Marco Bertazzoni in seinem Eiscafé in der Bahnhofstraße Foto: Roberto Bulgrin

Sie ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt: In Esslingen steht die wohl älteste noch existierende Eisdiele Deutschlands. Was ist ihr Erfolgsrezept?

Das Eis wird traditionell hergestellt. Seit 125 Jahren. In Esslingen gibt es die wahrscheinlich älteste noch bestehende Eisdiele Deutschlands. 1901 gegründet, hat das Eiscafé Bertazzoni über die Stadtgrenzen hinaus Bekanntheit erlangt. Milch, Zucker, Eier, Obst, Nüsse, selbstgemachte Marmelade – für sein Eis verwendet Chef Marco Bertazzoni natürliche Zutaten und keine Zusatzstoffe. „Anders würde ich es auch nicht essen wollen“, sagt der 58-Jährige.

 

Seine Familie blickt auf eine lange Tradition des Eisherstellens zurück. Urgroßvater Giulio Bertazzoni kam 1886 aus Italien nach Esslingen, als Bauleitung im Straßenbau. In der Altstadt lernte er Urgroßmutter Mathilde Hägele kennen, erzählt Urenkel Marco Bertazzoni. Das erste Geschäft der Familie stand im Jahr 1901 wohl dort, wo heute das Merkel’sche Bad thront. 1903 folgte ein Umzug auf die Innere Brücke, 1905 kauften die Bertazzonis den auch heute noch existierenden Standort in der Pliensaustraße. „Das eigentliche Geschäft war damals aber der Verkauf importierten Orangen, Trauben oder auch Zitronen. Eis gab es in den Sommermonaten zur Überbrückung“, sagt Bertazzoni.

1915 flüchtete die Familie wegen des Ersten Weltkriegs in die Schweiz, kam zurück und durchlebte die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Mitte der 1950er Jahre schärfte sich der Geschäfts-Fokus auf das Eis – der Verkauf von Früchten fiel weg. „Mein Urgroßvater hat weit über Esslingen hinaus Standorte gehabt und Kunden von Plochingen bis Vaihingen mit Eis beliefert“, sagt Marco Bertazzoni. Ab den 70er Jahren habe man das Geschäft unter anderem aus Personalgründen immer weiter reduziert.

Bertazzoni in Esslingens Pliensaustraße – warum geschlossen?

Seit 1983/84 existiert der Standort an der Bahnhofstraße, der eigentliche Stammsitz an der Pliensaustraße ist derzeit geschlossen. „Die wirtschaftliche Lage in der Straße ist so desolat, dass es sich einfach nicht rechnet, dort aufzumachen“, sagt der Eiscafé-Chef. Grundsätzlich seien die Herausforderungen über die Jahrzehnte hinweg größer geworden.

Eis-Salon Bertazzoni in der Pliensaustraße um 1950 Foto: privat

Die Konkurrenz hat stark zugenommen „und früher war es kaum möglich, in Esslingen draußen zu sitzen. Das haben nur wenige Läden angeboten, unter anderem wir. Heute gibt es das viel häufiger“. Die Menschen konsumierten zudem weniger, bemerkt Bertazzoni. „Mittlerweile ist es Standard, dass ein oder zwei Kugeln bestellt werden. Mehr als drei Kugeln sind selten geworden.“

Liegt das an den gestiegenen Preisen für ein Eis? Zwei Euro kostet die Kugel mittlerweile, in den 80er Jahren seien es noch 40 Pfennig gewesen, sagt Bertazzoni. Doch auch die Gehälter der Kundinnen und Kunden seien gestiegen, merkt er an. „Für die Zeit, Qualität und Energie, die wir in das Eis stecken, ist das eigentlich günstig.“ Die Kugeln in der heutigen Zeit seien zudem deutlich größer als früher.

Heute wird laut Marco Bertazzoni die linke Kelle für Eiskugeln verwendet. Früher war die rechte im Einsatz. Foto: xan

Bertazzoni in Esslingen: Daran erkennt man gutes Eis

Marco Bertazzoni hat ein Händchen fürs Eis. Klar, sagt er, „ das bekommt man bei so einer Familie mit“. Ganz zielgerade war der Weg zum Eiscafé-Chef jedoch nicht, auch wenn Bertazzoni bereits in der frühen Jugend im elterlichen Geschäft geholfen hat: Ursprünglich studierte er Kunstgeschichte und promovierte auch darin. Einen Job in dem Bereich hätte er sich gut vorstellen können. „Aber dann war bei uns Not am Mann und mein Vater hat mich gebeten, zu kommen.“ Heute ist er mit der Entscheidung zufrieden. „Es ist eine schöne Arbeit. Wir stellen etwas Tolles her. Und ich kenne niemanden, der es so traditionell macht, wie wir.“ Zwei Tage braucht die Eisherstellung, verwendet werden traditionelle Maschinen.

Bertazzoni macht klar, woran man ein gutes Eis erkennt: Hübsch aufgetürmt sei es schon einmal nicht, das Eis brauche stets Minustemperaturen zwischen 12 und 14 Grad. Das sei notwendig, denn „je schneller das Eis schmilzt, desto besser ist es.“ Und: Eis dürfe cremig sein aber nicht klebrig. Mit dieser Qualität will der 58-Jährige sein Geschäft noch längere Zeit fortführen. Ob seine beiden Söhne – sie studieren derzeit im Ausland – die Familientradition aufrechterhalten, lässt er offen. „Aber es ist auf jeden Fall eine Option.“