Nicht selten träumen Kinder oder Jugendliche von einer Karriere als Ballerina, Tiktok-Star oder Fußballer, manche schießen sich ganz darauf ein. Kann das gefährlich werden?
Ich möchte Schauspielerin werden.“ Da steht die Tochter mit glänzenden Augen vor einem und weiß mit ihren sieben Jahren ganz genau, dass sie keinen anderen Beruf möchte. Was anderes kommt für sie nicht in Frage, sagt sie. Aber die Bedingungen an einem Filmset! Die Klatschpresse, das Reduzieren aufs Äußere! Und überhaupt, die wenigsten schaffen so eine Karriere! Ach Kind, muss das sein? Gibt es nichts Handfestes? Denkt man sich als Elternteil. Sagt man aber natürlich nicht. Man will schließlich die Träume dieses Mädchens nicht zerstören. Aber wie geht man dann damit um?
„Das ist doch erst einmal etwas Tolles, wenn Kinder Träume und Ziele haben“, sagt die Diplompsychologin und Buchautorin („Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen“) Elisabeth Raffauf. Das leuchtet ein: Ein Ziel vor Augen zu haben, motiviert, spornt an und erfüllt das Leben mit Sinn. Den Zukunftswunsch sollten Eltern erst einmal als Gesprächseinladung verstehen. „Lassen Sie das Kind erst einmal erzählen“, ermutigt sie Eltern.
Eine Karriere fällt nicht einfach vom Himmel
Auch die Pädagogin und Bestseller-Autorin Inke Hummel („Miteinander durch die Pubertät“) rät dazu, sich auf das Kind einzulassen, ihm aber auch zu zeigen, dass es in einen Traum Energie stecken muss, um ihn umzusetzen. Mögliche Fragen: Was muss man lernen, um den Traum zu verwirklichen? Welche Schritte sind für die Karriere notwendig? Wie viel Geld verdient man, und womit verdient man überhaupt sein Geld? Die Grundhaltung von Eltern sollte immer sein „ich unterstütze dich“, aber Kinder sollten verstehen, dass eine Karriere nicht einfach vom Himmel fällt und kein Garant für lebenslangen Reichtum ist.
„Gemeinsam mit dem Kind können Sie überlegen, wie man das Ziel erreichen kann“, so Hummel. Also Gesangsunterricht, Theatergruppe in der Schule, Fußballtraining im Verein, einen Videoschnittkurs und so weiter. „Der Wunsch danach sollte aber vom Kind kommen“, so Hummel. Also nicht den eigenen nie realisierten Traum beim Kind umsetzen, indem man das Kind mit fünf für den Cellounterricht anmeldet, der einem selbst von den eigenen Eltern verwehrt geblieben ist.
Die Pädagogin stellt klar: „Kinder werden nicht glücklich, wenn sie die unerfüllten Träume der Eltern ausleben sollen.“ Der beste Motor sei immer der Eigenantrieb. Wenn dann zwischendrin beim Klavierunterricht die Motivation ein wenig nachlasse, helfe es, anzustupsen, um den inneren Schweinehund zu überwinden. „Da zeigt sich dann, ob es ein wirklich tiefer Wunsch ist“, so die Pädagogin. Dass das Engagement mitunter nachlasse, sei durchaus normal. Auch dann helfe es den Kindern, das Hobby nicht sofort komplett abzubrechen, sondern zu verabreden, wie lange man noch austesten wolle.
Nicht selten sind es jedoch der Ruhm, das Geld und das Bewundertwerden, was Jugendlichen bei bestimmten Berufen vorschwebt. Sie sehen glamouröses Leben auf sozialen Netzwerken wie TikTok oder Instagram, vergleichen es mit ihrem langweiligen Matheunterricht und träumen sich aus dem Alltag. Wie bringen Eltern ihre Jugendlichen da auf den Boden der Tatsachen – und müssen sie das überhaupt?
