Mit 20 Jahren ist Julia Meladin die Newcomerin am deutschen Musikhimmel. Ihre Lieder handeln von Missbrauch, Selbstwert und dem Druck, perfekt zu sein. Auf der Tour kommt sie auch nach Stuttgart. Wir haben mit ihr über das Leben ihrer Träume gesprochen.
Mit gesellschaftskritischen Liedern zu sensiblen Themen wie Vergewaltigung und Schönheitswahn erreicht Julia Meladin innerhalb kürzester Zeit eine Rekordzahl an Followern in den sozialen Medien. Nur ein Jahr später unterschreibt sie einen Plattenvertrag bei Sony. Im Februar geht die 20-Jährige Überfliegerin auf Tour – und kann selbst kaum glauben, wie ihr Leben gerade verläuft.
Ist Julia Meladin eigentlich ein Künstlername?
Das ist tatsächlich mein Künstlername. Dahinter verbirgt sich eine ganz witzige Geschichte. In der zweiten Klasse hatten meine Freunde einen Zweitnamen und ich wollte auch einen haben und habe mich Meladin genannt. Ich glaube, ich wollte mich eigentlich Melanie nennen, aber ich konnte das nicht so richtig aussprechen. Das habe ich dann einfach beibehalten und auf alle meine Klassenarbeiten meinen Namen mit meinem selbst ausgedachten Zweitnamen geschrieben. Als ich angefangen habe mit der Musik, hat das super gepasst, da es auf Social Media noch keine Julia Meladin gab.
Gestartet hast Du nach deinem Abitur vor drei Jahren und hast Dich quasi selbst in den sozialen Medien vermarktet.
Am Anfang lernt man ziemlich schnell, dass man bei den größeren Labels keine Chance hat, gezeigt zu werden, wenn man keine Reichweite hat. Daher habe ich mir nach meinem Abi zunächst eine Reichweite über Tiktok aufgebaut, indem ich einfach ein paar Songausschnitte ganz unprofessionell hochgeladen habe. Die gingen dann ziemlich schnell viral. Dadurch habe ich sehr viele Abonnenten dazubekommen. Ich bin auch auf Wünsche von Leuten eingegangen. Ein Jahr später habe ich dann meinen ersten Song ganz alleine ohne Label rausgebracht. Das war der Song „Angst“. Meine Eltern haben das Musikvideo mit mir gedreht. Bei meinem Musiklehrer habe ich das eingesungen und am Klavier eingespielt.
Du hast eine beeindruckende Stimme, Deine Songtexte schreibst Du selbst, Du komponierst selbst, Deine Bild-Cover sind ein Hingucker. Was kannst du nicht?
Mir ist tatsächlich das Visuelle auch immer wichtig deswegen. In meinem Studium der Wirtschaftskommunikation war auch ein großer Designteil dabei. Deswegen habe ich am Anfang auch die Cover meistens selber designt. Bei Musikvideo-Drehs oder Shootings mache ich auch jetzt noch meistens Moodboards, wo ich Bilder draufmache, wie ich mir das genau vorstelle und dann zusammen mit dem Regisseur schaue, wie wir das umsetzen. Ich habe meistens ein genaues Bild vor mir, wie ich möchte, dass die Sache am Ende ausschauen soll.
Kommst du auf die Themen deiner Texte selbst, sind das eigene Erfahrungen oder Vorschläge von deinen Followern oder Freunden?
Es ist sehr unterschiedlich. Ich würde fast sagen, es ist fifty-fifty. Ich bekomme sehr häufig private Nachrichten , in denen mir Menschen ihre Geschichten erzählen und mich das so inspiriert, dass ich direkt so ein komplettes Bild vor Augen habe und das dann in Songs packen möchte. Ich schreibe auch viel von meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen, aber es hat meinen Horizont total erweitert, dass ich auch über andere Themen singe, die mich nicht direkt betreffen, die ich aber sehr wichtig finde.
Schreibst Du deine Texte alle selbst?
