Bisher war es meist schwer, einen Kitaplatz für seine Kinder zu bekommen – das könnte sich bald ändern. Foto: imago/Cavan Images

Nach den Tagesmüttern melden nun auch erste Kitas immer wieder freie Plätze. Dazu sinkt die Geburtenrate. Wir suchen nach Antworten, ob es bald Kitaplätze im Überfluss geben könnte.

In Whatsapp-Gruppen für Eltern liest man gerade immer wieder: „Ab sofort Plätze frei“, oder: „Wir sind dringlich auf der Suche nach zwei Familien, die einen Krippenplatz benötigen“. Und der Kitafinder, das Portal der Stadt Stuttgart für die Kitasuche, wirft immerhin 42 Einrichtungen mit freien Plätzen ab sofort aus. „Es gibt einzelne Einrichtungen, die sagen: Es wird schwerer, die Plätze zu füllen“, sagt etwa auch Sandra Hörner vom Dachverband der Stuttgarter Eltern-Kind-Gruppen (EKG), die in Stuttgart 53 Einrichtungen betreiben.

 

Die vergangenen Jahre standen vor allem im Zeichen eines Mangels an Kitaplätzen. Die Stadt hat die Plätze in den vergangenen Jahren kräftig ausgebaut, gleichzeitig fehlten Fachkräfte. Eltern schlugen mitunter wegen zu wenig und unzuverlässiger Betreuung Alarm. 

Platzzahl steigt, Geburtenrate sinkt

Aber während die Kitaplätze ausgebaut werden, gingen zuletzt die Geburtenraten nach unten. Deswegen stellt sich die Frage: Kommen dadurch immer weniger Kinder in die Kitas nach? Und baut die Stadt vielleicht gerade am Bedarf der kommenden Jahre vorbei?

Innerhalb von zwei Jahren sank die Zahl der Kinder im Krippenalter – also von 0 bis 3 Jahre – in Stuttgart um fast 2000: Von 17.100 Kindern im Jahr 2022 auf 15.200 im Jahr 2024. Das zeigen Daten des Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart. Der Rückgang habe mehrere Gründe, sagt Attina Mäding vom Statistischen Amt. Einerseits sei die Geburtenrate stark gesunken, gleich viele Frauen bekommen also weniger Kinder. In den vergangenen beiden Jahren lag der Mittelwert bei 5300 Geburten, in den Jahren davor waren es knapp 6500. Damals hätten die Kinder der Babyboomer häufig Nachwuchs bekommen und die Zahlen nach oben getrieben, so Mäding.

Menschen zwischen 30 und 40 verlassen die Stadt

2024 haben zudem mehr Menschen die Stadt verlassen, als hinzugezogen sind – und zu denen, die die Stadt verlassen, würden zum Beispiel oft Menschen zwischen 30 und 40 zählen, sagt Mäding. Sie sind also in dem Alter, in dem viele Leute Familien gründen.

Bei den 3- bis 6-Jährigen setzt der Effekt verzögert ein. Das Statistische Amt berechnet, dass die Kinder in dieser Altersgruppe bis einschließlich 2028 immer weniger werden.

Hält der Trend an?

Eine zentrale Frage für die Kita-Auslastung ist, ob weiterhin immer weniger Kinder im Kitaalter nachwachsen. Die Vorausberechnung des Statistischen Amtes prognostiziert, dass vor allem in den Jahren 2026 und 2027 die Zahl der Kinder im Krippenalter wieder stärker ansteigt, bei einem moderaten Zuzug. Allerdings sei die – recht hohe – Geburtenrate der Jahre 2017 bis 2022 die Grundlage dieser Berechnung, sagt Mäding. Ihr Fazit: „Es könnte einen nachholenden Effekt geben“. Das heißt: Dass die Entscheidung für ein Kind aufgeschoben wurde und es im kommenden Jahr wieder mehr Nachwuchs in Stuttgart gibt. „Aber es könnte auch ein länger anhaltender Trend nach unten sein“, sagt Mäding.

Vor allem dieser länger anhaltende Trend nach unten könnte bedeuten, dass Kitas ihre Plätze nicht mehr besetzt kriegen. Tageseltern spüren diesen Effekt bereits jetzt: Früher hatten sie lange Wartelisten, nun kriegen sie ihre Plätze kaum voll. Manche bangen um ihre Existenz. Der Tenor des Jugendamtes Stuttgart zu der Frage ist: Ein Überangebot erwarte man nicht.

So viele Plätze gibt es derzeit

Derzeit gibt es in Stuttgart knapp 8700 Kitaplätze für Kinder unter 3 Jahren – ein Zuwachs von rund 1200 in den vergangenen zehn Jahren, wie das Jugendamt mitteilt. Der Versorgungsgrad liegt bei 57,1 Prozent, der Zielwert ist 59 Prozent. Für Kinder über 3 Jahren stehen knapp 19.200 Plätze zur Verfügung, 1500 mehr als zehn Jahre zuvor. Das bedeutet einen Versorgungsgrad von 100 Prozent. Der Versorgungsgrad gibt allerdings nur die statistisch verfügbaren Plätze wieder.

Tatsächlich können viele davon nicht belegt werden. Gründe seien etwa laufende Bauvorhaben, Sanierungsarbeiten oder fehlendes Personal, so das Jugendamt. Dem fehlenden Personal versucht die Stadt mit einer Umverteilung von Ganztags- auf VÖ-Plätze mit weniger Betreuungsstunden entgegenzuwirken. 500 Kitaplätze wurden so geschaffen. Von Eltern gibt es dafür mitunter Kritik, dass die kürzeren VÖ-Zeiten für Berufstätige oft nicht ausreichen würden.

Jugendamt will weiter Kitaplätze ausbauen

Die Stadt will daher weiter Kitaplätze ausbauen – aber anders als bisher. Vor allem einzelne Stadtbezirke hätten weiterhin einen Ausbaubedarf, teilt das Jugendamt mit. Deswegen wolle man in den kommenden Jahren nicht mehr flächendeckend, sondern punktuell Kitaplätze ausbauen.

Und wie sehen Kitas die Lage? „Es ist nirgends so, dass man Kitas gar nicht voll kriegt oder vor der Schließung steht“, sagt Sandra Hörner von den Eltern-Kind-Gruppen. In einer Kita, die gerade noch freie Plätze gemeldet hatte, hieß es auf Nachfrage unserer Zeitung, man sei gerade dabei, wieder aufzufüllen. Hörner sieht in der aktuell nachlassenden Nachfrage zudem etwas Positives: „Das wird eine Chance sein, die Betreuung zu verbessern und auf die Qualität der Betreuung in unseren Einrichtungen hinzuweisen“.