Teodor Currentzis bei der Arbeit, hier bei Proben in Salzburg. Foto: dpa/: Barbara Gindl

Teodor Currentzis, sein Utopia Orchestra und die Geigerin Vilde Frang elektrisieren das Publikum in der Stuttgarter Liederhalle mit Musik von Berg und Mahler.

Da ist sie ja wieder – aber wo und warum? Gerade erst hat die norwegische Geigerin Vilde Frang Alban Bergs Violinkonzert mit einem unendlich langen Zauberton in flirrender Höhe langsam, ganz langsam verklingen lassen, da steht sie schon wieder mitten auf der Bühne. Jetzt allerdings nicht im gelben Kleid, sondern so schwarz gewandet wie alle anderen um sie herum.

 

Gustav Mahlers erste Sinfonie steht jetzt auf dem Programm, und die Solistin reiht sich ein. Das wirkt nach Bergs eher integrativem und nach innen gewandtem denn äußerlich virtuosem Konzert stimmig, ist aber ganz und gar nicht üblich. Woraus sich unschwer schließen lässt, dass am Mittwochabend im Beethovensaal der Meister des Ungewöhnlichen seine Hände im Spiel hat.

Für Viele eine unerreichte Referenzgröße

Teodor Currentzis, seit seiner Chefdirigenten-Zeit beim SWR-Symphonieorchester (von 2018 bis 2024) für Viele im Stuttgarter Publikum immer noch eine unerreichte Referenzgröße, macht mit seinem Utopia Orchestra ganz Vieles anders. Routinen zu durchbrechen, um das Gehirn zu stimulieren: Das ist bei ihm keine Technik zur Selbstoptimierung und nicht nur eine Strategie der Vermarktung und Selbstdarstellung, sondern zuallererst ein künstlerischer Leitsatz.

Es geht um neue Perspektiven auf Bekanntes und Gewohntes, und dazu zählt auch ein augenfälliger Positionswechsel: Nach der Pause wechseln die ersten Geigen von der linken auf die rechte Bühnenseite, übernehmen also Position und Aufgaben der zweiten Geigen – und umgekehrt. In diesem Ensemble, soll das zeigen, gibt’s keine Hierarchien, das Utopia Orchestra versteht sich als organische Einheit, und tatsächlich ist diese Einheit nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Da wird gelächelt, da wird kommuniziert, da wird gemeinsam geatmet, die Spannung gehalten und wieder losgelassen, und kaum ist am Ende der Dirigent verschwunden, herzt und umarmt man sich lachend kreuz und quer, als sei dies das Ende eines freudigen Familienfestes.

Das Utopia Orchestra ist ein Berufungs-, kein Berufsorchester

Nichts liegt diesem Auftritt ferner als das Wort Orchesterdienst. Das Utopia Orchestra ist ein Berufungs-, kein Berufsorchester. Über Teodor Currentzis‘ Neigung zum Aufpolieren und Ausreizen von Extremen, über manches extrem Verlangsamte, extrem Beschleunigte, extrem Laute, extrem Leise, auch extrem Grelle mag man streiten. All dies aber gehört zu einer interpretatorischen Ästhetik, die meist gute Gründe in der Musik findet. Und die einer oft vernachlässigten Komponente des Musizierens neue Bedeutung verleiht: dem Austausch von Energie.

Das Geben und Nehmen zwischen Dirigent und Orchester wird bei Mahlers Erster noch dadurch verstärkt, dass hier die Geigen und Bratschen im Stehen spielen. Die Art, mit der Currentzis Schlaglichter auf akustische Details wirft, verstärken das Verfremdete, Behauptete, die Anführungszeichen in der Musik. Der Kuckucksruf als Quarte, nicht als Terz, die Reibungen zwischen dem in höchster Höhe sirrenden Streicher-Flageolett und grotesken Fanfaren: All dies gewinnt größte Unmittelbarkeit – bis hin zum Schluss des ersten Satzes, der hier zur tosenden Klang-Party wird.

Das Finale beginnt mit einem jähen Peitschenschlag

Es folgen eine quirlige Tanz-Collage, danach stimmt ein wie verkleidet aufspielender Solo-Kontrabass den in spukhaftes Moll gewendeten „Bruder Jakob“-Kanon an, und nachdem das Finale mit einem jähen Peitschenschlag begonnen hat, bleibt sein Ende offen. So wie in dem Violinkonzert, das Alban Berg „Dem Andenken eines Engels“ widmete. Vilde Frang, deren Solo der Komponist als Stimme der früh verstorbenen Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius konzipierte, spielt es mit feinster Kunst und in enger Vernetzung mit dem Orchester. Vor allem im Scherzo betont Teodor Currentzis Bergs (auch geografische) Nähe zu Mahler.

Und am Ende bleibt ein Bild: Der Tod, den der zweite Satz beschreibt, findet an diesem Abend nicht einsam statt, sondern in Resonanz, als Dialog zwischen der Solistin und den Streichergruppen, die sich nacheinander von ihren Stühlen erheben. Sie bilden ein Resonanzfeld, einen Raum des Gedenkens. Man wird sich erinnern.