Das Jugendamt will die Zahl der Ganztagsplätze um ein Drittel reduzieren. Wo stehen die Träger der Betreuungseinrichtungen in diesem Prozess – und warum will einer nicht reduzieren?
Als die Stadt Stuttgart Anfang 2024 ankündigt hatte, die Zahl der Ganztagsplätze in Krippen um ein Drittel reduzieren zu wollen, löste das bei vielen Eltern Existenzängste aus: Behalten wir unseren Ganztagsplatz? Wie sollen wir arbeiten, sollten wir keine langen Betreuungszeiten für unsere Kinder mehr bekommen? Solche Fragen kamen bei den Infoveranstaltungen zu den Plänen auf. Die Sorge war groß, dass handstreichartig viele Plätze von acht Stunden täglicher Betreuung auf sechs oder sieben Stunden heruntergefahren werden.
Gut ein Jahr später zeigt sich: Der Prozess der Umwandlung von Ganztags- in sogenannte VÖ-Plätze, geht langsam voran. Im aktuellen Kita-Jahresbericht der Stadt liegt der Anteil der Ganztagsplätze im Bereich der Krippen, also der Betreuung von Kindern unter drei Jahren, weiter bei rund 90 Prozent, im Kindergartenbereich bei 70 Prozent. Die Stadt strebt einen Anteil von 60 Prozent an .
Träger stellen nur „vereinzelte Anträge“
Tatsächlich sei bislang vor allem das Jugendamt mit seinen 185 Kitas Treiber dieses Prozesses, heißt es von Seiten der Stadt. 2024 habe man für knapp 1200 Plätze eine Umwandlung beantragt und sogenannte zeitgemischte Gruppen mit Ganztags- und VÖ-Plätzen geschaffen. Von freien Trägern habe es hingegen „nur vereinzelte Anträge“ gegeben. Zur Einordnung: Derzeit weist die Statistik insgesamt für Stuttgart knapp 8800 Plätze für Kinder bis drei Jahre und rund 19 000 Plätze für ältere Kinder aus.
Die Antragslage zum Haushalt 2026/27 zeichnet laut der Stadt ein ähnliches Bild: „Den vielen Anträgen des städtischen Trägers hin zu zeitgemischten Gruppen stehen wenige Anträge der freien Träger gegenüber.“ Im Dezember 2024 hatte die Stadt im Jugendhilfeausschuss vorgestellt, dass sie 2025 etwa 1100 bisher als Ganztag geplante Plätze im Krippenbereich (null bis drei Jahre) sowie knapp 2000 Plätze im Kindergartenbereich nun teils in Sechs-Stunden-Plätze umwandeln wird. Im Krippenbereich werden aus knapp einem Drittel VÖ-Plätze, im Kindergartenbereich aus 40 Prozent.
Aber warum stellen freie Träger wie Kirchen und private Kita-Betreiber bislang nur wenige Anträge? Immerhin ist ein Ziel dieses Prozesses, den eklatanten Fachkräftemangel in diesem Bereich abzufedern und trotzdem möglichst vielen Kindern einen Platz anzubieten. Derzeit gibt es allein knapp 1000 Kinder mit vier Jahren und älter, die keinen Betreuungsplatz haben.
Jörg Schulze-Gronemeyer, verantwortlich für 103 Einrichtungen der evangelischen Kirche Stuttgart mit 271 Gruppen, bestätigt, dass sein Haus nur „einzelne Anträge“ auf Umwandlung gestellt habe. Perspektivisch wolle man in den großen Einrichtungen mit drei oder vier Gruppen beim Ganztagsangebot bleiben, in den kleineren allerdings Gruppen bilden, die auch VÖ-Plätze beinhalten. „Ich schätze, dass wir fünf bis zehn Gruppen umstellen werden“, so Schulze-Gronemeyer. Derzeit konzentriere man sich allerdings darauf, offene Stellen zu besetzen, um so das bestehende Angebot zu stabilisieren.
Beim katholischen Stadtdekanat, das 60 Einrichtungen betreibt, sieht man die Umwandlung der Angebotsform als „langfristigen Prozess“ ohne „harte Schnitte“. Wenn zum Beispiel bauliche Veränderungen in einer der Kitas anstünden, „prüfen wir, welche Angebotsform sinnvoll ist und stimmen die Planung mit dem Jugendamt ab“, sagt die Sprecherin Nicole Höfle. Sie betont: „Wir stellen keine Einrichtung, in der die meisten Eltern auf einen GT-Platz angewiesen sind, auf VÖ um.“ Auch bei der Caritas, mit fünf Ganztags-Kitas ein kleiner Anbieter, ist man noch im Prozess mit jeder Einrichtung, so der Bereichsleiter Armin Biermann. Man wolle die Mitarbeiter, vor allem aber auch die Eltern mitentscheiden lassen.
Mit dem Elternwillen argumentiert auch der private Stuttgarter Träger Konzept-e, zu dem 45 Kitas gehören. Man verfolge weiter „konsequent das Ganztagsmodell, das Eltern die notwendige Flexibilität bietet“, heißt es auf Anfrage. Eine Umfrage in den Kitas habe ergeben: „Die wenigsten wollten Plätze dauerhaft umwandeln“, offenbar bestehe bei den Eltern kein erhöhter Bedarf an VÖ-Plätzen. Personell könne Konzept-e den Ganztag stemmen und „verlässlich anbieten“. Die Personalsituation habe sich „in Stuttgart durch unsere gezielten Qualifizierungsmaßnahmen deutlich verbessert“.
Die Stadt will den Kita-Prozess weiter vorantreiben. „Wir brauchen jeden Träger bei der Umwandlung, und dieser Prozess sollte möglichst synchron stattfinden“, heißt es vom Jugendamt. Man werde beim nächsten Kita-Trägertreffen darüber diskutieren.