Jonathan Nott hat das SWR Symphonieorchester beim Konzert in der Stuttgarter Liederhalle dirigiert. Hat man da was verpass?
Was ist Tradition? Karol Szymanowski hatte in Bezug auf die Musik seines Heimatlandes Polen seine Probleme mit dem, was gemeinhin darunter verstanden wird. „Ihre uralten Rechte“, so schrieb er, müsse die polnische Musik zurückgewinnen, und die beständen in „unbedingter Freiheit“ und „völliger Loslösung von der Herrschaft der gestern geschaffenen Normen“ – womit er wohl den allzu bequemen Umgang einiger Kollegen mit althergebrachten Formen wie Polonaise oder Mazurka verstand. National, aber eben nicht provinziell solle die Musik sein – ein Anspruch, den Szymanowski in seiner Sinfonia concertante op. 60 beispielhaft eingelöst hat.
Ein Experte für Zeitgenössisches
Das Stück, das nun vom SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Jonathan Nott und dem Pianisten Francesco Piemontesi im Beethovensaal gespielt wurde, ist eigentlich ein verkapptes Klavierkonzert. Elemente polnischer Folklore sind darin derart diskret amalgamiert, dass diese zwar wahrnehmbar sind, aber niemals vordergründig wirken. In seiner schillernden Instrumentation und sinnlichen Kühle atmet es den Geist von Maurice Ravel und Igor Strawinsky, von den Interpreten fordert es ein Höchstmaß an Klangsensualität – und die war an diesem Abend in perfekter Weise gegeben.
Der über die Jahre gewachsene, transparent ausdifferenzierte Klang des SWR Symphonieorchester ist bekannt, und Jonathan Nott reizte ihn an diesem Abend bis in die Extreme aus. Der Engländer gilt auch als Spezialist für zeitgenössische Musik – mit den Berliner Philharmonikern spielte er einen Zyklus mit Werken von György Ligeti ein – und von seinem Bewusstsein für Farbwerte und Klangmixturen profitierte auch Szymanowskis Werk, zumal mit Francesco Piemontesi ein ähnlich klangsensibler Pianist zur Verfügung stand.
Der Beifall im gut besuchten Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle war euphorisch, Piemontesi kam um eine Zugabe nicht herum: das Andante No. 3 aus Szymanowskis 4 Etüden für Klavier.
Im Gegensatz zu Szymanowskis Werk ist die Sinfonietta op. 23 von Alexander von Zemlinsky weit weniger klangsinnlich geprägt. Das Werk steht an der Grenze zwischen Spätromantik – deren Nachhall man im zweiten Satz heraushören kann – und dem eher sachlichen Stil der deutschen Moderne, und auch diesem Werk blieb Nott nichts an Präzision und distinkter Durchformung schuldig.
Selten zu hören: Tschaikowskys Dritte
Wie er die Musik im Fluss hält, wie Spannungsbögen geformt und musikalische Entwicklungen begreifbar gemacht werden, ist in solcher Perfektion äußerst selten zu erleben. Allein Notts Dirigieren zu verfolgen ist schon ein Faszinosum: Überall scheint der Brite seinen Blick zu haben, jedes musikalische Detail agiert er aus und bewegt sich dabei mit einer Eleganz, die den körperlichen Einsatz, der hier gefordert ist, fast ganz vergessen macht.
Mit Peter Tschaikowskys dritter, der „polnischen“ Sinfonie, schlug Nott dann einen Bogen zum ersten Stück des Programms und blieb dem Konzept des Abends treu: Auch die Dritte ist im normalen Konzertbeginn nur selten zu hören – quasi das „Aschenputtel“ unter Tschaikowskys Sinfonien. Sie in solcher Qualität gespielt hören zu dürfen war – wie der gesamte Abend – aber ebenfalls ein großes Glück.