Den Großteil der Lieder schreibe ich selber. Beim kommenden Album habe ich alles alleine geschrieben, bis auf einen Song, der in der Session entstanden ist und die beiden Features. Aber ich habe gemerkt, dass ich diese ganz tiefen Gedanken und Emotionen viel besser aus mir rausholen kann, wenn ich alleine bin. Deswegen schreibe ich am liebsten meine Songs alleine am Klavier in meinem Zimmer.
Wie lange schreibst du an einem Song?
Häufig bin ich so inspiriert, gerade wenn ich irgendwie eine Nachricht sehe oder manchmal auch von Filmen oder Büchern, wo ich einen Absatz lese und mir denke, das ist ein guter Song und dann kann das teilweise wirklich total schnell gehen. Dann steht das in einer halben Stunde. Manchmal dauert es auch länger, je nachdem, wie einen auch das Thema fasziniert.
Du beschäftigst dich in deinen Texten viel mit Selbstwert und Selbstzweifel. Sind das auch Themen, die dich persönlich betreffen?
Ich glaube, dass ich das selber auch habe. Gerade heutzutage durch Social Media, kennt das vermutlich jeder. Man sieht so viele Leute, die ihre perfekten Seiten und ihre perfekten Leben teilen und es wäre fast unnormal, wenn man da nicht selber irgendwie ein bisschen Unsicherheiten bekommen würde. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, so ein Thema aufzugreifen, um den Leuten zu zeigen: ,Das geht jedem so, ihr seid nicht alleine mit diesen Unsicherheiten.’
Du wirst zu diesen Themen von vielen als Sprachrohr von jungen Mädchen und Frauen wahrgenommen.
Als ich mit TikTok angefangen habe, gab es viele männliche Sänger, die sich gesellschaftskritisch viel geäußert haben, aber im weiblichen Raum eigentlich so gut wie gar niemand. Deswegen fand ich das auch schön, dass man Statements setzt. Aber ich habe das Gefühl, es gibt jetzt immer mehr – auch durch die Freiheit auf Social Media, einfach mal die Sachen rauszuhauen, da dadurch auch mehr Möglichkeiten entstanden sind - gerade für Frauen.
In dem Song „Deine Schuld“ geht es unter anderem darum, dass Frauen, nur weil sie einen kurzen Rock tragen, nicht mitschuldig an einer Vergewaltigung sind.
Bei diesem Song fand ich es besonders krass, dass da einerseits der Gegenwind kam von Leuten, die gesagt haben: ,Es reicht jetzt auch langsam mal mit dem Thema.’ Und man denkt sich: ,Nein, es reicht eben nicht, weil immer noch zahlreiche Frauen von ihren Erfahrungen erzählen, was ihnen passiert ist. Da merkt man, wie groß das Problem eigentlich noch in der Gesellschaft ist und wie wichtig es ist, dass man nicht aufhört, darüber zu reden.
Dein neuestes Lied heißt Ms. Grinch. Darin kritisiert du die Heuchelei an Weihnachten. Bist du ein Weihnachtsmuffel?
Weihnachten an sich mag ich sehr gerne und das Zusammenkommen mit der Familie. Weihnachten ist aber auch für viele Leute eine sehr schwere Zeit ist, weil man oft diese perfekte, glückliche Familie vorgeheuchelt bekommt. Ich fand es einen schönen Weg, das zwar lustig aufzuarbeiten in dem Song, aber trotzdem damit auch ernste Themen anzusprechen, wie den Fleischkonsum, Massentierhaltung anzusprechen oder den Konsum an Geschenken.
Wie stehen deine Eltern zu deinen kritischen Songtexten, wenn es um Weihnachten oder Erziehung, etwa bei dem Song „Beispiel daran“, geht?
Meine Eltern sind meine allergrößten Supporter. In der Sekunde, in der ich einen Song fertiggeschrieben habe, schicke ich den direkt meinen Eltern. Die lieben alles, was ich mache. Ich hatte zum Glück nie ein schweres Verhältnis zu meinen Eltern.
Im Februar gehst du das erste Mal auf Tour. Zehn Städte in elf Tagen. Das ist ordentlich.
