Michael Kaufmann legt Hand an: Der Geigenbaumeister schließt zum Dezember seine Werkstatt. Foto: Werner Kuhnle

Mit 72 Jahren schließt Geigenbaumeister Michael Kaufmann aus Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) sein Geschäft. Kunden müssen künftig weitere Wege in Kauf nehmen.

Wer die Geigenmeisterei in der Bietigheimer Altstadt betritt, spürt sofort, dass dieser Laden etwas ganz Besonderes ist. Seit 13 Jahren baut, verkauft, vermietet und repariert Michael Kaufmann hier Streichinstrumente.

 

Das kleine Geschäft in der Schieringerstraße – etwas abseits gelegen in der Altstadt – dient sowohl als Verkaufsfläche als auch als Werkstatt. Hier hängt nicht der Himmel, aber doch die Werkbank voller Geigen. Dekoriert ist die Geigenmeisterei mit Kunstwerken, kleinen Figuren und vor allem Geigen in jeglicher Form.

Dieses Kleinod will Kaufmann im Alter von 72 Jahren im Dezember endgültig aufgeben. „Ich habe noch vieles andere vor“, sagt der gebürtige Detmolder, der sich auf den Ruhestand mit seiner Ehefrau freut. Die freie Zeit künftig will er neben der Familie dem Reisen mit Bahn und Fahrrad widmen.

„Der Klang, die Ästhetik – das ist einfach perfekt.“

Michael Kaufmann, Geigenbauer
Geigenverkauf und Werkstatt in einem Raum: So sieht es in der Geigenmeisterei in Bietigheim aus. Foto: Werner Kuhnle

So ganz freiwillig kommt der Abschied allerdings nicht. Kaufmann hat eine schwere Sehbehinderung, die schon dazu führte, dass er mit dem Geigenbauen aufhören musste. Auch die Reparaturen sind nur mit größter Anstrengung möglich. Das will er mit 72 nicht weiter machen. Man kann es ihm kaum verdenken.

Sorge wegen digitalem Euro

Kaufmann ist ein kritischer Geist. Er informiere sich sehr breit und nicht nur über die „Mainstream-Medien“, wie er sagt. Aktuelle Entwicklungen – vor allem hin zu mehr digitalem Zahlungsverkehr – bereiten ihm Sorge. Obwohl für Geigen-Wartungen bei ihm schnell mehrere hundert Euro fällig sind, kann man deshalb bei Kaufmann nicht mit EC-Karte zahlen. Nur Bargeld oder eben die Zahlung auf Rechnung, die per Post kommt, sind möglich.

Der Wahl-Bietigheimer erlernte seinen in Bayern, obwohl er aus Ostwestfalen stammt. Nach einer weiteren Station in Hamburg, lockte ihn ein Stellenangebot aus Stuttgart nach Baden-Württemberg. Als der Betrieb dort altersbedingt schloss, machte sich Kaufmann selbstständig und landete in Bietigheim. „Hier fühle ich mich wohl“, sagt der Geigenbaumeister.

Verbundenheit zur Stadt

Damit meint er nicht nur seinen Laden, sondern auch die Stadt an Metter und Enz. Er wohne schön auf der Lug – eine begehrte Wohngegend in der Großen Kreisstadt – und sei gut in der Stadt integriert.

Kaufmanns Weg war ein wenig familiär vorbestimmt. Sein Vater und sein Bruder haben Musik studiert, sein Großvater hängt als geigespielendes Relief an einer Wand in seiner Geigenmeisterei. Er selbst musiziert natürlich auch, unter anderem hat er in einem Laienorchester in Stuttgart mitgewirkt. Aber weil er handwerklich nicht unbegabt ist, zog es ihn zur Geigenbauerei.

Fünf Jahrzehnte und 90 Geigen

90 Geigen habe er in seinen fünf Jahrzehnten im Beruf selbst gebaut und in jede fließe ein Stück Persönlichkeit des Bauers mit ein. Wenn man den 72-Jährigen fragt, warum er sich denn gerade das Streichinstrument für seine Erwerbstätigkeit ausgesucht habe, gerät er ins Schwärmen: „Der Klang, die Ästhetik – das ist einfach perfekt.“ Sanft streicht er dabei über eine seiner Geigen und zeigt die Feinheiten jeder Kurve im Holz.

Die Liebe zur Musik und zum Instrument ist aber nicht alles: „Ich habe gern Kontakt zu den Kunden.“ Ob Profimusiker oder kindlicher Anfänger, die Beratung sei ein Teil des Berufs, der ihm ebenso Spaß mache, wie das Tüfteln an den Holzinstrumenten.

Trends wie Online-Shops oder Billigware bereiten dem erfahrenen Handwerksmeister keine schlaflosen Nächte. Wer es ernst mit dem Geigespielen meine, komme um gute Qualität nicht herum. Die kriege man zu Beginn auch im Mietverhältnis, damit nicht gleich viel investiert werden müsse.

Wer sich dann mal für eine seiner selbst angefertigten Geigen interessiert, muss schon mal einen fünfstelligen Euro investieren. Einen Abverkauf seines Sortiments, das auch aus Instrumenten besteht, die Kaufmann nicht selbst gebaut hat, ist geplant.

Für viele Kunden reißt der Abschied Kaufmanns eine große Lücke. Wie er selbst sagt, gibt es im Stuttgarter Umland nur wenige Geigenbauer. Um einen Nachfolger hatte er sich durchaus bemüht, allerdings bislang keinen gefunden. „Vielleicht ergibt sich noch was“, sagt Kaufmann. Der Beruf sei weiterhin attraktiv, die Berufsschule in Bayern immer voll, aber viele schrecke das Risiko der Selbstständigkeit.

Das können Geigenbauer

Handwerk
Geigenbauer stellen Streichinstrumente wie Geigen, Bratschen, Celli oder Kontrabässe her. Aus verschiedenen Holzarten sägen sie Instrumententeile wie Böden, Decken, Schnecken oder Hälse. Sie bearbeiten die Teile durch Hobeln und Schleifen und leimen sie zusammen. Sorgfältig tragen sie den Lack zum Schutz des Instrumentes auf. Nach dem Zusammenbau ziehen sie die Saiten auf.

Gutachten
Zudem reparieren und restaurieren sie beschädigte Streichinstrumente und beraten Kunden bei Neuanschaffungen, Zubehör und klanglichen Verbesserungen. Ebenso erstellt ein Geigenbauer laut dem Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher auch Wertgutachten und Expertisen für Instrumente.

Ausbildung
Da der Beruf des Geigenbauers so selten ist, kann man nur zwischen zwei Berufsfachschulen deutschlandweit wählen – die eine liegt in Mittenwald in Bayern, die andere in Klingenthal in Sachsen. Um aufgenommen zu werden muss ein Eignungstest bestanden werden, in dem ein Instrument gespielt werden muss. Auch müssen angehende Auszubildende präzises Zeichnen nachweisen und einen praktischen Test bestehen.