Zweimal die Woche bietet der Stuttgarter Kinder- und Jugendarzt Özgür Dogan in seiner Praxis Grippe-Impfungen an – so auch für den knapp siebenjährigen Caspar. Foto: Regine Warth

Im Olgäle des Klinikums Stuttgart sind die ersten Kinder mit schweren Verläufen der Grippe stationär aufgenommen worden. Was Kinderärzte Eltern in Sachen Impfung raten.

Den kleinen Piks in den linken Oberarm hat Caspar kaum gespürt. Er verzieht kurz das Gesicht, widmet sich aber schnell der „Schatzkiste“, die der Kinderarzt Özgür Dogan dem knapp Siebenjährigen vor der Impfung vor die Nase gesetzt hat. „So, das war’s“, sagt Dogan, Obmann der Stuttgarter Kinder- und Jugendärzte. In einem Monat folgt die zweite Dosis, dann sollte Caspar in diesem Winter für die saisonale Grippewelle gewappnet sein, so die Einschätzung des Experten.

 

Die ersten Ausläufer der Influenza haben Stuttgart schon erreicht: Aus dem Olgäle, dem Kinderkrankenhaus des Klinikums Stuttgart, kommen erste beunruhigende Nachrichten von den Intensivmedizinern. Der niedergelassene Kinderarzt Dogan hat die jüngste Mail ausgedruckt und für die Eltern seiner Patienten laminiert: „Die Influenza geht nun richtig los – inklusiver schwerer und lebensbedrohlicher Verläufe“, heißt es in dem Schreiben.

Täglich mindestens ein Influenza-Patient in der Klinik

Deshalb empfehlen die Stuttgarter Klinikärzte klar die Impfung für alle Kinder ab sechs Monate sowie für alle Jugendliche – im Gegensatz zu den unabhängigen Fachleuten der Ständigen Impfkommission (STIKO), denn die halten an der Grippeimpfung für Menschen ab 60 Jahren und für Risikogruppen fest.

Der Leiter der Pädiatrischen Interdisziplinären Notaufnahme (PINA) des Klinikums Stuttgart hält diese Beharrlichkeit für einen Fehler: „Wir haben über die Woche täglich mindestens ein Kind, das aufgrund einer Influenza-Infektion stationär aufgenommen werden muss“, sagt Friedrich Reichert unserer Zeitung. „Auch sehr schwere Verläufe haben wir dieses Jahr schon gesehen.“

Kinderärzte in Stuttgart impfen großzügig gegen die Grippe

Zwar könne man daraus noch keine Prognose stellen, wie die Influenza-Saison in diesem Jahr bei Kindern verlaufen werde. „Die neue Variante H3N2 Subklade K, die in anderen Ländern schon dominiert, hat aber das Potenzial zu einer schwereren Grippewelle“, sagt Reichert. Im Olgahospital sprechen sich die Ärzte schon länger für die Impfung aller Kinder ab sechs Monaten aus. „Die umliegenden Kinderarztpraxen impfen auch großzügig“, sagt Reichert.

Rund 800 Dosen haben Özgür Dogan und sein Praxisteam in Stuttgart-Süd in diesem Herbst schon verimpft. „Ab Oktober sprechen wir die Eltern unserer Patienten auf die Möglichkeit der Grippe-Impfung an und verweisen auf unsere Impf-Sprechstunde hin, die wir zweimal pro Woche anbieten.“ Diese werden gut angenommen – nicht nur von Familien, deren Kinder chronisch krank sind. „Ich denke, dass die Erfahrungen der letzten Grippe-Saison, in der ungewöhnlich viele Kinder zu leiden hatten, viele zu dieser Entscheidung bewogen hat“, sagt Dogan.

In Baden-Württemberg übernimmt die Kasse die Impf-Kosten

Nach Angaben eines aktuellen Berichts der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) waren in der vergangenen Grippesaison 2024/2025 viele Kinder schwer an Influenza erkrankt, darunter viele ohne Vorerkrankungen: Von Januar bis Mai seien etwa 135.000 Menschen wegen der Grippe im Krankenhaus behandelt worden, darunter knapp 30.000 Minderjährige. Weshalb auch die Divi Anfang Dezember forderte, die Impfempfehlung auf Kinder aller Altersklassen auszuweiten.

Einzelne Bundesländer gehen daher schon Sonderwege: Nach Angaben des Landesgesundheitsministeriums kann in Baden-Württemberg auf der Grundlage der öffentlichen Impfempfehlung nach Abwägung mit dem Arzt oder der Ärztin über die STIKO-Empfehlung hinaus die Impfung in Anspruch genommen werden. Auch diese Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenkasse.

Kritik an der Grippeimpfung für alle

Dennoch sind sich nicht alle Experten einig über die Sinnhaftigkeit einer Impfung von Kindern und Jugendlichen: So hält beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) eine allgemeine Impfempfehlung für nicht sinnvoll: Die meisten gesunden Kinder und Jugendlichen würden eine Grippe gut überstehen, heißt es.

Das wissen auch Impfbefürworter wie Özgür Dogan. Es gehe bei der Impfung aber nicht nur um den Schutz der geimpften Kinder. „Gerade im Kita- und Grundschulalter können die Kinder das Virus weitertragen und andere – auch gefährdete – Gruppen damit anstecken“, sagt Dogan. Dies lasse sich leicht verhindern.