Ja, da muss ich aufpassen, dass ich mir vor der Tour keine Erkältung einfange. Ich werde mir da auch mithilfe einer Stimmtrainerin Techniken aneignen, um nicht heiser zu werden.“
Du singst auf deutsch – war das eine bewusste Entscheidung?
Früher habe ich sehr, sehr viel auf Englisch geschrieben für mich selbst. Wenn mich das Bedürfnis überkommt schreibe ich auch jetzt noch manchmal auf Englisch. Aber auf Deutsch kann ich viel mehr das sagen, was ich sagen will, weil du dich in der Muttersprache ganz anders artikulieren kannst. Gerade die Jüngeren verstehen die Texte in Deutsch eher als im Englischen und da kommt die Message dann auch eher rüber.
Hast du denn musikalische Vorbilder?
Olivia Rodrigo und Avril Lavigne – also eher die rockigeren.
Wirst du auf offener Straße schon öfter erkannt?
Es ist schon komisch, wenn man in Berlin unterwegs ist, abends nach Hause kommt, in seine Nachrichten schaut und dir Leute geschrieben haben: ,Ich hab dich heute da und da gesehen’. Man wird dadurch auch paranoid. Wenn ich in der Bahn sitze, Jugendliche zu mir schauen und tuscheln, überlege ich: ‚Haben die mich erkannt oder sprechen die über etwas ganz anderes?’
Du bekommst viele positive Kommentare in deinen sozialen Kanälen. Hast Du auch schon einmal Hate erlebt?
In den eigenen Social-media-Kanälen bekommt man immer ganz viel positive Kommentare. In dem Moment, wo dann etwas viral geht und Leute außerhalb vom eigenen Follower-Kreis das sehen, kommen natürlich immer mal negative Kommentare. Aber ich habe ganz gut gelernt, mich davon abzukoppeln. Wenn jetzt jemand schreibt, du kannst nicht singen, dann nehme ich das nicht mehr persönlich.
Deine anstehende Tour führt dich auch nach Stuttgart. Warst du schon einmal hier?
Ich war bisher einmal in Stuttgart, dieses Jahr im Sommer. Da hatte ich einen Auftritt bei der UEFA-Fanmeile. Leider hatte ich da nicht so viel Zeit, mir die Stadt anzugucken. Aber das, was ich gesehen habe, hat mir richtig, richtig gut gefallen.
Deine Tour heißt „Leben meiner Träume“ – so wie auch einer Deiner Songs. Lebst du gerade das Leben deiner Träume?
Genau deswegen habe ich auch meine Tour, „Leben meiner Träume Tour“ genannt. Ich wollte unbedingt diesen Titel, weil das auch das Leben meiner Träume ist.
Newcomerin
Julia Meladin
Julia Meladin wurde am 19. Dezember 2003 in Brandenburg geboren. Sie hat noch einen zwei Jahre älteren Bruder. Nach einem Eignungstest wurde sie ein Jahr früher eingeschult und hat mit 17 Jahren Abitur gemacht. Danach zog sie nach Berlin und studierte Wirtschaftskommunikation. Parallel zu ihrem Studium hat sie begonnen, ihre Songs auf TikTok hochzuladen und baute sich damit schnell eine große Community auf. Auf TikTok hat sie über 300k Follower:innen, 73k sind es auf Insta, bei Spotify 46.000k. Nur ein Jahr später, 2022, unterschrieb sie einen Plattenvertrag mit Sony. Vor kurzem hat Julia Meladin ihre Bachelorarbeit in Wirtschaftskommunikation abgegeben. Nun möchte sie sich erst einmal der Musik widmen. Im Januar erscheint ihr neues Album. Im Februar geht sie auf Tour und gastiert am 13. Februar auch im Wizemann in Stuttgart. Julia Meladin schreibt und komponiert ihre Songtexte zum Großteil selbst. Sie spielt Gitarre, Schlagzeug und Klavier. Mit acht Jahren hat sie ihren ersten Song geschrieben – auf Englisch.