In der Stuttgarter Wilhelma ist das Glück mit den beiden neu geborenen Koala-Babys perfekt. Dabei ist so eine Geburt bei den beliebten australischen Tieren nicht ganz einfach. Wie es jetzt weitergeht, erklärt Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin im Interview.
Große Freude bei Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin und seinem Tierpflegerteam: Es gibt doppelten Nachwuchs bei den Koala-Bären. Kölpin weiß nicht nur um die Besonderheiten der bedrohten australischen Beuteltiere, die nun erstmals in Süddeutschland im Zweierpack geboren wurden. Er hat sich auch kürzlich bei einem Besuch in Australien im Rahmen eines internationalen Zoo-Kongresses auf dem fünften Kontinent neue Anregungen für die Pflege der Tiere geholt, als er sie dort auch in freier Wildbahn beobachtet hat. Im Interview schildert er, wie die Koalas in der Wilhelma ihren Nachwuchs bekamen und was es zu beachten gilt.
Herr Kölpin, wann sind die Weibchen schwanger geworden?
Die Koala-Weibchen Scar (5 Jahr alt) und Auburn (4 Jahre alt) sind seit Juli 2023 in Stuttgart und im Mai 2024 schwanger geworden. Vater ist der sechsjährige Aero. Sie waren, als sie noch im australischen Queensland bei der Wildlife Foundation lebten, noch nie schwanger. Somit sind es bei beiden Weibchen ihre ersten Babys.
Stimmt es, dass die schwangere Koala-Mutter andere Eukalyptusarten frisst als sonst?
Ja, das stimmt. Sie fressen zusätzlich zu ihrem üblichen Eukalyptus noch andere Arten. Diese selbst gezogenen Eurkalyptusarten hat die Wilhelma in ihrer eigenen Zucht und konnte sie den Müttern zusätzlich zum üblichen Eukalyptus anbieten.
Wie ging es den Koala-Müttern in der Schwangerschaft?
Den Müttern ging und geht es gut. Die Schwangerschaft ist ja nur kurz und war unspektakulär. Denn die Koala-Weibchen tragen ihre Kinder nur 35 Tage, bis sie zur Welt kommen. Deshalb sind die neugeborenen Babys bei der Geburt auch nur so groß wie ein Gummibärchen und haben zunächst nur ausgebildete Vorderpfoten.
Was macht das Tier nach der Geburt?
Die Mutter legt mit ihrem Speichel eine Spur von der Scheide bis zu ihrem Beutel. Das kleine Neugeborene, das nackt und blind ist, muss anhand der Speichelspur den Weg in den Beutel finden. Manchmal schaffen es die Kleinen nicht und sterben vorher auf dem Weg durch das Fell. Das ist ein ziemlich schwieriger Moment, weil das Baby sich nur mit den Vorderpfoten den Weg bahnen muss. Da geht leider auch mal ein Jungtier verloren. Doch das ist auch in der Natur so. In dieser Phase kann das Weibchen aber auch nochmals schwanger werden. So lange, bis ein Tier im Beutel ist.
Haben die Pfleger die Geburt gesehen?
Nein, weil das in der Nacht geschehen ist. Da ist kein Pfleger dabei. Es sei auch sehr schwierig, diesen Moment zu erkennen, weil das Baby ja so klein ist. Aber die Pfleger, die großes Vertrauen zu den Koalas haben, haben dann später die Tiere im Beutel entdeckt.
Wie wird das Koala-Baby in den ersten Monaten ernährt?
Im Beutel saugt sich das Baby an den Zitzen fest, die dann anschwellen. Dort trinken sie, sie werden nur mit der Muttermilch ernährt.
Wann frisst das Baby auch anderes und was?
Erst wenn der Koala-Nachwuchs aus dem Beutel herauskommt, etwa sechs Monate nach der Geburt, beginnt das Tier, wie die anderen ausgewachsenen Tiere, Eukalyptus zu fressen, aber es trinkt dann auch noch Muttermilch. Zuvor hat es in der 22. Lebenswoche noch den so genannten „Pap“ gegessen, einen im Blinddarm der Muttertiere gebildeten sehr weichen Kot. Er enthält neben wichtigen Proteinen auch Mikroorganismen, die für die Entwicklung der Verdauungssystems der Jungtiere lebenswichtig sind. Nur mit deren Hilfe können sie ab einem Alter von sechs bis sieben Monaten die eigentlich giftigen Eukalyptusblätter fressen und verdauen.
Ab welchem Alter sind sie geschlechtsreif?
Die Koalas werden im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif. In Australien hatten beide Koala-Weibchen noch keine Kinder. Vermutlich gab es in der Wilhelma auch schon Versuche vorher, die vielleicht schief gingen. Denn die Geburt ist heikel und ein sehr komplexer Prozess.
Wie oft können Koala-Weibchen schwanger werden?
Koala-Weibchen können erst wieder schwanger werden, wenn das Jungtier aus dem Beutel ist und nach einem Jahr selbstständig ist.
Waren sie immer hinter den Kulissen oder auch vorne zu sehen?
Die schwangeren Weibchen und jetzigen Mütter waren immer auch vorne zu sehen.
Was müssen die Pfleger beachten? Strengste Hygiene, dass alle Tiere gesund bleiben?
Die Hygiene ist nicht das Thema. Neben der Geburt ist eine heikle Phase, wenn die Tiere vier Monate alt sind, auch da gibt es wie in der Natur den Moment, dass Jungtiere einfach plötzlich sterben. Warum, ist noch unklar.
Haben Sie deshalb so lange gewartet mit der frohen Botschaft? Sie haben ja noch den ehemaligen Wilhelma-Direktor Dieter Jauch getoppt, der die Geburt von Wilbär vier Monate lang geheim gehalten hatte.
Wegen der sensiblen Phasen der Entwicklung hat die Wilhelma zunächst nichts gesagt. Wir wollten die Geburt erst öffentlich machen, wenn die Tiere die kritischen Lebensphasen überstanden haben und dann auch zu sehen sind. Der Stuttgarter Zoo wollte, dass die Besucher auch etwas erkennen und die Chance haben, den Nachwuchs zu sehen.
Was müssen Besucher jetzt beachten, wenn sie in die Terra Australis gehen?
Sie sollten sich, wie immer, ruhig verhalten. Zu beachten ist, dass es derzeit keine Garantie gibt, dass die Besucher den Nachwuchs sehen. Die Babys zeigen sich nur teilweise, auch mal nur mit einer Pfote. Sie sind jetzt aber etwa 20 Zentimeter groß.
Wird es einen Sicherheitsdienst geben oder nur bei zu großem Ansturm?
Ja, es wird bei großem Besucheraufkommen einen Sicherheitsdienst geben.
Wie und wann bekommen die Tiere ihren Namen?
Erst wenn man weiß, ob es Weibchen oder Männchen sind. Das wird noch einige Zeit dauern. Bei der Namensvergabe werden Vertreter der First Nation in Australien gefragt, die Namensvorschläge machen.