Atakan Karazor ist seit Samstagabend der erst dritte Kapitän einer Mannschaft des VfB Stuttgart, der den DFB-Pokal in Empfang nehmen durfte. Wie hat er diesen Moment erlebt?
Er hatte das vermutlich nicht gehört. Aber kurz bevor in Berlin am Samstagabend das Pokalfinale zwischen dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld angepfiffen worden ist, bereitete Frank Verlaat seinen Nachfolger schon einmal auf diesen besonderen Moment vor. „Es ist“, sagte der Niederländer, der 1997 als VfB-Kapitän den Pokal gewonnen hat, „ein geiles Gefühl.“ Er sprach über den Augenblick, in dem der Spielführer den Pott in den Berliner Nachthimmel recken darf.
Und mittlerweile weiß auch Atakan Karazor, was Frank Verlaat meinte.
Um 21.57 Uhr am Samstagabend stand fest: Der VfB Stuttgart hat durch ein 4:2 gegen Arminia Bielefeld zum vierten Mal den DFB-Pokal gewonnen. Es folgte bereits da ausgelassener Jubel, ehe dann alle Spieler und der Trainer ihre Medaille bekamen und auf dem Podium in freudiger Erwartung Aufstellung nahmen. Dann kam Atakan Karazors ganz besonderer Moment. Für den er sich ein bisschen Zeit nahm.
„Im ersten Moment“, sagt er, „wollte ich nichts falsch machen.“ Doch noch etwas anderes war dem 28-Jährigen wichtig, nachdem ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den goldenen Pokal überreicht hatte. „Ich wollte“, sagte Karazor, „einfach allen Jungs noch einmal in die Augen schauen.“ Erst „als ich den letzten dann gesehen hatte, habe ich mich umgedreht und das Ding hochgereckt“.
„Schönster Moment in meinem Leben“
Im Konfettiregen von Berlin reichte er den Pott dann schnell weiter an seine Mitspieler, bekam ihn wieder und hatte vor allem einen hartnäckigen Konkurrenten in Sachen Pokal-Liebkosungen: Deniz Undav. Der Stürmer nahm seinem Capitano auch später, als dieser mit den Reportern sprach, das Ding wieder ab. Karazor bestand allerdings darauf, dass er entscheiden werde, wer den Pokal mit auf das Hotelzimmer nehmen darf.
Er selbst erhob darauf eher keine Ansprüche. Warum auch? Die Ehre, den Pokal als erster VfB-Spielführer seit 1997 in Empfang zu nehmen, war ohnehin schon riesengroß. „Dieser Moment“, sagte er, „wird für immer bleiben.“ Später schrieb er in den sozialen Medien vom „schönsten Moment in meinem Leben“. Den so vor sechs Jahren wohl keiner hat kommen sehen.
Der VfB war im Mai 2019 gerade in die zweite Liga abgestiegen, als der Neuaufbau begann. Und Atakan Karazor Teil davon wurde. Der in Essen geborene Mittelfeldspieler kam von Holstein Kiel nach Stuttgart und hatte erst einmal keinen Stammplatz im Team. Nicht wenige sahen in ihm nicht mehr als einen durchschnittlichen Zweitligaspieler. Aber Karazor zeigte in den folgenden Monaten und Jahren vor allem eines: Dass er mit den Aufgaben wachsen kann.
Nach und nach erhöhte sich sein Standing, er stieg mit dem VfB auf, kämpfte mit dem Club erfolgreich gegen Abstieg und fand dann vor zwei Jahren in Angelo Stiller seinen kongenialen Partner auf der Stuttgarter Doppelsechs. Der jüngere Kollege ordnet das VfB-Spiel, gibt den Takt vor, spielt mitunter geniale Pässe. Karazor spielt den anderen Part, führt Zweikämpfe, Kopfballduelle und beschränkt sich nach Ballgewinnen oft auf den einfachen, aber eben auch sicheren ersten Pass. So führte das zentrale Duo den VfB zur Vizemeisterschaft und in die Champions League. Was sich mit Karazors Leistungen auch steigerte: sein Einfluss auf den Rest der Mannschaft. Weshalb er nach dem Abgang von Waldemar Anton im Sommer 2024 der neue Kapitän des VfB wurde.
Weil der Club zu ihm hielt, als er auf Ibiza eines sexuellen Übergriffs beschuldigt wurde, betont er stets seine Dankbarkeit gegenüber dem Verein und dessen Fans. „Der Pokal ist für euch alle“, schrieb er daher nun auch.
Beim VfB reiht sich Atakan Karazor nun ein in die bisher eher kurze Liste der Pokalsieger-Kapitäne. Vor ihm und Frank Verlaat gab es nämlich nur einen: Bei den ersten beiden Erfolgen 1954 und 1958 war jeweils Robert Schlienz der Spielführer der Weiß-Roten.