Wie war’s bei der „Vision.Bach“ von Hans-Christoph Rademann und der Gaechinger Cantorey in der Christuskirche?
Da müssen sich allen Anwesenden die Nackenhaare aufgestellt haben, als sie am 30. Dezember 1725 in der Leipziger Thomaskirche erstmals das Chorstück „Nun lob, mein Seel, den Herren“ hörten: als diese schaurigen, dunklen, schmerzhaften chromatischen Aufwärtsgänge durch alle Stimmen erklangen, mit denen Johann Sebastian Bach das Wort „Sünd“ emotional aufgeladen hatte. Furchtsam-sehnsüchtig scheinen die einzelnen Stimmen nach Erlösung von ihren Missetaten zu streben. Wer wird da nicht an die eigenen Sünden gedacht haben? Bachs Botschaft aber ist klar: Sein Gott vergibt und tröstet alle Gläubigen – und alle Stimmen treffen sich am Ende wieder in reinstem C-Dur.
Die Verstärkung gibt’s vom Orchester
Das Stück ist das Herz der Kantate BWV 28 „Gottlob! Nun geht das Jahr zu Ende“, mit dem Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey ihr Konzert in der Christuskirche im Stuttgarter Osten und das neue Jahr begonnen haben – ein Meisterstück: Die zugrunde liegende Choralmelodie „Nun lob, mein Seel“ wird von den Sopranen in langen Notenwerten gesungen, darunter herrscht emsige kontrapunktische Arbeit in Gestalt von Vorausimitationen und Fugiertem. Dazu gibt’s Verstärkung vom Orchester. Der Melodie wird quasi ein Thron aus musikalischen Kommentaren gebaut.
In großen Chorbesetzungen verschmelzen die Strukturen schnell und werden unscharf. Nicht so in diesem Konzert. Es zeigen sich wieder mal die Vorteile kleiner Ensembles: Je dreifach hat Rademann die vier Chorstimmen besetzt (aus denen auch die Solopartien übernommen wurden), woraus sich ein glasklares und transparentes Klangbild ergibt, was durch die sehr gute Akustik der Christuskirche noch unterstrichen wird. Die Schönheit der komplexen Polyphonie, die Bachs intellektueller Textausdeutung entspringt, entfaltet sich in leicht und fluffig ineinandergreifendem Stimmfluss – ob man nun mit der zugrunde liegenden Botschaft etwas anfangen will und kann oder nicht. Musikalisch einfach großartig, ja, überwältigend.
Sopran und Oboe harmonieren großartig
Es folgten noch drei weitere, Bachs schier unbegrenzte formale Fantasie unterstreichende Kantaten in diesem Konzert der „Vision.Bach“-Reihe, in der sich die Internationale Bachakademie derzeit mit dem dritten Leipziger Kantaten-Jahrgang ihres Namensgebers beschäftigt. Die Eingangsarie „Liebster Jesu, mein Verlangen“ der Kantate BWV 32, die einen konzertanten Dialog zwischen Jesus und einer nach Gott verlangenden Menschenseele darstellt, sang Sopran Miriam Feuersinger im Duett mit der fantastischen Oboistin Linda Bärlocher empathisch so genau, dass sich ihre spirituell-sehnsuchtsvolle Suche geradezu als emotionaler Krimi gestaltete. Die Spannungskurve in den oft langen Arien derart straff zu halten, das gelang nicht allen Beteiligten an diesem Abend.
Mit eindringlicher Inbrunst aber sang sich der Altus Alex Potter in der Kantate „Meine Seufzer, meine Tränen“ BWV 13 ins Gedächtnis: Kraftvoll und höhensicher gelang ihm die zentrale Choralbearbeitung „Der Gott, der mir hat versprochen“, in der Blockflöten und Oboe da caccia seinen Gesang umschmeichelten. Und der Tenor Guy Cutting erfreute durch seine wohlklingende Höhe, die sich etwa in seiner Arie „Meine Seufzer, meine Tränen“ entfalten konnte.
Jubelrufe und Fanfaren
In der finalen Kantate „Herr Gott, dich loben wir“ BWV 16 schließlich zog die vom Bass Tobias Berndt gesungene Arie schon deshalb in den Hörsog, weil sie der Chor mit Jubelrufen und das Orchester mit Fanfaren zu garnieren hatte – wieder so ein komplexes Kunststück, das durch die liebevolle und raffinierte Detailarbeit ihres Schöpfers in Bann zieht, die eben dann vor allem hörbar wird, wenn sie so glänzend interpretiert wird wie an diesem Abend. Zur Belohnung fürs begeisterte Publikum gab’s dann dieses Stück auch noch mal als Zugabe zu hören.