2023 fanden sich rund 70 Leute am Heiligabend zum Kaffeetrinken und Gottesdienst im Arbeiterzentrum ein. Foto: Betriebsseelsorge

Wer alleinstehend oder einsam ist oder finanzielle Probleme hat, für den bietet die Katholische Betriebsseelsorge Böblingen an Heiligabend einen geselligen Nachmittag mit einem Weihnachtsessen und Geschenken an. Der Bedarf an einem warmen, kostenlosen Essen ist größer denn je – sogar im reichen Kreis Böblingen.

Weihnachten – das Fest der Liebe und der Familie, das Fest reichhaltigen Essens, prächtig geschmückter Christbäume, bunt verpackter Geschenke und des geselligen Beisammenseins. Nicht jeder aber kann sich dieses Jahr auf Gemeinschaft und nette Gesten freuen. Viele sind alleinstehend, fühlen sich einsam, befinden sich in finanziellen Nöten oder haben niemanden in der Umgebung, der mit ihnen Heiligabend gemeinsam begehen könnte.

 

Gerade für diese Menschen öffnet die Katholische Betriebsseelsorge Böblingen am 24. Dezember wieder ihre Pforten. „Wir möchten alle, die Lust haben, in Gemeinschaft ein paar schöne Stunden zu verbringen, einladen zu Kaffee, Christstollen, einem ökumenischen Gottesdienst und einem warmen Abendessen“, sagt der Betriebsseelsorger Marian Schirmer. Das diesjährige Weihnachtsmenü orientiert sich dabei an einer in vielen Familien bewährten Weihnachtstradition: „Es wird Saitewürschdle und Kartoffelsalat geben. Jeder bekommt zudem ein Geschenktütle mit geistigen und leiblichen Impulsen“, verrät Schirmer.

Eine Geste, die gut ankommt

In den vergangenen 37 Jahren, in denen die Katholische Betriebsseelsorge die Heiligabendveranstaltung in der Sindelfinger Straße bereits anbietet, sind viele Menschen der Einladung gefolgt. „Wir hatten oft bis zu 100 Gäste. Das können Menschen sein, die alleine leben und einsam sind, die keinen Kontakt zu ihrer Familie haben oder die sich kein warmes Abendessen leisten können. Es können aber auch einfach alte Weggefährten sein, die gerne vorbeischauen möchten“, erläutert der Organisator. Viele Gäste zeigten sich erfahrungsgemäß dankbar darüber, dass speziell an diesem Tag Gemeinschaft angeboten wird.

In diesem Jahr rechnet Schirmer mit 50 bis 70 Gästen. Los geht’s um 14.30 Uhr mit Kaffee und Christstollen, später wird ein Gottesdienst vor einer ganz besonderen Krippe den Bezug zum Ursprung des christlichen Weihnachtsfests herstellen. Dafür hat sich Marian Schirmer in diesem Jahr eine Krippe der unkonventionellen Art ausgedacht. „Oben stehen zwar Jesus, Maria und Josef. Wir haben aber keinen Ochsen und keinen Esel, wie Krippen sonst. Dafür haben wir viele Päckchen und einige Figuren. Auch Autos sind zu sehen. Diese gehören zu unserer Arbeitswelt hier im Kreis Böblingen dazu. Die Botschaft dahinter lautet: Wir alle haben Päckchen zu tragen. Päckchen stehen aber auch für unseren Alltag, zum Beispiel wenn wir Weihnachtsgeschenke bestellen. Diese bringen die Paketdienstleister, die nicht selten in sehr prekären Arbeitsverhältnissen sind“, sagt Schirmer, dessen Büro sich passenderweise im Arbeiterzentrum befindet.

Wirtschaftlich Benachteiligte haben es zunehmend schwer

Abgesehen von den Corona-Jahren, in denen keine Geselligkeit in geschlossenen Räumen möglich war, wurde das Heiligabend-Angebot stets gut angenommen. Das liege vor allem an den Arbeits- und Lebensbedingungen vieler. „Der Bedarf ist heute größer als 1987. Viele arbeiten in schwierigen Lohnverhältnissen oder sind arbeitssuchend, können sich die Mieten oder Lebensmittelpreise nicht mehr leisten. Es gibt viele Rentner und Alleinerziehende, die kaum über die Runden kommen. Und das im wohlhabenden Böblingen-Sindelfingen“, so Schirmer. Doch auch hier seien Deregulierung, weniger Sozialstaat und eine schwächelnde Wirtschaft spürbar.

Marian Schirmer, Betriebsseelsorger in Böblingen. Foto: Simon Granville

Eine Besserung der Lage für das wirtschaftlich untere Drittel der Bevölkerung erwartet Schirmer, der in Rottenburg für die SPD im Gemeinderat sitzt, nicht angesichts einer Merz-CDU und einer AfD im Aufwind – zweier Parteien, die Geringverdiener und Bürgergeldempfänger weiter würden schröpfen wollen.

„Wir wollen insgesamt für ein möglichst breites Publikum ein Anlaufpunkt sein – auch für Kirchenferne“, so der Seelsorger, der seit Jahren auch gewerkschaftlich aktiv ist. Obwohl Schirmer eine auf die Weihnachtsgeschichte bezogene Predigt vorbereitet hat, zu religiös soll es selbst an einem der höchsten kirchlichen Feiertage dennoch nicht werden: „Wir wollen explizit jeden ansprechen – egal, wie viel man mit Kirche und Glaube am Hut hat. Deshalb ist unser Saal ein offener Ort, an dem auf der einen Seite gegessen, getrunken und geschwätzt und auf der anderen Seite der Weihnachtspredigt gelauscht werden kann.“

Auch die Organisatoren können noch feiern

Schirmer, der seit 2020 die Stelle des Betriebsseelsorgers ausfüllt, wird sich an jenem Abend aufteilen zwischen Böblingen und Rottenburg, wo der 33-Jährige lebt. Dort wird er am späten Abend mit Familie den Heiligabend begehen. So werden es auch die sieben ehren- und hauptamtlichen Kräfte, die das Heiligabendfest im Arbeiterzentrum auf die Beine stellen, handhaben. „Gegen 21 Uhr werden wir zum Ende kommen. Dann kann jeder auch privat sein Weihnachtsfest feiern“, wünscht sich Marian Schirmer.