„Steigen die Kosten, sinkt die Zahl der Kinder, die in die Kita gehen“, sagt die Forscherin Christiane Bomert. Foto: imago/Cavan Images

Stuttgart plant höhere Kitagebühren und weniger Ganztagsplätze. Drohen dadurch vor allem Frauen in alte Rollenmuster gedrängt zu werden? Eine Expertin gibt Einblicke.

Die Stadt Stuttgart wird die Kitagebühren erhöhen – wie viel, ist zwar noch unklar, aber dass es passieren wird, gilt als sicher. Zudem werden Ganztagsplätze zu Plätzen mit verlängerten Öffnungszeiten (VÖ) – also Plätzen mit geringerer Betreuungszeit – umgewandelt. Bei beidem heißt es von Betroffenen oft: Das dränge vor allem Frauen aus dem Job und zurück in traditionelle Rollenmuster. Ist das so – und wenn ja, warum? Wir haben bei der Stuttgarter Wissenschaftlerin Christiane Bomert, die an der Uni Tübingen forscht, nachgefragt.

 

Frau Bomert, sind höhere Kosten tatsächlich ein Grund, dass Menschen ihre Kinder nicht in die Kita geben?

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür: Die persönliche Einstellung, die familiäre Situation, die Ausgestaltung und Qualität der Kitas. Weitere Faktoren sind die Verfügbarkeit von Plätzen und wie gut das Angebot zu den finanziellen und zeitlichen Vorstellungen der Eltern passt. Etwa jede fünfte Familie mit einem Kind unter drei Jahren gibt an, einen Kitaplatz aufgrund der hohen Kosten nicht zu nutzen, wie eine Studie des Deutschen Jugendinstituts ergab. Das heißt also: Steigen die Kosten, sinkt die Zahl der Kinder, die in die Kita gehen. Und das bedeutet: Frauen arbeiten weniger, was sich auf armutsgefährdete Familien stärker auswirkt.

Warum ist das so?

Eine hohe Kitanutzung bedeutet, dass die Erwerbsbeteiligung der Mütter höher ist und in vielen Fällen beide Elternteile arbeiten. Dadurch steigt auch das Haushaltseinkommen. Das sind im Schnitt 12,7 Arbeitsstunden pro Woche mehr. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, Bürgergeld oder Sozialgeld zu beziehen. Von einer Kitanutzung profitieren gerade Familien mit geringerem Einkommen und alleinerziehende Eltern. Gute und bezahlbare Kitas verhindern damit, dass Familien in Armut abrutschen. Und für die öffentliche Hand, dafür gibt es auch Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung, heißt das: Für jeden Euro, den man in die Kita reinsteckt, kriegt man mindestens 2,10 Euro raus. Ausgaben für die Kindertagesbetreuung fließen durch höhere Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge wieder zurück.

Christiane Bomert Foto: privat

Was passiert, wenn sich Familien dagegen entscheiden, ihr Kind in die Kita zu geben?

Nur 23 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten oder armutsgefährdeten Familien besuchen eine Kita und damit deutlich weniger als ihre Altersgenossen. Bei den anderen Familien sind es laut einer Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 46 Prozent, also doppelt so viele. Dabei sind gute Kitas für benachteiligte Familien besonders wichtig. Denn in Kitas mit guter Qualität verbessert sich die sprachliche, sozioemotionale und kognitive Entwicklung deutlich. Das wiederum führt zu besseren Bildungschancen und wirkt sich so auch positiv auf das spätere Erwerbseinkommen aus. Allerdings sind Bildungsprozesse nicht vollständig auf ökonomische Effekte reduzierbar, da eben auch zahlreiche soziale wie persönliche Entwicklungen durch den Kitabesuch stattfinden. Auch die Integration von Müttern mit Fluchthintergrund ist um 42 Prozent höher, wenn deren Kinder die Kita besuchen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass das Kitaangebot zu den zeitlichen Vorstellungen der Eltern passen muss. Die Stadt Stuttgart will die Zahl der Ganztagesplätze reduzieren. Welchen Effekt hat das?

Die Anzahl der Alleinerziehenden, die in Vollzeit arbeiten, ist mit etwa 41 Prozent höher als bei Menschen in einer Partnerschaft mit 31 Prozent. Ohne Ganztagsplätze ist es für Alleinerziehende noch schwieriger, die Betreuung der Kinder und die finanzielle Absicherung der Familie in Einklang zu bringen. Gleichzeitig sind Ganztagsplätze auch wichtig, um die Sorgearbeit innerhalb der Familie egalitärer zu verteilen. Eine Reduktion solcher Plätze würde hingegen vor allem Frauen wieder stärker in traditionelle Versorgungsrollen drängen. Dass die aktuelle Debatte über die geplante Erhöhung der Kita-Kosten dennoch vor allem Frauen adressiert und ihre Erwerbsarbeit ständig gegen eine mögliche Nichterwerbstätigkeit – privat wie öffentlich – abgewogen wird, verweist auf fortbestehende geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Sorgeverantwortung.

Oft wird gefordert, dass Kitas ganz kostenfrei sein sollten. Ist das der einzige Weg für eine ideale Kinderbetreuung?

Es braucht keine völlige Abschaffung der Kita-Gebühren. Laut einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung sind ungefähr die Hälfte der Eltern bereit, einen höheren Beitrag für die Kinderbetreuung zu bezahlen. Allerdings ist das nur der Fall, wenn die Qualität in den Einrichtungen steigt. Das heißt: Wenn man das Gefühl hat, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind, ist die Bereitschaft dafür zu zahlen, auch höher. Darüber hinaus sind dann mehr Mütter bereit, erwerbstätig zu sein oder ihre Stunden auszudehnen – was sich positiv auf ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit auswirkt. Dafür braucht es aber auch mehr Kitaplätze, sie sollten weiter ausgebaut werden.

Die Forscherin

Zur Person
Christiane Bomert forscht am Institut der Erziehungswissenschaften der Uni Tübingen unter anderem zu Care-Arbeit und Ungleichheitsverhältnissen. Sie wohnt in Stuttgart und kennt die Kitalandschaft auch aus eigener Erfahrung: Sie hat selbst zwei Kinder im Kita-Alter.

Veranstlatung
Unsere Zeitung lädt am Sonntag, 30. November, zu einer Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Kitas in Stuttgart: Weniger Qualität für mehr Geld“. Zu Gast sind Katrin Schulze, Leiterin des Jugendamts Stuttgart, Lucia Teuscher, Bildungsforscherin der Initiative Zukunftsbildung, Julia Wagner, stellvertretende Vorsitzende der Konferenz der Gesamtelternbeiräte der Kitas in Stuttgart, und ein Erzieher. Die Veranstaltung im Kulturzentrum Merlin, Augustenstraße 72, beginnt um 11 Uhr. Sie findet parallel zum Merlin-Familienfrühstück im Café statt, das bereits um 10 Uhr beginnt. Die Zahl der Plätze ist begrenzt. Darum wird um eine Anmeldung unter www.zeitung-erleben.de/kitakosten gebeten.