Sasha als Dick Brave bei seinem Auftritt im Wizemann Foto: Lichtgut/Stefanie Bacher

Sasha macht als Dick Brave aus Hits wie „Back For Good“ oder „Shake It Off“ Rockabilly-Nummern. Unsere Kritik vom Konzert am Donnerstagabend im ausverkauften Wizemann in Stuttgart.

Es gibt am Donnerstagabend keinen Dresscode. Die Menge ist bunt und zum allergrößten Teil in Zivil, aber unter den 1300 Zuschauern im ausverkauften Wizemann stechen doch einige heraus, die seltsame Hemden und Kleider tragen, Polka Dots und so. Zu Gast ist Dick Brave, ein Sänger, der behauptet, den Rock’n’Roll miterfunden zu haben, aber nicht annähernd so alt aussieht. Er schmachtet, rockt und singt ein großes Sortiment sehr wohlbekannter Hits, und er war schon einmal da, vor zwölf Jahren. „Es ist lange her und mein Deutsch ist nicht besser geworden, aber ich glaube, deins auch nicht“, sagt er zu einem Zuschauer, weit vorne. „Ah, kidding!“ – er scherzt nur. Und Stuttgart hört es gerne, wenn Dick Brave, der Mann mit dem schweren Akzent, es liebevoll „Stuggi“ nennt.

 

Dick Brave, der nicht wirklich aus Nordamerika kommt, sondern eine Verkleidung die sich der deutsche Popsänger Sasha ausgedacht hat, nahm das deutsche Publikum erstmals im Jahr 2002 mit auf Zeitreisen. Doch zuletzt hielt er sich zwölf Jahre lang nur von Stuttgart fern, sondern scheute die Öffentlichkeit ganz allgemein. Er wurde vermisst, daran besteht kein Zweifel, er genießt es und er singt im Wizemann zuerst ein Stück, das man von Take That kennt: „Back For Good“.

Ein Mann, der mit dem Kontrabass tanzt

Eine glänzende Rock’n’Roll-Band begleitet Dick Brave, ein Mann, der mit dem Kontrabass tanzt, nur einmal kurz zum E-Bass wechselt, ein Pianist, der mit seinen Tasten davonzufliegen scheint, knackige, knallende Gitarrenklänge und ein Schlagzeuger, der voller Hingabe die geradlinige Wucht in seine Trommeln klopft. The Backbeats, so heißt diese Band. Und Dick Brave versteht sich auf die Originale aus den 1950er, 1960er Jahren so gut, wie auf all die Popsongs, die er auf der Zeitspur von dort in die Gegenwart aufgelesen hat, und denen er frech und lässig das knapp geschneiderte Rockabilly-Hemd anzieht.

„Take On Me“ zum Beispiel wurde einst gesungen von a-ha aus Norwegen – Dick Brave beginnt es in einer langsamen, aber sehr rhythmischen Doo-Wop-Version, schmückt es mit kleinen Jodlern hier und da, zieht dann das Tempo an. George Michaels „Freedom“ verwandelt Brave indes gleich in einen waschechten Cowboysong. Und bei Taylor Swifts „Shake It Off“ (Dick Brave traf die Sängerin persönlich, das behauptet er) hämmert das Piano und die Gitarre zuckt.

Sohn eines Bundeswehrkoches aus Soest

Schließlich tauchen Dick Brave und seine Begleiter ganz ein in die Vergangenheit und bringen Elvis auf die Bühne – so authentisch wie möglich, also versammelt um ein einziges Bühnenmikrofon, viel leiser, als während ihres restlichen Konzertes, und doch mitreißend – mit „All Shook Up“ und „Teddy Bear“, gefolgt auf leisem, leidenschaftlichem Fuße von Eddie Cochrans „Summertime Blues“, Jerry Lee Lewis’ „High School Confidental“. „La Bamba“ sang Dick Brave zuvor schon, nun stimmt er „Buona Sera“ von Louis Prima an, macht einen Zeitsprung und landet bei „The Winner Takes It All“, das er als Nachtclubballade beginnen lässt, ehe er Gas gibt und dabei gleich Duran Durans „Ordinary World“ mitnimmt.

Tun wir so, als wüsten wir nicht längst, dass dieser cool gegelte, lässig schwingende Revivalist nicht in Wirklichkeit der Sohn eines Bundeswehrkochs aus Soest in Nordrhein-Westfalen ist, sondern Sasha. Doch dieser fällt an diesem Abend nie aus seiner Dick-Brave-Rolle. Er verabschiedet sich mit einem „Grande Finale“, das nicht kurz ausfällt – nach Elton Johns „I’m Still Standing“ erweist er der großen Rock-Lady Tina Turner die Ehre mit „What’s Love Got To Do With It“, und er rockt „Just Can’t Get Enough“ von Depeche Mode.

Tief verwurzelt ist im Rock ’n’ Roll.

Dick Brave and the Backbeats verlassen die Bühne. Sie werden vom Publikum zurückgerufen. Und wie groß ist das Entzücken, als sie ihre Zugabe mit einem Stück beginnen, das Carole King im Jahr 1961 Bobby Vee auf den Leib schrieb: „Take Good Care Of My Baby“. Das Stuttgarter Publikum singt es mit und versucht sich in Tanzschritten, noch ehe es entdecken darf, dass auch Michael Jacksons „Black And White“ tief verwurzelt ist im Rock ’n’ Roll.