Gerade wenn es um Träume geht, die mit Berühmtsein und Reichtum einhergehen, sei es wichtig, mit den Kindern darüber zu sprechen, dass man davon oft nur die Glitzerseite sehe, so Elisabeth Raffauf. „Kinder sehen, was die Prominenten erreicht haben, aber nicht den harten Weg dorthin.“ Die Misserfolge, all das Üben, genauso wie die Schattenseiten des Ruhmes wie Paparazzi und Shitstorms, bleiben Kindern und Jugendlichen oft verborgen – oder sie blenden das aus. „Reden Sie mit den Kindern auch über diese Dinge“, rät die Psychologin.
Nicht belehrend von oben herab mit dem Kind sprechen
Dazu kann man sich Biografien oder Interviews durchlesen und sich böse Kommentare in den sozialen Medien anschauen. Und das nicht belehrend von oben herab nach dem Motto „ich weiß, was gut für dich ist“, sondern gemeinsam mit dem Kind. Wie sieht der Tag von Musikstars aus? Wie viele Stunden am Tag übt eine Sängerin wie Adele? Wann haben Fußballprofis mit dem Fußball angefangen und wie oft haben sie als Kind pro Woche trainiert? Was muss ein Influencer den ganzen Tag lang machen und womit verdient er sein Geld? Macht der Ruhm die Stars wirklich glücklich?
Doch nicht immer sind Träume auch erreichbar. Und manchmal werden sie so ausdauernd verfolgt, dass andere Dinge darunter leiden. Die Schule, die Freunde, andere Hobbys. Für die Mathearbeit lernen? Wieso denn, das braucht man als Schauspielerin in Hollywood doch eh nicht? Nicht immer hören Kinder und Jugendliche auf die gut gemeinten Ratschläge der Eltern.
Den Traum schlecht zu reden, einen Erfolg in Abrede zu stellen oder gar zu versuchen, dem Kind seine Pläne auszureden, wirkt eher kontraproduktiv. Besser sei es, ein Beziehungsnetz aufzubauen, sagt Inke Hummel. Also nicht nur selbst mit den Kindern zu sprechen, sondern andere Bezugspersonen miteinbeziehen. Zum Beispiel die Patentante, den Vertrauenslehrer oder die Großmutter. „Wir sehen dich und suchen eine Lösung, aber wir sehen auch, was schief gehen kann“ – mit dieser Grundhaltung erreicht man die Kinder am ehesten.
Aber: Was tun, wenn der Teenie ein Jahr vor dem Abitur beschließt, die Schule zu schmeißen? Ein Graus für viele Eltern. Verbieten können sie das rechtlich nicht – aber einen Plan fordern, so Inke Hummel. Und zwar einen möglichst konkreten: „Teenie, ich will wissen, wie du dir das vorstellst. Wie willst du Geld verdienen, hast du einen Businessplan, hast du einen Plan B und einen Weg zurück?“ Dazu ein Ultimatum stellen: „In zwei Wochen brauche ich eine Antwort von dir.“ So müssen sich die Jugendlichen damit auseinandersetzen, dass eine Karriere nicht vom Himmel fällt – und dass es auch immer die Möglichkeit gibt, zu scheitern.
Umwege gehören zum Leben dazu
Auch sollte der Traum oder das Haupthobby nicht mit der gesamten Persönlichkeit gleichgesetzt werden: „Wenn ein Kind geradezu fanatisch nur eine Sache verfolgt, sollten Eltern immer wieder an andere Stärken erinnern, damit sie bei Rückschlägen wissen, dass sie mehr sind als nur das eine Hobby.“ Dieses Wissen helfe dabei, wenn ein Traum platzt oder aufgegeben werden muss, etwa wegen einer Sportverletzung oder weil auch die vierte Schauspielschule einen nicht aufnehmen möchte.
Oft entstehen aus solchen Situationen neue Chancen – das ganz normale Leben halt. „Eltern sollten Kindern zugestehen, auch Umwege zu machen oder aber auch mal Fehlentscheidungen zu treffen“, so Raffauf. Das sind Erfahrungen, die zum Leben gehören. Wichtig sei besonders eines: „Den Kindern das Gefühl mitzugeben, dass es jemanden gibt, der an sie glaubt.“