Toni Ulrich präsentiert stolz die 30 Glocken des Stuttgarter Rathauses. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Er ist erst 37 – und sorgt dafür, dass Stuttgart klingt: Toni Ulrich mischt Pop ins Rathaus-Glockenspiel und kämpft dafür, dass die Tradition nicht verstummt.

Einsam sitzt Toni Ulrich in seiner Spielstube und drückt wie wild auf die Tasten des Keyboard-ähnlichen Geräts vor sich. Während draußen die Menschen begeistert Videos drehen, hört er drinnen kaum etwas von dem, was er gerade fabriziert. Als Glockenspieler im Stuttgarter Rathaus steht er selten im Rampenlicht, für die Leute ist die Glockenmusik einfach da. Aber ohne Menschen wie Ulrich würde es die schon bald nicht mehr geben.

 

„Das Glockenspiel ist nicht so populär“, erklärt Ulrich. Seit Anfang des Jahres ist er Glockenspieler im Rathaus und hat die Nachfolge von Ekaterina Porizko angetreten – die gleichzeitig seine Dozentin ist. Denn in Stuttgart gibt es die einige Musikhochschule Deutschlands, in der Carillon unterrichtet wird. Doch was treibt Ulrich an, dieses vermeintlich veraltete Instrument zu lernen?

Einzelunterricht in Herrenberg

„Es mag ein altes Instrument sein, aber es ist nicht veraltet“, sagt der 37-Jährige, der hauptberuflich als Kirchenmusiker arbeitet. Zum Glockenspiel sei er eher zufällig gekommen. Aus Jux habe er eines Tages vor der befreundeten Porizko damit geprahlt, dass er mit den Fäusten Klavier spielen könne. Die meinte daraufhin, sie hätte was für ihn – und brachte ihn dazu, sich in ihr Wahlfach an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (HDMK) einzuschreiben.

Es hat lange gedauert, bis Porizko es endlich geschafft hat, das Wahlfach genehmigt zu bekommen. Erst seit drei Semester ist es nun möglich, in Stuttgart Carillon zu lernen. Seitdem ist auch Ulrich dabei. Der Unterricht findet als Einzelunterricht statt, etwa dreimal im Semester trifft man sich mit der Dozentin. Das Treffen findet in Herrenberg statt, weil es dort ein Übungsinstrument gibt. Einsteigen kann man jederzeit.

Flexibilität als Voraussetzung

Trotzdem sei es „leider nur ein Wahlfach“, sagt Ulrich – und kein eigenständiger Studiengang. In Deutschland werde das Glockenspiel anders wahrgenommen als etwa in den Benelux-Staaten. Viele Glocken seien hierzulande in den Kriegen eingeschmolzen worden und später nicht mehr aufgehängt. Auch deshalb sagt Ulrich: „Für mich ist Glockenmusik Friedensmusik. Jeder Ton, der aus der Glocke kommt, kommt nicht aus der Kanone.“

In seiner Spielstube hört Toni Ulrich nur leise, was er gerade spielt. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Was es dazu braucht, um Glockenspieler zu werden? „Auf jeden Fall muss man ein Stück weit unabhängig von der Notierung denken können“, erklärt Ulrich. Als Kirchenmusiker sei er dazu prädestiniert, schließlich müsse er da auch viel arrangieren. Außerdem müsse man im Kopf transponieren können, denn die Tasten auf dem Instrument entsprechen nicht unbedingt dem Ton, der zu hören ist. Wenn Ulrich beispielsweise ein A anspielt, erklingt ein F. „Man muss schon ziemlich flexibel sein, das rein Motorische reicht nicht.“ Ein anderes Tasteninstrument zu spielen sei „hilfreich“, aber kein Muss.

Monatliche Rathausturm-Führungen

Was Ulrich wichtig ist: Im Stuttgarter Rathaus gibt es kein Carillon, sondern ein Glockenspiel. Der Unterschied darin liegt in der Anschlagsart: Während man beim Carillon die Klöppel anschlägt, die per Seilzug mit den Glocken verbunden sind, werden diese beim Glockenspiel elektronisch angesteuert.

Einmal im Monat fährt Ulrich nun extra vier Stunden von seinem Wohnort Düsseldorf nach Stuttgart, um bei der Rathausturm-Führung etwas über seinen Job zu erzählen. Stolz präsentiert er dann die 30 Glocken – eine mehr übrigens als in Esslingen – und fragt die Teilnehmer der Führung scherzhaft: „Wer von Ihnen stand schon mal in einem Instrument, ohne dass es ein Unfall war?“

Auch moderne Musik ist möglich

Es ist nicht so, als müsste Ulrich fünfmal am Tag mit dem Aufzug hoch in die Spielstube fahren und dort live spielen. Was die Menschen auf dem Marktplatz und drumherum hören, ist größtenteils Musik, die einmal live eingespielt wurde und seitdem vom Computer wiedergegeben wird. 75 Melodien sind dort eingespeichert, die Melodien stammen noch von Ulrichs Vorgängern. Es gehört zu seinen Aufgaben, dass er den Spielplan anpasst. Etwa, dass im Frühling keine Weihnachtslieder mehr laufen. Oder wenn alte Volkslieder aus der Zeit gekommen sind, dass diese ersetzt werden. Dann kann er entweder ein anderes Lied aus der Liste auswählen – oder er spielt ein neues Lied ein.

Auf einem Zettel sind alle Lieder aufgelistet, die derzeit im Computer hinterlegt sind. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Was fasziniert Ulrich nun am Glockenspiel? „Es ist schon eine Tradition, aber es ist überhaupt nicht verstaubt“, antwortet er. Auch auf diesem alten Instrument könne man moderne Musik spielen. Beim Glockenspiel-Festival in Stuttgart im vergangenen Jahr stimmte er etwa den Pop-Klassiker „I Will Survive“ von Gloria Gaynor an. „Man könnte über jedes alte Instrument sagen, dass es altmodisch ist. Nur weil das Instrument seit Jahrhunderten gespielt wird, ist die Musik noch lange nicht veraltet.“

Seit vergangenem Jahr ist Glockenmusik sogar offiziell Teil des immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Und zumindest die Menschen, die bei der Rathausturm-Führung das Menschliche hinter der Glockenmusik kennenlernen, dürften nun zu schätzen wissen, wie wertvoll die Arbeit eines Glockenspielers wie Ulrich ist: „Die Menschen merken erst, was sie an etwas haben, wenn es nicht mehr da ist“.