Das Buchhaus Wittwer wird künftig Wittwer-Thalia heißen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Buchbranche unterliegt einem radikalen Wandel und dies bekommt nun auch das Traditionshaus Wittwer in Stuttgart zu spüren. Warum der Zusammenschluss mit Thalia notwendig ist, was aus den Filialstandorten wird und wie die Familie darüber denkt, verrät Konrad M. Wittwer im Interview.

Stuttgart - Es ist ein Paukenschlag – nach 151 Jahren schließt sich die Traditionsbuchhandlung Wittwer mit dem Marktführer Thalia zusammen. Für Geschäftsführer Konrad M. Wittwer ein notwendiger Schritt, in Zeiten eines radikalen Wandels der Buchbranche den Fortbestand des Unternehmens zu sichern und es weiterzuentwickeln.

Herr Wittwer, haben Sie sich denn gerne mit dem großen Sortimentsbuchhändler Thalia zusammengeschlossen?
Die Frage, ob ich dies gerne gemacht habe oder nicht, spielt hier eigentlich keine große Rolle. Auf Tendenzen, die sich abzeichnen, muss man sich eben einstellen und darauf reagieren, also das Notwendige tun. Und gerade als Traditionshaus haben wir auch die Pflicht, dieses am Markt zu erhalten und weiterzuentwickeln. Insofern ist das erst mal keine schlimme Sache. Andererseits haben wir 2017 unser 150-Jahr-Jubiläum gefeiert, da ist das schon eine Zäsur. Aber das übergeordnete Ziel ist der Fortbestand und die Weiterentwicklung der Firma. Und wenn man wie wir in so einer mittleren Größe steckt, aus der man nicht herauskommt, ist es gut, wenn man jemand als Partner gewinnen kann, der dies weiter betreiben kann, und dies mit dem dafür erforderlichen Geschäftsvolumen.
Was ist denn zu tun, damit ein Haus wie Wittwer weiter bestehen kann?
Das nötige Wissen muss vorhanden sein, die erforderliche Wirtschaftskraft, Phantasie, Motivation . . . alles Dinge, die andere auch mitbringen müssen, wenn sie weiter bestehen wollen. Dazu muss man eben auch Synergien nutzen.
Und dies konnten Sie aus familiärer Kraft heraus nicht mehr leisten?
Zumindest nicht in dem Maße, wie es jetzt nötig wäre. Unsere Branche unterliegt derzeit einem radikalen Wandel. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat in einer Untersuchung festgestellt, dass uns zwischen 2012 und 2018 mehr als sieben Millionen Leser verloren gegangen sind. Vor dieser Entwicklung können wir die Augen nicht verschließen. Wir haben die Digitalisierung, wir haben das Internet als Vertriebskanal – vor diesen Dingen kann man sich nicht mehr ducken, denen muss man sich stellen. Und wenn man so aufgestellt ist wie Thalia, kann man sich dem leichter stellen.
In Stuttgart sind schon einige Großbuchhändler aufgetreten und wieder verschwunden. Oder sie treten jetzt wie Hugendubel in einem bescheideneren Rahmen auf. Wie haben Sie das in Stuttgart beobachtet?
Natürlich waren wir sehr froh, als wir nach dem Rückzug von Hugendubel wieder allein auf dem Platz waren. Jetzt ist Hugendubel im Dorotheen-Quartier und Osiander am Marktplatz. Das sind Dinge, die geschehen, die kann man nicht verhindern.
Und wie sehen Sie da Thalia?
Thalia ist für mich historisch besetzt. Als junger Mensch habe ich dort zwei Jahre gearbeitet und habe die Entwicklung verfolgt vom Familienbetrieb bis zur heutigen Größe. Insofern hat sich Thalia für mich ein Stück weit angeboten.
Was macht Thalia anders als andere Großbuchhändler?
Letztlich haben sie das größere Volumen. Sonst kochen wir ja alle mit dem gleichen Wasser. Mit einer knappen Milliarde Euro Umsatz sind sie ganz anders unterwegs.
Was wird sich ändern in dem Stuttgarter Haus?
Diese Frage muss Ihnen Thalia beantworten, dazu kann ich nichts sagen. Das ist jetzt auch noch zu kurzfristig, jetzt haben wir erst mal unseren Zusammenschluss verkündet, weitere Schritte folgen. Da will ich den Kollegen von Thalia auch nicht vorgreifen.
Aber der Standort Stuttgart bleibt erhalten?
Ja, ebenso wie die Standorte Breuningerland Ludwigsburg und Sindelfingen.
Vor kurzem haben Sie die Schließung des Standorts Universität Hohenheim verkündet. War das schon eine Vorwegnahme des Zusammenschlusses mit Thalia?
Die Frage will ich anders beantworten. Den Universitäten haben wir jahrelang betriebsintern sozusagen eine Chance gegeben, mussten aber feststellen, dass sich der universitäre Buchhandel im heutigen Zeitalter nicht mehr rentiert. Die Studierenden benötigen heute fast keine Bücher mehr, höchstens noch Scripte oder Dinge, die im Copy-Shop verkauft werden. Da hat sich etwas ganz grundsätzlich geändert. Das sehe ich auch bei meinem Sohn, der jetzt sein Studium beendet hat. Sein ganzes Studium über war er komplett digital unterwegs. An den Uni-Standorten haben wir deshalb Substitute gesucht: In unserem Geschäft im Pfaffenwald gab es Schreibwaren, außerdem Shirts mit Universitäts-Aufdrucken. Das ging eine Weile gut, aber dann wollte etwa die Uni die Shirts selbst vertreiben. Das führt dann dazu, dass so eine Filiale eigentlich nicht mehr gehalten werden kann. Deshalb die Schließung.
Jetzt aber nochmals die Frage: Aus familiärer Kraft heraus konnte oder wollte dies nicht gestemmt werden?
Es gibt Kinder sowie Nichten und Neffen, aber das ist jetzt aktuell kein Gespräch gewesen. Und die Zeiten, in denen man so etwas als Familienoberhaupt per Dekret regelt, sind vorbei. Heute muss der Rahmen stimmen, das hat sich mit Thalia nun so ergeben, deshalb haben wir das auch so gemacht. Die Familie zieht da mit, wir sind alle einer Meinung, dass dies eine richtige Entscheidung ist, und damit ist es gut. Und mir persönlich wird nicht langweilig werden.
Was glauben Sie: Wie wird eine Buchhandlung in zehn oder 20 Jahren aussehen, wird es noch eine am Schlossplatz geben?
Buchhandlungen wird es weiterhin geben, hoffentlich auch auf der Königstraße, das ist schon mein Wunsch. Wahrscheinlich wird es darin mehr Artikel geben, die primär nichts mehr mit dem Buch zu tun haben. Die mediale Nutzung spielt absehbar eine große Rolle, ob on- oder offline. Das sind Fragen der Perspektive und des Nutzungswinkels. Man muss sich da in einen Mittzwanziger hinein versetzen: Was erwartet der von einem Buchladen? Wir sehen da vieles anders als eine Generation, die jetzt aktiv ins Leben kommt.

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