympathieträger-Bewegung mit ihm selber im Zentrum wie „Was wir alleine nicht schaffen“.

Xavier Naidoo: Erst Entgleisungen, dann Entschuldigung

Xavier Naidoo war nicht immer so harmlos wie an diesem Abend mit exzellent abgemischtem Sound und grandiosen Studien der Virtuosität auf der Videowand. Besonders unangenehm wurden seine öffentlichen Verlautbarungen, als er anfing, nicht mehr nur zu versuchen, gegen leidlich abstrahierte mächtige und vermeintlich sinistre Strippenzieher aufzustacheln, sondern gegen ohnmächtige Geflüchtete. 2018 sang er Zeilen, die man als migrationsfeindlich interpretieren musste, für ein Video, das 2020 Empörung auslöste. Der öffentliche Aufschrei war groß, RTL versagte dem Sänger den Nebenjobzirkus für angejahrte Popstars und warf ihn aus der DSDS-Jury. Dass zwei Bundestagswahlkämpfe später ähnlich fremdenfeindliche Positionen in der bürgerlichen Mitte salonfähig geworden sind, macht seine Entgleisungen nicht besser.

Seine Entschuldigung schon. Er hat 2022, ebenfalls per Video, um Verzeihung gebeten. „Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe, und dass ich in den letzten Jahren viele Fehler gemacht habe“, sagte er, und dass Rassismus mit seinen Werten nicht vereinbar sei. Manche werfen ihm nun vor, dass er bei seinen Comeback-Konzerten auf der Bühne zu all dem gar nichts mehr sagt. Andererseits ist für Leute, die seine fulminant bereichernde Show in Stuttgart erleben, schwer vorstellbar, dass die Welt eine bessere wäre, wenn Deutschlands womöglich bester Popsänger wegen bereuter Verirrungen nun bis ans Ende seiner Tage zu Hause vorm Fernseher sitzen würde, statt vor jubelndem Publikum Sätze wie „Diese Kriege müssen enden“ zu singen. Er macht nach sechsjähriger Konzertpause jetzt wieder seinen Job, und das tut er glänzend und durchaus problembewusst.

„Meine Stimme hat manche betört, / meine Worte haben viele verstört“, singt er im ausgeklügelt arrangierten Lied „Hört hört“ aus dem Jahr 2013. Dabei betört nicht nur Xavier Naidoos Stimme, sondern insbesondere die elegante Freeclimber-Art, mit der er sie einsetzt. Mit einer Mischung aus Selbst- und Gottvertrauen meistert er in Stuttgart die gewagtesten Sprünge. Mit überwältigendem Stilempfinden und Gestaltungsvermögen stattet er diese Stimme mit Melancholie aus, mit Hingabe, Bestimmtheit oder Zartheit, ganz nach Bedarf. Er vermag sich die Seele aus der Kehle zu schaben und feinste Groove-Nuancen seiner Band unglaublich sensibel zu spiegeln.

Diese Band, dieser unfassbar mannschaftsdienlich spielende Zusammenschluss von Virtuosen, driftet nie ins Plakative ab, sondern kreiert ohne jede Vordrängelei die Trampoline, auf denen Xavier Naidoo seine souligen Stimmsalti vollführen und zugleich seine Gemeinschaftsprogrammatik vorleben kann. Seine zwischen drei Konzerte in seiner Heimatstadt Mannheim gequetschte Show in Stuttgart gerät ihm auch deshalb zum Triumph, weil er als Teamplayer sein bebendes Können perfekt in ein Gefüge aus Wucht und Wärme einzubetten vermag, das noch größer ist als er selbst.

Xavier Naidoo und seine Band in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Wie sich ein derart leuchtender Turm derart verirren konnte? Schon gegen Ende des ersten Konzertdrittels gibt Xavier Naidoo in seinem bewegenden Lied „Abschied nehmen“ aus dem Jahr 2002 einen samtig gesungenen Hinweis: „Verzeih’ mir all die Dinge, die ich sagte, / nur weil mich wieder irgendetwas plagte.“ Mit 54 wirkt der Sänger einfach zu gut, als dass er Fehler wiederholen würde, die er schon besungen hatte, als er ihrer noch nicht öffentlich bezichtigt wurde.

Xavier Naidoos Setlist in Stuttgart

  • Bei meiner Seele
  • Seine Straßen
  • Bist du am Leben interessiert
  • Alles kann besser werden
  • 20.000 Meilen
  • Was wir alleine nicht schaffen
  • Mut zur Veränderung
  • Söldnerlied (Drogen und Gold)
  • Abschied nehmen
  • Bitte hör nicht auf zu träumen
  • Hört, hört
  • Sie sieht mich nicht
  • Der Fels
  • Und wenn ein Lied
  • Nimm mich mit
  • Dieser Weg
  • Wo willst du hin?
  • Wenn du es willst
  • Führ mich ans Licht
  • Ich brauche dich
  • Zeilen aus Gold
  • Bevor du gehst
  • Ich danke allen Menschen
  • Alle Männer müssen kämpfen
  • Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)
  • Halte durch